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28.12.2010 | Von:
Petra Böhnke

Ungleiche Verteilung politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation

Partizipation nach Einkommen und Erwerbsstatus

Einige dieser Zusammenhänge werden im Folgenden exemplarisch mit Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aufgezeigt. Diese Umfrage hat den Vorteil, dass sie detaillierte Informationen zu Erwerbs- und Einkommensverläufen bereit stellt, und dieselben Personen in regelmäßigen Abständen die gleichen Fragen beantworten. Somit lassen sich Entwicklungen über die Zeit und im individuellen Lebensverlauf darstellen. Es gehen aber auch Beschränkungen damit einher, denn Fragen nach politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation werden im SOEP weniger detailliert und nicht jedes Jahr erhoben.

Ich möchte mich auf drei Indikatoren konzentrieren, die unterschiedliche Aspekte von Partizipation abdecken: politisches Interesse (Wie stark interessieren Sie sich für Politik?), freiwilliges Engagement (ehrenamtliche Tätigkeiten in Vereinen, Verbänden oder sozialen Diensten) und politische Partizipation (Beteiligung in Bürgerinitiativen, in Parteien, in der Kommunalpolitik). Es wird dargestellt, wie unterschiedlich stark diese Formen gesellschaftlicher Teilhabe in benachteiligten und privilegierten Bevölkerungsschichten vertreten sind und wie sich die Beteiligungsquoten seit dem Jahr 1992 entwickelt haben. Es werden jeweils zwei Gruppen gegenüber gestellt: arme und wohlhabende Menschen sowie Vollzeit-Erwerbstätige und Arbeitslose.

Abbildung 1 (sh. Abb. in der PDF-Version) veranschaulicht die Entwicklung von 1992 bis 2008 in Gesamtdeutschland. Man erkennt eines deutlich: Arme und Arbeitslose haben vergleichsweise niedrige Partizipationsraten, die weit unter den Quoten der wohlhabenden oder vollerwerbstätigen Personen liegen. Das gilt sowohl für ehrenamtliches Engagement und Aktivitäten in Parteien oder Bürgerinitiativen als auch für das politische Interesse im Allgemeinen. Die Aktivitätsraten der privilegierten Bevölkerungsgruppen sind im Schnitt nahezu doppelt so hoch wie die von armen oder arbeitslosen Personen.

Zur Entwicklung im Zeitverlauf lässt sich zusammenfassend feststellen: Das politische Interesse ist bei allen betrachteten Gruppen in den 1990er Jahren angestiegen. Ab 2000 ist jedoch ein stagnierender und mitunter sinkender Trend sichtbar. Die Quoten für ehrenamtliches Engagement steigen ab Ende der 1990er Jahre an, etwas deutlicher bei der einkommensstarken Bevölkerungsgruppe. Im letzten kurzen Beobachtungsfenster sieht man eine rückläufige Bewegung beziehungsweise Stillstand. Der Trend für die Aktivität in Parteien, Bürgerinitiativen oder der Kommunalpolitik kann trotz einiger Schwankungen als Rückzug gedeutet werden. Allerdings ist hier in jüngster Zeit wiederum ein Anstieg zu verzeichnen, der von allen betrachteten Gruppen mit vollzogen wird. Die neueren Entwicklungen sind hier noch nicht abgebildet, so dass sich nicht sagen lässt, ob dies der Beginn eines neuen Mitwirkungsverständnisses ist.

Auch diese Befunde bestätigen den Zusammenhang zwischen einerseits geringen ökonomischen Ressourcen oder Arbeitslosigkeit als Merkmale sozialer Ungleichheit und niedriger Teilhabe am politischen und gesellschaftlichen Leben andererseits. In einem nächsten Schritt fragen wir nach der Entwicklung von politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation im individuellen Lebensverlauf. Wir wissen, dass politische Beteiligung und politisches Interesse mit dem Alter variiert. Es steigt mit dem Alter an, und geht im hohen Alter wieder zurück. Man weiß auch, dass Engagement von Gelegenheiten abhängig ist. So liegt es beispielsweise nahe, dass Eltern im sozialen Bereich der Betreuung und Pflege oder etwa auch ehrenamtlich bei der Gestaltung von Freizeitaktivitäten, beispielsweise im Sportverein, aktiver unterstützen. Wiederum andere Engagementformen sind eng an Erwerbstätigkeit gebunden und treten deshalb entsprechend lebensphasen- und altersspezifisch auf.