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28.12.2010 | Von:
Axel Honneth

Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert

... im Hinblick auf Familie

Sinnfällig sind die Veränderungen, die in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Gestaltwandel in der Institution der Familie geführt haben. Angestoßen durch die überfällige Emanzipation der Frauen ist mittlerweile der enge, sittlich gestützte Motivationszusammenhang, der noch vor fünfzig Jahren zwischen sexueller Zuneigung und Ehe, Ehe und Zusammenleben, Zusammenleben und Kinderzeugung bestanden hatte, in seine einzelnen Bestandteile zerbrochen, so dass von einer "postmodernen" Vervielfältigung der Familienformen gesprochen werden kann.[11] In diesem Prozess der "Deinstitutionalisierung der Kleinfamilie" (Hartmut Tyrell) ist auf der Strecke geblieben, was etwa Parsons in seinen Analysen noch als den institutionellen Kern ihrer Verankerung in der Gesellschaft angesehen hat: die "symbolische" Funktion des Vaters nämlich, dem unabhängig von seinem jeweils spezifischen Auftreten und Verhalten die objektive Aufgabe zufallen sollte, die außerhäuslichen Wertprinzipien innerhalb der Familie zu repräsentieren und durchzusetzen. Auch wenn es dabei geblieben sein sollte, wie immer wieder behauptet wird, dass eine derartige autoritative Vermittlungsleistung für die kindliche Sozialisation unverzichtbar bleibt, so wird sie heute doch längst nicht mehr ausschließlich von Männern, sondern in zunehmendem Maße auch von Frauen erbracht. Damit aber hat sich das Autoritätsgefälle zwischen den Geschlechtern innerhalb des symmetrischen Anerkennungsverhältnisses der Familie, von dem Parsons gesprochen hatte, endgültig aufgelöst und an seine Stelle ist die prinzipielle Norm einer durchgängigen Gleichbehandlung getreten.

Die Folge dieser Machtverschiebungen für die kompensatorische Funktion, welche die Familie doch auch in Hinblick auf die Versagungen und Kränkungen in der Arbeitswelt übernehmen sollte, sind unübersehbar: Die Männer könnten heute für ihre Vaterrolle zu Hause nicht mehr auf das Mehr an Wertschätzung und Respekt rechnen, welches sie für all die Anerkennungsverluste entschädigen sollte, die sie in den Ungerechtigkeiten des Leistungswettbewerbs haben erdulden müssen. Das feinmaschige Ausgleichssystem sozialer Anerkennung, das noch vor fünfzig Jahren durch Benachteiligung der Frauen gegeben war, ist an dieser Stelle zerrissen: Mit der Entkoppelung des "Vatersymbols" vom männlichen Geschlecht haben die Männer die Chance verloren, innerhalb ihrer Familien das Übermaß an intersubjektiver Anerkennung zu erwerben, durch das sie bislang ihre Missachtungserfahrungen in der Wirtschaftssphäre zu kompensieren vermochten.

Fußnoten

11.
Vgl. Kurt Lüscher/Franz Schultheis/Michael Wehrspaun (Hrsg.), Die "postmoderne" Familie. Familiale Strategien und Familienpolitik in einer Übergangszeit, Konstanz 1990; vgl. auch den Überblick, den ich zu geben versucht habe: Axel Honneth, Strukturwandel der Familie, in: ders., Desintegration. Bruchstücke einer soziologischen Zeitdiagnose, Frankfurt/M. 1994, S. 90-99.