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26.7.2011 | Von:
Sybille Frank

Der Mauer um die Wette gedenken

Checkpoint Gallery: der Bauzaun als Manifest

Heute befindet sich am Checkpoint Charlie die Checkpoint Gallery, eine vom Regierenden Bürgermeister von Berlin beauftragte, 2006 eröffnete Open-Air-Ausstellung, welche die bis heute brachliegenden privatisierten Gelände des einstigen American Business Centers umstellt. Sie widmet sich drei Themen: Erstens präsentiert sie die geglückten und gescheiterten Fluchten über den Checkpoint Charlie, womit sie das Museum Haus am Checkpoint Charlie seines Privilegs auf die Darstellung der Fluchtschicksale am ehemaligen Kontrollpunkt beraubt. Zweitens führt die Gallery die Bedeutung des ehemaligen Grenzübergangs als Symbol der internationalen Blockkonfrontation im Kalten Krieg vor und somit die Geschichtsinterpretation des Senats ein. Und drittens präsentiert die Gallery das Themenspektrum aller weiteren, abseits der touristischen Routen gelegenen Berliner Gedenkorte an die Mauer. Auf diese Weise findet sich das vom Senat verfochtene Konzept des "Orts des Geschehens" am Checkpoint Charlie letztlich mit dem Konzept des "Orts der internationalen Aufmerksamkeit" amalgamiert: Die internationale Bekanntheit des früheren Kontrollpunkts wird nun dazu genutzt, vor Ort über die dezentral gelegenen Mauergedenkorte, die je spezifische, an "authentischen Orten" platzierte Themen adressieren, zu informieren und somit auch das lokale Authentizitätskonzept zu bewerben.

Die Probleme, die durch die Privatisierung und die mangelnde politische Steuerung der Entwicklungen am Checkpoint Charlie hervorgerufen wurden, sind allerdings ungelöst geblieben. Zum einen sehen sich heutige Besucherinnen und Besucher mit einer schier unüberschaubaren Dichte von konkurrierenden Informationen, Interpretationen und Angeboten konfrontiert. Zum anderen ist der Disneyfizierungsvorwurf nach wie vor schnell zur Hand, wenn es darum geht, sich gegen erlebnisorientierte Geschichtsvermittlungsangebote privater Akteure abzugrenzen.

Doch stehen die Touristinnen und Touristen vor der Tür, und das, was hierzulande als "disneyhaft" gilt, ist zum Beispiel für Menschen aus den USA oder Japan in der Regel ein höchst attraktives Angebot. Wenn sich die öffentliche Hand der von Heritage-Touristinnen nachgefragten Themen nicht annimmt, so tun dies private Anbieter, wie der eingangs erwähnte Fall des privaten DDR-Museums an der Berliner Museumsinsel zeigt. Entsprechend illustriert das Beispiel des Checkpoint Charlie, dass historische Ereignisse von internationalem Rang in einem globalisierten, von Reisetätigkeit geprägten Zeitalter von Gesellschaften bereits kurz nach diesen Ereignissen in Heritage verwandelt werden müssen - so sensibel dieser Prozess angesichts bestehender Zeitzeuginnenschaften auch sein mag. Die lokal unwillkommene, aber von Touristinnen und Touristen unbeirrt in Eigenregie vorgenommene Umgestaltung des "Ground Zero" in New York zu einer globalen Heritage-Stätte ist hierfür nur ein weiteres berühmtes Beispiel.

Umso wichtiger wäre es also für die Politik nicht nur in Berlin, die Ökonomisierung und Globalisierung von Vergangenheitsbezügen im Kontext einer sich internationalisierenden Heritage-Industrie zu akzeptieren, zu steuern und stadtentwicklungspolitisch nutzbar zu machen. Und umso wichtiger wäre es für die Wissenschaft, diese Prozesse vorurteilsfrei zu untersuchen und professionell zu moderieren. Ein erster Schritt in diese Richtung wird in Berlin bereits getan: Um sich im Wettbewerb um das Gedenken an die Mauer einen festen Platz zu sichern, wird der Gedenkort Bernauer Straße inzwischen zu einer "Erlebnislandschaft" umgebaut.


Dossier

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