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26.7.2011 | Von:
Sybille Frank

Der Mauer um die Wette gedenken

Authentizität als Kampfbegriff

In Berlin stieß die Thematisierung kaum vergangenen menschlichen Leids in einem touristischen Kontext durch eine private Anbieterin, ebenso wie die Rekonstruktion der Mauer, auf ein höchst kritisches Echo. Dabei schälte sich "Authentizität" als zentrales Unterscheidungsmerkmal zwischen der öffentlichen Gedenkstätte und dem privaten Mahnmal heraus.

Die britischen Heritage-Forscher John Tunbridge und Gregory Ashworth haben gezeigt, dass unterschiedliche Auslegungen des Begriffs eines der häufigsten Szenarien für Konflikte um die Präsentation einer Vergangenheit als Heritage darstellen.[9] Historikerinnen und Kustodinnen verstünden unter "Authentizität" gewöhnlich eine fixe Wahrheit, die "Echtheit" eines historischen Originals, das Authentizität "besitze" und somit einen Wert an sich habe. Demgegenüber definierten Heritage-Planerinnen und Tourismusanbieterinnen Authentizität den Bedürfnissen der Konsumentinnen und Konsumenten entsprechend. Für diese gilt all das als authentisch, was den Erwartungen entspricht: Menschen, die einen Ort gezielt aufsuchen, bringen üblicherweise ein vorgefertigtes Bild von diesem Ort mit, das sie sich zuvor über unterschiedliche Medien angeeignet haben. Besucherinnen und Besucher des Checkpoint Charlie erwarten beispielsweise, vor Ort Relikte des berühmten Kontrollpunkts und der Mauer zu finden. Originale sind dabei nicht unbedingt notwendig, denn als Träger einer historischen Information oder auch Impression, einer authentischen Erfahrung, vermag eine gute Kopie ebenso gut zu taugen wie ein "Original".

Laut Tunbridge und Ashworth durchmischen sich beide Auffassungen von Authentizität in der Praxis sehr häufig, was die Forscher nicht nur auf die Akteursvielfalt, sondern auch auf die besondere Organisationsstruktur der Heritage-Industrie zurückführen: "(D)ie verwendeten Materialien, das heißt Museen, denkmalgeschützte Gebäude, historische Stadtbilder und so weiter, stehen unter der Obhut von Personen oder Institutionen, die ein angebotszentriertes Verständnis ihrer Arbeit haben, während die Produzentinnen von Heritage ein nachfragorientiertes Verständnis aufweisen."[10] Trete ein Konflikt um konkurrierende Definitionen von Authentizität auf, so äußere dieser sich meist in Form wechselseitiger Vorwürfe des Elitismus bzw. der Trivialisierung - so zum Beispiel, wenn touristische Anbieter mit einer nachfrageorientierten Auffassung von Authentizität Heritage kommodifizierten und in diesem Zusammenhang "Themenparks" entstünden, die von Produzentinnen mit einer angebotsorientierten, quellenbasierten Auffassung von Authentizität üblicherweise als "unauthentisch" oder "disneyhaft" abgelehnt werden.

Diese Konstellation spiegelt auch die Debatte um den Checkpoint Charlie wider. Sie illustriert den Moment, in dem das Recht der bisher mit der Aufgabe der Geschichtspflege befassten Regierungsvertreterinnen und -vertreter, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Denkmalexpertinnen und -experten auf Authentifizierung von einer privaten Anbieterin herausgefordert wurde. Da die Einflussmöglichkeiten der politischen Akteure auf den privatisierten Checkpoint Charlie begrenzt waren, musste die ins Wanken geratene soziale Ordnung auf dem Feld der Geschichtspflege nun diskursiv wiederhergestellt und dieses Recht mit Hilfe des Disneyfizierungs-Vorwurfs kulturell verteidigt werden.

Während in Berlin eine breite Koalition aus Opferverbänden und Tourismusanbietern Hildebrandts Mahnmal dafür lobte, dass angesichts der drastischen Symbolik des Todesstreifens mit den Kreuzen am Checkpoint Charlie "selbst ein Tourist aus Japan sofort begreift, was die Mauer für Berlin bedeutete",[11] verurteilte eine nicht minder breite Koalition aus Regierungsvertreterinnen, Kulturfunktionären, Denkmalexpertinnen und Kuratoren den Checkpoint Charlie als einen durch "Kunstbausteine" charakterisierten und daher "disneyfizierten" Ort: Der Standort der Mauerrekonstruktion sei, so hieß es, nicht authentisch, da leicht verschoben, die verwendeten originalen Mauersegmente hätten nie am Checkpoint Charlie gestanden, der frühere Grenzübergang sei niemals ein Ort des Massensterbens gewesen, und die emotionalisierte Darstellungsform sei insgesamt ungeeignet, Lehren aus der Geschichte zu vermitteln.[12]

