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28.12.2010 | Von:
Axel Honneth

Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert

... im Hinblick auf Recht

Wie ist es dagegen um die Anerkennungsordnung in der Sphäre des Rechts bestellt, dessen moralischer Universalismus für alle Gesellschaftsmitglieder eine Quelle der Selbstachtung darstellen soll? Das egalisierende Gleichheitsversprechen der Rechtssphäre müsste für eine qualitative Ausweitung seiner Geltung sorgen; soziale Gruppen, die sich von der jeweils aktuellen Auslegung des Gleichheitspostulats ausgeschlossen oder benachteiligt fühlen, können mit Verweis auf die Bedingungen vollwertiger Mitgliedschaft im politischen Gemeinwesen ihre umfassende Anerkennung beanspruchen. Für so gut wie alle erwachsenen Mitglieder der modernen Gesellschaften müsste es auf diesem Weg allmählich möglich sein, sich im Spiegel der ihnen zuerkannten Freiheits-, Teilhabe- und Teilnahmerechte einer Selbstachtung zu erfreuen, die im Bewusstsein der wechselseitig eingeräumten, staatlich geschützten Privatautonomie begründet ist.

Zwei intervenierende Entwicklungen jedoch lassen es heute weitaus schwieriger erscheinen, das egalitär angelegte Rechtsverhältnis als ungehindert sprudelnde Quelle der Selbstachtung aller Staatsbürgerinnen und Staatsbürger zu begreifen: Zum einen hat sich gerade infolge der siegreichen Kämpfe kultureller Minderheiten um rechtliche Gleichstellung die aktive, ermächtigende Bedeutung der Bürgerrechte weitgehend abgenutzt, so dass sie häufig nicht länger als symbolische Zeichen einer wechselseitigen Achtung, sondern privatistisch als Instrumente der individuellen Leistungsabsicherung gedeutet werden. Zum anderen ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten der Kreis derjenigen kontinuierlich gewachsen, die an den inneren und äußeren Rändern der europäischen und nordamerikanischen Rechtsgemeinschaften als Immigranten, Asylsuchende oder "illegale" Einwanderer um rechtliche Aufnahme kämpfen, ohne über einen hinreichend geschützten Rechtsstatus zu verfügen. Je deutlicher die Hilfsbedürftigkeit solcher exkludierten Gruppen den Einwohnern wohlhabender, grundrechtlich gesicherter Gesellschaften zu Bewusstsein kommt, je weniger sie ihre Augen vor deren Notlage verschließen können, desto stärker scheinen sie heute das, was ihnen einmal vielleicht als eine Quelle der Anerkennung dienen konnte, in ein bloßes Mittel zur Abwehr von als unzumutbar empfundenen Ansprüchen Dritter umzudeuten.

Das Rechtssystem in den hochentwickelten Gesellschaften des Westens bietet daher heute ein höchst befremdliches Bild: Ein dessen Zentrum besetzt haltender, großer Kreis von rechtlich gut bis zufriedenstellend abgesicherten Bürgerinnen und Bürgern, die ein Bewusstsein ihrer sozialen Einbeziehung aber immer weniger aus den ihnen gewährten Rechten beziehen, steht einem anwachsenden Kreis von Ausgeschlossenen gegenüber, die nichts stärker ersehnen und zu erkämpfen versuchen als überhaupt nur die Aufnahme in dieses Verhältnis rechtlicher Anerkennung. Während die einen die Bedingungen ihrer Selbstachtung zunehmend außerhalb der Rechtssphäre zu suchen scheinen, die ihnen doch eigentlich eine elementare Form sozialer Anerkennung gewähren sollte, bemühen sich die anderen mit wachsender Verzweiflung darum, überhaupt erst in jene Sphäre einbezogen zu werden.