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28.12.2010 | Von:
Axel Honneth

Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert

Anerkennungssphäre des Rechts

Als weitere Sphäre der Anerkennung in modernen Gesellschaften können wir die des Rechts betrachten. Auch dieser Gedanke findet sein Vorbild in der "Rechtsphilosophie" Hegels, wo bereits die unhintergehbare Prämisse dieser Sphäre anklingt: Die Mitglieder des Gemeinwesens erkennen sich als gleichwertige Rechtspersonen an. In der Rechtsgemeinschaft "wird der Mensch als vernünftiges Wesen, als frei, als Person anerkannt und behandelt; und der Einzelne seinerseits macht sich dieser Anerkennung dadurch würdig, daß er (...) gegen andere sich auf eine allgemein gültige Weise benimmt, sie als das anerkennt, wofür er selber gelten will - als frei, als Person".[5] Die moralische Legitimität des modernen Rechts hängt von der Zustimmungsfähigkeit derjenigen ab, die in seinem Geltungsbereich leben, was wiederum voraussetzt, dass die Mitglieder des Gemeinwesens als moralisch urteilsfähige Menschen angesehen werden - "wenn eine Rechtsordnung nur in dem Maße als gerechtfertigt gelten und mithin auf individuelle Folgebereitschaft rechnen kann, in dem sie sich im Prinzip auf die freie Zustimmung aller in sie einbezogenen Individuen zu berufen vermag, dann muß diesen Rechtssubjekten zumindest die Fähigkeit unterstellt werden können, in individueller Autonomie über moralische Fragen vernünftig zu entscheiden. Insofern ist jede moderne Rechtsgemeinschaft (...) in der Annahme der moralischen Zurechnungsfähigkeit all ihrer Mitglieder gegründet."[6]

Das moderne Recht fußt mithin auf einem moralischen Gleichheitsversprechen für alle Gesellschaftsmitglieder, weshalb die hier normativ ermöglichte Reziprozität der Anerkennung strikt symmetrisch oder egalitär ist, also eine Abstufung sozialer Ränge gar nicht erst erlaubt ist. Konflikte oder Spannungen können sich nur dort entwickeln, wo Inklusionen verweigert oder Benachteiligungen als solche nicht erkannt werden, also Individuen oder Gruppen der gleiche Zugang zum Rechtssystem nicht eröffnet wird. Von dieser normativen Voraussetzung des modernen Rechts lässt sich auf die Form der Selbstbeziehung schließen, die in dieser Anerkennungssphäre entstehen soll: Das positive Selbstverhältnis, das dem Individuum aus der Anerkennung in der Rechtssphäre erwachsen soll, ist das der Selbstachtung, die daraus hervorgeht, das eigene Handeln als Ausdruck individueller Autonomie verstehen zu können. Insofern liegt der ethische Wert der Anerkennung hier, in dieser zweiten Sphäre, im Selbstverständnis aller Beteiligten, sich als "Rechtsträger mit moralischer Urteilskraft"[7] verstehen zu können.

Allerdings ist modernen Rechtssystemen aufgrund ihres eigenen Prinzips ein Moment historischer Dynamik eigen, das in Form sozialer Kämpfe zum Tragen kommt: Das ihnen innewohnende Versprechen des moralischen Universalismus wird von den Beteiligten immer wieder mobilisiert, um eine weitere Verallgemeinerung und Konkretisierung des Staatsbürgerstatus einzuklagen. Ist eine bislang ausgeschlossene Gruppe einmal in das positive, staatlich verbürgte Rechtsverhältnis einbezogen, so können in dieser Sphäre mit glaubwürdigem Legitimitätsanspruch wechselseitige Beziehungen gleicher Achtung gedeihen, die überdies in der Zuerkennung subjektiver Rechte über ein markantes symbolisches Ausdrucksmittel verfügen.

Fußnoten

5.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel [1830], Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Werke 10, Frankfurt/M. 1970, Zusatz zu §423, S. 221f.
6.
A. Honneth (Anm. 2), S. 184.
7.
Diese Formulierung verdanke ich Patrick Pilarek, Dimensionen der Anerkennung, Freiburg 2007, S. 43, online: www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/7552 (21.12.2010).