Diese Argumentation führte jedoch in ein Dilemma. Denn angesichts des längst vollzogenen Abrisses der Mauer musste auch das "offizielle" Mauergedenken an den meisten Orten der Stadt ohne historische Substanz auskommen. Überdies war auch der Mauergedenkstätte am Gedenkort Bernauer Straße von ihren Kritikerinnen und Kritikern stets ein Authentizitätsdefizit attestiert worden: Die von "Mauerspechten" skelettierten dortigen Mauerreste waren einer umfassenden Betonsanierung unterzogen worden. Auch diese Gedenkstätte zeigte keine "authentische", sondern eine künstlerisch überhöhte Rekonstruktion des Todesstreifens, und auch an der Bernauer Straße hatte nie ein Sterben hunderter Maueropfer stattgefunden.

In dieser misslichen Lage entwickelte der Senat ein modernisiertes Authentizitätskonzept, das auch ohne historische Relikte auskommt. Es kann als "am Ort des Geschehens angesiedelt" tituliert werden. Es schrieb einem Ort eine spezifische, sich jeweils aus dem dortigen historischen Geschehen ableitende Thematik zu, für die dann nur dieser Ort Authentizität beanspruchen konnte. Dieser Sichtweise zufolge sollte am demontierten Checkpoint Charlie allein die Thematisierung des Einsatzes der Alliierten für Berlin als authentisch gelten. Legitimer Ort des Maueropfergedenkens zu sein, wurde allein der Bernauer Straße zuerkannt - auch wenn das international wohl berühmteste Maueropfer, Peter Fechter, am Alliierten-Kontrollpunkt gestorben war. Hier lautete die vom historischen Geschehen abgeleitete Begründung, dass die Bernauer Straße, lokal betrachtet, Schauplatz besonders vieler dramatischer und einiger tödlicher Fluchten gewesen sei.

In die erbitterte Konkurrenz der (auf der Relevanz der lokalen Perspektive beharrenden) öffentlichen und der (international ausgerichteten) privaten Mauergedenkstätte kam erst 2005 erneut Bewegung, als die Bankaktiengesellschaft, auf deren Grundstück das touristisch enorm erfolgreiche private Mahnmal stand, Räumungsklage gegen die Museumschefin einreichte. Hildebrandts Appelle an die Öffentlichkeit, für den Erhalt ihres Mahnmals einzutreten, verhallten in Berlin, für das der "Ausländerübergang" stets ein "fremder Ort" gewesen war, weitgehend ungehört. Nur kurz von einigen ehemaligen Stasi-Häftlingen aufgehalten, die sich aus Protest gegen die mangelnde Würdigung der Opfer der SED-Diktatur in Berlin an die Kreuze angekettet hatten, konnten die Bagger ihre Arbeit pünktlich verrichten.

Und doch hatte das private Mahnmal ein unerwartet langes Nachleben: 2005 empfahl ein fraktionsübergreifender Antrag des Deutschen Bundestages das Brandenburger Tor als Gedenkort an die Mauer und ihre Opfer. Die Abgeordneten argumentierten, dass das (für die Berlinerinnen und Berliner über Jahre nicht zugängliche) Brandenburger Tor, im Gegensatz zur Bernauer Straße, ein international bekanntes Mediensymbol der Teilungsgeschichte und daher am besten dazu geeignet sei, bei Touristinnen und Touristen sowie Nachgeborenen "authentische Gefühle" hervorzurufen. Damit standen sich das vom Senat verfochtene Modell des authentischen "Ortes des Geschehens" und das ursprünglich von Hildebrandt propagierte, nun vom Bund sekundierte Modell des "Ortes der (inter)nationalen Aufmerksamkeit" erneut gegenüber.

Wie reagierte der Senat auf diese schwierige Situation? Und was wurde aus dem Checkpoint Charlie?

Fußnoten

9.
Vgl. John E. Tunbridge/Gregory J. Ashworth, Dissonant Heritage. The Management of the Past as a Resource in Conflict, Chichester-New York-Brisbane 1996.
10.
Ebd., S. 11 (Übs. der Autorin).
11.
So der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, zit. nach: Thomas Loy, Botschaft mit Kreuzen, in: Der Tagesspiegel vom 2.11.2004.
12.
Für eine ausführliche Schilderung und Analyse der Debatte vgl. S. Frank (Anm. 2), S. 259-305.

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