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Nicole Zillien am 14.11.2013

Digitale Spaltung – Reproduktion sozialer Ungleichheiten im Internet

Trotz flächendeckendem Breitbandzugang und zunehmend dichter Infrastruktur sind viele Menschen nach wie vor vom Netz abgeschnitten. Jedoch ist der technische Zugang nicht das einzige Problem. So ist vor allem der sozio-ökonomische Hintergrund entscheidend dafür, wer das Netz wie nutzt. Alte Ungleichheiten werden dabei oft in den digitalen Raum übertragen. Nicole Zillien erklärt wie sich soziale Strukturen im Netz reproduzieren und was das für die Teilhabe heißen kann.

U-Bahn-Station – Mind the gapNicht nur der technische Zugang ist entscheidend, wenn politische Teilhabe im Netz gelingen soll. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Archer2000)

Internetdebatten sind oft auf schwarz-weiß gebürstet: Dem Internet wird einerseits nachgesagt, dass es demokratisiere, vernetze, den Wissensstand hebe – andererseits wird behauptet, eben jenes Internet stärke die Mächtigen, führe zur Vereinsamung und mache dumm. Jede dieser Thesen lässt sich plausibilisieren – wichtig ist deshalb, die spezifischen Ergebnisse jeweils in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Dies gilt auch für die These der digitalen Spaltung. Diese besagt, dass insbesondere eine höhere Bildung und ein höheres Einkommen eine gewinnbringende Internetverwendung begünstigten, weshalb die Verbreitung des Internets eher mit wachsenden als schrumpfenden sozialen Ungleichheiten einhergehe.

Nicht nur der Zugang, sondern auch die Art der Nutzung sind entscheidend

So nutzen in Deutschland nach Angaben des (N)Onliner-Atlas 2013 insgesamt drei Viertel der über 14-Jährigen regelmäßig das Internet. Jedoch tun sich auch hier deutliche Klüfte auf: Es sind eher die Jüngeren, Höhergebildeten, Einkommensstärkeren, die auf das Internet zugreifen. Auch jenes Viertel der Deutschen, das inzwischen zu den mobilen Internetnutzern gehört, unterscheidet sich soziodemografisch in der genannten Art und Weise von jenen, die das Internet unterwegs nicht verwenden. Doch nicht nur der technologische Zugang zum Internet, sondern auch die Art und Weise der Internetnutzung hängt in hohem Maße vom gesellschaftlich-wirtschaftlichen Status ab: Statushohe Personen nutzen das Internet im Allgemeinen in einem höheren zeitlichen Ausmaß, verfügen über eine größere Nutzungskompetenz und greifen eher auf politische, wissenschaftliche, gesundheitsbezogene Informationen, das heißt auf jene Inhalte zu, von denen angenommen wird, dass sie sich vorteilhaft auswirken.

Wer hat, der hat

Dabei ist jedoch zu hinterfragen, inwiefern diese festgestellten Unterschiede der Internetnutzung tatsächlich messbare Auswirkungen auf die gesellschaftliche Teilhabe und die Verteilung gesellschaftlich relevanter Ressourcen haben. In diesem Sinne fragt die sogenannte Digital-Divide-Forschung nach der Verteilung von Partizipationsmöglichkeiten, Informationen, Geld oder Sozialkapital infolge der Verfügbarkeit des Internets. In empirischen Arbeiten wurden so beispielsweise die Effekte der Internetnutzung auf die Arbeitsmarktintegration, die politische Information, das bürgerschaftliche Engagement und die Einkommenshöhe geprüft. Bei aller Diversität und Heterogenität der Digital-Divide-Forschung sind deren Ergebnisse auf einen vereinfachten Nenner zu bringen: Im Großen und Ganzen zeigt sich, dass jene, die sich bereits in einer privilegierten gesellschaftlichen Position befinden, in einem höheren Ausmaß von der Verfügbarkeit des neuen Mediums profitieren. Das heißt es tritt jeweils das Muster sich selbst verstärkender Ungleichheiten auf. Der niederländische Soziologe Jan van Dijk beschreibt die sozialen Folgen der ungleichen Internetnutzung deshalb als "Matthäus-Effekt": "Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben" (Matthäus 25, 29). Der Nachsatz von Matthäus – "wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden" – lässt sich allerdings hinsichtlich der statusdifferenten Internetnutzung im Allgemeinen nicht belegen. Vielmehr tritt auch auf Seiten der schlechter positionierten Internetnutzer üblicherweise ein positiver Effekt auf – aber eben in vergleichsweise schwachem Ausmaß.

