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26.7.2011 | Von:
Sybille Frank

Der Mauer um die Wette gedenken

Checkpoint Charlie als außergewöhnliche Heritage-Stätte

Und doch ist der Checkpoint Charlie ein ganz besonderer Fall. Denn international betrachtet treten bei der Planung und Gestaltung von Heritage-Stätten nationale oder lokale Regierungen üblicher Weise als Struktur vorgebende Akteurinnen auf, die Heritage als ökonomisches Entwicklungsmodell, politisches Herrschaftsinstrument oder als Medium kultureller Verständigung nutzen und hierzu hoch regulierte Allianzen mit privaten Akteuren schmieden. Am 1992 privatisierten Checkpoint Charlie allerdings gibt es keine eine solche Struktur vorgebende öffentliche Akteurin. Entsprechend zeigt sein Beispiel die Entstehung einer Heritage-Industrie abseits geregelter Verfahren. Als ein Ort, der in Reaktion auf die touristische Nachfrage in zahlreichen unverbundenen, zudem miteinander konkurrierenden Einzelaktionen entwickelt wurde, markiert der Checkpoint Charlie ein Handlungsfeld unterschiedlicher privater und öffentlicher Erinnerungsanbieter, die um die Deutungshoheit über den Ort und die mit ihm verbundenen Profite ringen.

Wohin ein solches Steuerungsdefizit führt, illustriert die Konstruktion des Checkpoint Charlie als Opfer-Ort. Dieser Prozess wurde ab 2004 maßgeblich von Alexandra Hildebrandt, der Chefin des 2002 privatisierten Museums Haus am Checkpoint Charlie vorangetrieben, das den Schrecken der Mauer und die Unüberwindbarkeit der Grenze thematisierte. Dass die Schauspielstudierenden mit ihrem Angebot den Grenzübergang - und damit die Durchlässigkeit der Grenze - betonen, stellte für Hildebrandt, ebenso wie die Präsenz zahlreicher fliegender Händlerinnen, die am Checkpoint Charlie DDR-Devotionalien feilbieten, eine "Verhöhnung der Opfer"[7] der Teilung und ein "Vergehen an der Geschichte"[8] dar. Um der Geschichtsinterpretation des Museums auch räumlich Ausdruck zu verleihen, eröffnete sie daher im Oktober 2004 auf den von ihr für einige Monate gepachteten Brachen des einstigen American Business Centers ein privates Maueropfermahnmal. Es bestand aus der Rekonstruktion eines etwa 200 Meter langen Teilstücks der Mauer und 1065 im ehemaligen Todesstreifen angesiedelten schwarzen Holzkreuzen. Jedes der übermannshohen Kreuze symbolisierte ein Todesopfer des DDR-Grenzregimes, dessen Namen, Lebensdaten und gegebenenfalls Foto es trug.

Obwohl Hildebrandt vom Bezirk Mitte lediglich eine "temporäre Kunstaktion" genehmigt worden war, erklärte die Museumschefin nach der Einweihung des Mahnmals, ihre Installation stehenlassen zu wollen. Ihr Argument lautete, dass das bisherige "offizielle" Mauergedenken am von Bund und Land in den 1990er Jahren an der Grenze zwischen den Bezirken Mitte (Ost) und Wedding (West) errichteten Gedenkort Bernauer Straße, wo sich viele dramatische Fluchtgeschichten abgespielt hatten, zu verkopft und für Touristinnen und Touristen nur schwer zu erreichen sei. Demgegenüber sei der Checkpoint Charlie ein international bekanntes Symbol der Weltenteilung, und so sei es nur folgerichtig, an diesem zentral gelegenen touristischen Ort auch der Opfer dieser Weltenteilung zu gedenken.

Laut Hildebrandt sollten also nicht die Touristinnen und Touristen zu den Gedenkorten, sondern vielmehr das Gedenken an die touristischen Aufenthaltsorte reisen. Dort sollten die Kreuze die Symbolik der Mauer und ihrer Opfer unmittelbar und drastisch vermitteln und Emotionen auslösen. Im Gegensatz zum - in der Tradition der "History" stehenden - fachwissenschaftlich geprägten Angebot des Gedenkorts Bernauer Straße, der eine abgeschlossene künstlerische Rekonstruktion der Berliner Mauer, ein Mauer-Dokumentationszentrum sowie eine Gedenkkapelle aufwies, wurde das Mauermahnmal am Checkpoint Charlie als erlebnisorientierte Heritage-Stätte präsentiert, die sich in erster Linie an den Erwartungen internationaler Besucherinnen und Besucher orientierte.

Fußnoten

7.
Alexandra Hildebrandt, zit. nach: Veronika Nickel, Checkpoint Charlie. Wieder eine Baracke verhüllt, in: die tageszeitung vom 4.6.2004.
8.
Pressemitteilung des Museums Haus am Checkpoint Charlie, zit. nach: Felix Müller, Ein Gespenst geht um am Checkpoint Charlie, in: Berliner Morgenpost vom 3.6.2004.

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