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28.12.2010 | Von:
Axel Honneth

Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert

Anerkennungssphäre der Wirtschaft

Anders verhält es sich jedoch in einem weiteren entscheidenden Institutionengefüge der modernen Gesellschaft: Auch im kapitalistischen Wirtschaftssystem ist die Erfüllung funktional erforderlicher Aufgaben an den Erwerb sozialer Anerkennung gebunden. Während in der Anerkennungssphäre des Rechts das generelle menschliche Vernunftpotenzial anerkannt wird, so sind es im Gegensatz dazu die besonderen, individuellen Merkmale und Talente eines Menschen, die in dieser dritten, im kapitalistischen System der Wirtschaft angesiedelten Sphäre Achtung einbringen sollen. Als Anerkennungsnorm, anhand derer das Maß an legitimerweise zu erwartender Anerkennung bestimmt wird, dient in bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften das Leistungsprinzip. Historische Voraussetzung dafür, dass das Leistungsprinzip in Geltung treten kann, ist der Durchbruch von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaftsordnung, denn erst unter diesen Bedingungen löst sich die Vergabe sozialer Achtung von vorgegebenen Kategorien wie Stand und Herkunft, um auf die Anerkennung individueller Beiträge überzugehen. Mit der Ablösung der feudalen durch die bürgerliche Gesellschaft wird das Leistungsprinzip "neben den Menschenrechten und der Anerkennung der Bedürftigkeit (...) eine dritte Fundamentalnorm im Selbstverständnis moderner Gesellschaften"; damit einher geht der Anspruch, "Einkünfte, Zugänge, Ränge und Ämter allein nach den Maßstäben von Wissen und Können zu vergeben".[8]

Offensichtlich übernimmt das Leistungsprinzip, anders als der moralische Universalismus der Rechtssphäre, keine egalisierende Funktion. Vielmehr stellt es eine normative Rechtfertigungsgrundlage für soziale Ungleichheit, für abgestufte Teilhabe am wirtschaftlichen Reichtum dar. Diese Anerkennungssphäre ist - allein schon wegen der ungleichen Chancen auf Zugang zum Bildungssystem - einem dauerhaften Konflikt um die Auslegung des Leistungsprinzips und um die Interpretation von Beiträgen unterworfen, für die soziale Gruppen oder Individuen Achtung einfordern. Auch die wachsende Komplexität und Differenzierung der ökonomischen Sphäre vernebelt den Zusammenhang von individuell erbrachter Leistung und erfahrener Anerkennung immer stärker. Im Unterschied zum Rechtssystem besteht also sowohl eine intrinsische Unsicherheit über das zugrundeliegende Anerkennungsmedium als auch eine Abstufung der Achtung infolge seiner Anwendung - und beides führt zu einer strukturellen Anfälligkeit dieser Institution für soziale Konflikte und Spannungen.

Ein Kampf um Anerkennung findet nicht nur, aber aus den genannten Gründen doch am augenfälligsten im Institutionengefüge des modernen Wirtschaftssystems statt. Die Münze, in der sich die im Wirtschaftssystem gewährte Achtung für den Einzelnen auszahlen soll, besteht, so lassen sich auch die Ausführungen Parsons interpretieren, in der Zurechnung eines bestimmten, vor allem durch die Höhe des Einkommens festgelegten Status; daher übernimmt das "Geld" hier die sphärenspezifische Rolle eines symbolischen Mittels der öffentlichen Veranschaulichung erworbener Anerkennung.[9]

Zu den positiven Selbstverhältnissen des Selbstvertrauens und der Selbstachtung, die durch Anerkennung in den Sphären der Liebe und des Rechts gewonnen werden, tritt nun ein weiterer Persönlichkeitsaspekt hinzu: Mit der Erfahrung, für individuelle Talente und Fähigkeiten anerkannt zu werden, erwächst das praktische Selbstverhältnis der Selbstschätzung. Es sind diese drei positiven Selbstverhältnisse, die es Individuen erlauben, sich als bedürftige, vernünftige und wertvolle Personen zu begreifen. Die Möglichkeit, diese aus Anerkennung hervorgehenden Persönlichkeitsaspekte zu etablieren, ist eine normative Voraussetzung dafür, die Einrichtung einer Gesellschaft als gerecht bezeichnen zu können. Die Gewährleistung und Institutionalisierung dieser Anerkennungsprinzipien ist demnach entscheidend für die gesellschaftliche Integration und Stabilität, denn die Unterstützung der sozialen und politischen Ordnung durch die Gesellschaftsmitglieder hängt, ebenso wie die Erbringung funktional erforderlicher Leistungen, von der Aussicht auf reziproke Anerkennung ab.

Bevor nun einige folgenreiche, ja dramatische Verschiebungen in der Architektur der damit umrissenen Anerkennungsordnung im Laufe der vergangenen Jahre und Jahrzehnte thematisiert werden sollen, kann ein Zwischenfazit an dieser Stelle noch einmal das bisher Gesagte verdeutlichen: Der Durchbruch zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft wird hier als das Resultat einer Ausdifferenzierung von drei Anerkennungsformen verstanden. All den damit sich entwickelnden Sphären liegt insofern ein jeweils besonderes Anerkennungsprinzip zugrunde, in dessen Licht die Beteiligten unter glücklichen Umständen einen für sie bedeutenden Aspekt ihrer Person bestätigt finden können: in der Sphäre der persönlichen Beziehungen die fürsorgende Wertschätzung der unantastbaren, leiblichen Integrität eines jeden Menschen, in der des Rechts die Achtung als Vernunftperson mit moralischen Kapazitäten und in der Sphäre des marktwirtschaftlichen Handelns schließlich die Anerkennung sozial wertvoller Eigenschaften und Fähigkeiten.

Die Gewährleistung dieser Anerkennungsarchitektur ist elementar für die individuellen Entwicklungschancen und die Stabilität der politischen Ordnung - die Mitglieder einer Gesellschaft bringen nur dann die Motive zur Erfüllung sozial erforderlicher Aufgaben und Verantwortlichkeiten auf, wenn ihnen die Befolgung der entsprechenden Handlungsnormen zugleich eine Befriedigung ihrer Selbstachtung in Aussicht stellt. Ein Anlass für gesellschaftliche Konflikte ergibt sich immer dann, wenn soziale Gruppen oder Schichten Gründe für die Vermutung erkennen, dass die normativen, regulierenden Standards ihre eigenen Beiträge benachteiligen oder ihnen überhaupt keine Chance zum Achtungserwerb vermitteln, dass dem entsprechenden Handlungssystem innewohnende Anerkennungsversprechen also gesellschaftlich verletzt wurde.[10]

Fußnoten

8.
Sighard Neckel/Kai Dröge, Die Verdienste und ihr Preis: Leistung in der Marktgesellschaft, in: Axel Honneth (Hrsg.), Befreiung aus der Mündigkeit. Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus, Frankfurt/M.-New York 2002, S. 93-116, hier: S. 94.
9.
Vgl. zur symbolischen Rolle des Geldes: Talcott Parsons, Ansatz zu einer analytischen Theorie der sozialen Schichtung, a.a.O., S. 200f.
10.
Vgl. T. Parsons (Anm. 1), S. 144.