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28.12.2010 | Von:
Axel Honneth

Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert

Anerkennungssphäre der Liebe

Die Verwendung der Begriffe "Familie" und "Liebe" soll nicht die falsche Annahme hervorrufen, es handle sich um die romantische Verklärung der bürgerlichen Ehe. Gemeint ist ein besonderes Verhältnis der wechselseitigen Anerkennung: alle Primärbeziehungen, soweit sie nach dem Muster von erotischen Zweierbeziehungen, Freundschaften und Eltern-Kind-Beziehungen aus starken Gefühlsbindungen zwischen wenigen Personen bestehen. Von einer eigenständigen Sphäre, in der eine spezifische Form der Anerkennung zur Geltung kommt, kann nur unter zwei Voraussetzungen gesprochen werden, die typischerweise erst in modernen Gesellschaften vorliegen: erstens der institutionellen Herauslösung der Kindheit aus dem Lebensweg als besonders schutzbedürftiger Phase, zweitens dem Wegfall ökonomischen und ständischen Zwangs bei der Wahl von Lebenspartnern. Damit erst entstehen die Bedingungen einer Form von Anerkennung, die das mit besonderen emotionalen Bedürfnissen ausgestattete Individuum in den Vordergrund rückt.

Auf dieser ersten Ebene reziproker Anerkennung soll der Einzelne in einem von Sorge, Zuneigung und emotionaler Bindung geprägten Umfeld sich selbst als Individuum erfahren lernen, das mit elementaren Bedürfnissen ausgestattet, aber auch auf andere und deren Zuwendung angewiesen ist, um ein intaktes Verhältnis zu sich selbst etablieren zu können. Die praktische Selbstbeziehung, die Menschen in dieser ersten Sphäre der Anerkennung entwickeln, ist die des Selbstvertrauens, eines elementaren Verständnisses der eigenen Bedürfnisnatur. Die Erfahrung dieser grundlegenden Form von Anerkennung erlaubt es, auch fremde Perspektiven als bedeutungsvoll zu erleben und so fundamentale Kompetenzen für die Partizipation am öffentlichen Leben zu entwickeln. Neben diesen emotionalen und sozialisatorischen Leistungen kommt der Anerkennungssphäre der Familie noch eine dritte Funktion zu: Für Anerkennungsverluste oder Missachtungserfahrungen, die Menschen in anderen Gesellschaftssphären erleben, soll ihnen im Nahbereich der Fürsorge- und Zuneigungsbeziehungen eine kompensatorische Form der Anerkennung zukommen können.