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28.12.2010 | Von:
Axel Honneth

Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert

Begriff der Anerkennung

Im täglichen sozialen Austausch entfaltet sich bereits eine zwischenmenschliche Ebene der Anerkennung, auch wenn die volle Bedeutung des Konzepts dabei noch nicht zur Geltung kommt. Anerkennung bezeichnet in dieser gesellschaftlichen Praxis den Akt, in dem "zum Ausdruck kommt, daß die andere Person Geltung besitzen soll [und] die Quelle von legitimen Ansprüchen ist".[3] Aufgrund ihres intersubjektiven Charakters ist in die alltäglichen Praktiken zwischenmenschlicher Anerkennung ein Zwang zur Reziprozität eingelassen: Die sich begegnenden Personen sind gewaltlos dazu genötigt, auch ihr soziales Gegenüber in einer bestimmten Weise anzuerkennen, um sich in dessen Reaktionen selbst anerkannt zu finden - die Anerkennung des Gegenübers wird zur Bedingung des eigenen Anerkannt-Seins. Es ist jedoch nicht nur die Anerkennung aus dem persönlichen Umfeld, sondern auch die "vonseiten unterschiedlich generalisierter Anderer",[4] die für die Identität der Gesellschaftsmitglieder und die Funktionserfordernisse der Gemeinwesen zentral ist. Moderne Gesellschaften kommen dann als Zusammenhang ausdifferenzierter Anerkennungssphären in den Blick - als sozial etablierte Interaktionsmuster, in denen jeweils unterschiedliche Prinzipien der Anerkennung verankert sind.

Eine kritische Rekonstruktion und Aktualisierung der Hegelschen "Rechtsphilosophie" lenkt die Aufmerksamkeit auf drei institutionelle Komplexe, also drei Sphären moderner Gesellschaftssysteme: die Familie bzw. Beziehungen auf Grundlage liebevoller Zuwendung, das Recht und die Wirtschaft. Diese Komplexe übernehmen jeweils die doppelte Funktion einer Erbringung systemerhaltender Leistungen und der normativ geregelten Befriedigung von Anerkennungserwartungen. Jede der genannten Institutionen muss allgemein akzeptierte Werte in einer Weise verkörpern, die es den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern erlaubt, die von ihnen arbeitsteilig erwarteten Aufgaben mit der normativ verbürgten Aussicht auf eine bestimmte, sphärenspezifische Form der Anerkennung zu verrichten. Die in diesen Sphären erfahrene Anerkennung, so lautet eine weitere Pointe bei Hegel, soll es den Individuen ermöglichen, positive Selbstbeziehungen zu entwickeln, sich quasi im Lichte gewonnener Anerkennung zu betrachten. Drei Komponenten an den institutionellen Ordnungen sind daher von besonderer Bedeutung: Erstens müssen diese auf Normen beruhen, die eine nachvollziehbare Verknüpfung zwischen individueller Rollenbefolgung und sozialer Anerkennung herstellen, zweitens müssen solche Verknüpfungen in einem generalisierten Anerkennungsmedium auf Dauer gestellt sein, und drittens sollte das entsprechende Medium nach Möglichkeit in einem deutlich erkennbaren, generalisierten Symbol zum Ausdruck gelangen.

Fußnoten

3.
ders., Unsichtbarkeit. Stationen einer Theorie der Intersubjektivität, Frankfurt/M. 2003, S. 15, S. 22, S. 27.
4.
ders., Umverteilung als Anerkennung, in: ders./Nancy Fraser, Umverteilung oder Anerkennung?, Frankfurt/M. 2003, S. 204.