Die Grenzen sind flüssig, die These grau

So lässt sich resümieren, dass Ungleichheiten des Wissens, der politischen Partizipation oder der ökonomischen Teilhabe infolge der Verfügbarkeit des Internets zwar einerseits fortbestehen oder sogar wachsen. Diese Differenzen sind allerdings auf einem höheren Niveau zu konstatieren, was sich mit dem sogenannten Fahrstuhleffekt umschreiben lässt: Die alten Ungleichheitsrelationen werden auf einem höheren Level fortgeschrieben. Dass auch Menschen mit niedrigerem Einkommen, formal geringerer Bildung oder höherem Alter von der Verfügbarkeit des Internets vielfach profitieren können – und dass das Internet selbstverständlich teils auch schichtübergreifend negative Auswirkungen zeitigt – widerspricht demnach keineswegs der These einer digitalen Spaltung. Die These behauptet demnach nicht, dass alles entweder schwarz oder weiß ist. Vielmehr geht sie von einer ganzen Reihe an Grauschattierungen aus.

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Nicole Zillien

Dr. Nicole Zillien ist Forscherin im Bereich Medien- und Techniksoziologie an der Universität Trier. Ihr besonderes Interesse gilt Fragestellungen rund um die Digitale Ungleichheit, der Informations- und Wissensgesellschaft und den neuen Medien. Unter anderem hat sie dazu das Buch "Digitale Ungleichheit. Neue Technologien und Alte Ungleichheiten in der Informations- und Wissensgesellschaft" veröffentlicht.


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Kommentare anderer Nutzer

Marcel | 27.01.2015 um 14:03 [Antworten]

Bemerkungen eines ehemaligen Studenten

Die Argumentation ist m.E. nicht sonderlich schlüssig. Das liegt aber vielleicht auch einfach daran, dass der "Link" zwischen Internetnutzung und sozialer Ungleichheit in der Regel gemessen am Einkommen und Vermögen nicht dargelegt wird. Denn der Nachweis, dass Internetnutzung als erklärende Variable für die abhängige Variable soziale Ungleichheit in Betracht gezogen werden muss, wird überhaupt nicht begründet, geschweige denn bewiesen. Was bleibt ist der bescheidene und umgekehrte Weg, d.h. soziale Ungleichheit als Prädikator. Hier basiert die Argumentation auf der impliziten, dafür aber aus der Prämisse notwendig folgenden ! Konklusion, ein Abbau sozialer Ungleichheit durch Internetnutzung sei nur ! dann möglich, wenn die entsprechende Nutzung des Internets "politische, wissenschaftliche, gesundheitsbezogene Informationen" nicht nur nicht gleich sei, sondern jene der unteren Schichten die der höheren Schichten übersteige. Denn wäre das Nutzungsverhalten gleich, wäre der Effekt auf die soziale Ungleichheit Null. Aus den Prämissen folgt doch daher die empirische Unmöglichkeit einer Senkung sozialer Ungleichheit durch Internetnutzung, da es keinen empirischen Grund für die Annahme gibt, dass die einzige logische Möglichkeit die dafür offen bleibt untere Schichten greifen stärker auf "politische, wissenschaftliche, gesundheitsbezogene Informationen" zu als status-höhere Personen, jemals eintreten wird. Grund zur Beunruhigung, weil wieder einmal ein soziologistisches Ideal an der Wirklichkeit scheitert? Keinesfalls. Denn die Annahme, ein Abbau sozialer Ungleichheiten sei nur unter genannten Vorzeichen möglich, ist ja lediglich eine Behauptung, eine, für die es - wenn auch nicht weiter verwunderlich - keine empirische Grundlage gibt. Da Frau Zillien aber - wie ich weiß - mit multivariaten Methoden liebäugelt, könnte dieser immerhin nachgereicht werden.


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