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28.12.2010 | Von:
Axel Honneth

Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert

... im Hinblick auf Wirtschaft

Jeder optimistischen Prognose am gröbsten zu widersprechen scheinen die Entwicklungen im Wirtschaftssystem, in dem ein leistungsbezogener Wettbewerb die Chance eröffnen soll, sich im Lichte einer Anerkennung selbst wertzuschätzen, die durch Fähigkeiten und Talente verdient wird. Eine Reihe aktueller Tendenzen lässt es inzwischen fragwürdig erscheinen, in der Sphäre wirtschaftlichen Handelns überhaupt noch genügend Raum für die Gewinnung individueller Selbstschätzung zu vermuten. Das Leistungsprinzip, als Anerkennungsmedium in der Wirtschaftssphäre weithin akzeptiert, ist durch Usurpationen von Seiten kurzfristig auf dem kapitalistischen Markt erfolgreicher Schichten bis zur Unkenntlichkeit ideologisch überformt worden. Die gesellschaftliche Arbeit selbst hat in den wenig qualifizierten Bereichen infolge von Prozessen der Deregulierung und Entberuflichung ihren Charakter als vertraglich abgesicherte, verlässliche Einkommensquelle weitgehend verloren. Die Zahl der dauerhaft Arbeitslosen scheint nach jeder konjunkturellen Entspannung der ökonomischen Lage auf ein noch höheres Niveau anzuwachsen, so dass der Kreis derer, die überhaupt an einem normativ geordneten Leistungswettbewerb partizipieren können, immer schmaler wird. Weil aber keine dieser Entwicklungen dazu geführt hat, den Wunsch nach sozialer Anerkennung durch eine gesellschaftlich wertgeschätzte Arbeit geringer werden zu lassen, steht ein ständig wachsendes Heer von Gesellschaftsmitgliedern inzwischen vor der alltäglichen Herausforderung, überhaupt erst Zugang zu geregelten Chancen einer solchen Selbstschätzung zu finden. Der Kampf um berufliches Ansehen und leistungsvermittelte Anerkennung findet weitgehend nicht mehr innerhalb der Wirtschaftssphäre selbst statt, sondern in ganz anderen Formen vor ihren zunehmend verschlossenen Toren.

Um den neuen Zustand der Anerkennungsordnung zu beschreiben, wäre von einem Prozess der wachsenden Exklusion aus den Anerkennungssystemen bei einem gleichzeitigen Bedeutungsverlust ihrer tragenden Prinzipien zu sprechen: Im Kapitalismus der Gegenwart scheint ein wachsender Teil der Bevölkerung von jeder Möglichkeit abgeschnitten, überhaupt nur Zugang zu den achtungssichernden Sphären der Erwerbswirtschaft und des Rechtssystems zu gewinnen, während der andere, sich darin befindende Teil aus den hier gewährten Entlohnungen in immer geringerem Maße soziale Anerkennung zu schöpfen vermag, weil sich die zugrunde liegenden Prinzipien verunklart oder verdunkelt haben. Dieses grobe Bild wird vervollständigt durch das Schwinden der Möglichkeit eines Anerkennungstransfers zwischen Familie und Wirtschaftssphäre: Anerkennungsverluste im Leistungswettbewerb können immer weniger durch ein Surplus an Wertschätzung innerhalb der Familien ausgeglichen werden. Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Veränderungen für den Zustand des sozialen Konflikts in der Gegenwart?