Leiterplatte

Prof. Dr. phil. Dagmar Hoffmann am 16.01.2014

Ein emanzipatorischer Mediengebrauch will gelernt sein

Eine gängige Annahme unserer Zeit ist, dass junge Menschen die neuen partizipativen Möglichkeiten des Web 2.0 schon früh erlernen und konsequent umzusetzen wissen. Wirklich effektive politische Teilhabe setzt einen mündigen Umgang mit den neuen Medien – eine gewisse Partizipationskompetenz – voraus. Diese ist unter den digital natives aber eher dürftig ausgeprägt. Das zu ändern ist unsere bildungspolitische Verantwortung.

Jugendlicher ist von der Masse an Medien überfordertZugang zu einer Vielfalt an Medien nutzt wenig wenn man nicht weiß sie zu nutzen Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (CC)

Das Web 2.0 macht theoretisch den von Hans Magnus Enzensberger 1970 proklamierten emanzipatorischen Mediengebrauch möglich, doch praktisch beteiligen sich bislang nur wenige zivile Akteure an politischen Online-Diskursen und die netzbasierte Kommunikation mündet nur in geringem Maße in politischem Engagement. Zugleich avanciert der Begriff e-Partizipation zu einem Schlagwort, das jungen Menschen allerdings erst einmal wenig sagt. Sie suchen nach Möglichkeiten der politischen Artikulation, finden diese aber selten allein, sondern mit und durch andere Gleichgesinnte beziehungsweise politisch Interessierte. Vieles im Bereich der e-Partizipation, so scheint es, wird derzeit bottom-up erprobt, weil es jemand gemacht, kommuniziert und empfohlen hat.

Digitale Teilhabe ist kein Automatismus



Sowohl Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen sowie medienpädagogische und bildungspolitische Projekte liefern vereinzelt Impulse und Programme, um Jugendliche an Möglichkeiten der e-Partizipation heranzuführen, wenngleich darauf nicht unbedingt ein kontinuierliches Engagement seitens der Teilnehmenden folgt. Die meisten Initiativen wie Werkstätten, Camps, Foren, Bar- und Politcamps - nicht nur in Deutschland sondern auch anderen europäischen Ländern - befinden sich noch mehr oder weniger in der Erprobung. Trotz bislang geringem Aktivitätsniveau im Hinblick auf die interpersonale Kommunikation über politische Themen und auch kollektive Mobilisierung wird in empirischen Studien zur Partizipation jüngerer Bevölkerungsgruppen diesen dennoch ein hohes Potenzial attestiert, da spezielle Formen der Online-Kommunikation für sie gebräuchlicher als für ältere sind. Ihre Affinität zu digitalen, interaktiven Medientechnologien ist offensichtlich. Das impliziert aber noch nicht, dass sie diese auch entsprechend zur Artikulation und Durchsetzung ihrer Interessen einzusetzen wissen. Die erhoffte Vitalisierung demokratischer Teilhabe ist so de facto nur selektiv und bisweilen temporär spürbar.

Wider der ‚German Angst‘ mit Mut und Entschlossenheit



Hier muss bildungspolitisch angesetzt werden, gilt es junge Menschen zu motivieren, sich politisch zu artikulieren und stärker als bisher an Prozessen der politischen Meinungs- und Willensbildung teilzunehmen. Es besteht der Eindruck, dass es den meisten Heranwachsenden – Mädchen noch mehr als Jungen - schwerfällt, sich öffentlich politisch zu äußern und ihre Beteiligungen - jenseits von Likes und dem Unterzeichnen von Petitionen - publik werden zu lassen. Insofern sollten junge Menschen ermutigt und angeleitet werden, sich in kritischen, lösungsorientierten Dialogen und Diskursen emanzipatorisch einzubringen. Damit dies gelingt, muss diese Form des Engagements in der Regel mit Freude, persönlichem und gesellschaftlichen Gewinn verbunden sein. Denn nicht zuletzt haben wohl die ‚German Angst‘, also die angenommene, weit verbreitete diffuse Furchtsamkeit und Schamhaftigkeit, und die in Teilen überkritischen, normativen Privacy-Debatten dazu beigetragen, dass Heranwachsende eingeschüchtert sind, d.h. schnell folgenreiche Imageschäden befürchten, wenn sie sich im Netz politisch zu Wort melden. Dabei sollte der Erwerb und der Einsatz von Bürger- respektive Demokratiekompetenz eigentlich keinen großen Aufwand und Mut erfordern, sondern für alle selbstverständlich sein. Wer die Gesellschaft mitgestalten will und proaktiv soziale Verantwortung übernehmen möchte, muss sich in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen. Wobei sich (Gegen-)Öffentlichkeiten heute primär über Medien konstituieren und vermitteln.

Aufklärung als Grundvoraussetzung für mündiges Mitmachen



Grundvoraussetzungen für politische Partizipation sind zum einen ein basales Interesse an politischen Themen und zum anderen eine Beteiligungsbereitschaft sowie ein Bewusstsein dafür, dass eine progressive Demokratie der Mitbestimmung aller Mitglieder bedarf und als Korrektiv immer auch deren Rückkoppelungen benötigt. Das Web 2.0 bietet dafür einen heterogenen, nicht auf den ersten Blick überschaubaren Markt der politischen Beteiligungsmöglichkeiten. Hier gilt es Aufklärung darüber zu leisten, a) wo man wie passende Ansprechpartner findet, b) in welchen Netzwerken man sich mit welchem Nutzen wie einbringen kann und c) welche Aktivitäten welche Folgen für einen selbst, für andere, für die Zielerreichung haben können. Das ist notwendig, da die Netzkommunikation bisweilen anderen Regeln und Gesetzmäßigkeiten als die face-to-face-Kommunikation folgt. Diese Regeln müssen erlernt, durchschaut und angewendet werden können. Nur so kann man Positionen einbringen, durchsetzen und sich vergemeinschaften, um auf politische Belange effektiv aufmerksam zu machen



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Kommentare anderer Nutzer

Sandra | 09.09.2015 um 05:07 [Antworten]

Grundvoraussetzung Aufklärung?

Ein inhaltlich durchaus gelungener Beitrag.
Aber wie so oft, zeigt er, wie kompliziert man Inhalte beschreiben kann, die durchaus, viel einfacher ausgedrückt werden könnten und werden. Somit auch dann für "Jedermann" zugänglich, nachvollziehbar sind und auch das Gefühl von Teilhabe vermitteln können.

Die Grundvoraussetzung für mündiges Mitmachen ist doch wohl hier, die gemeinsame Sprache zu finden und zu nutzen... wie sollte Aufklärung sonst gelingen? Ich für meinen Teil, glaube nicht, das es notwendig ist, und sehe es als Widerspruch in sich selbst... Teilhabe und Interesse zu wünschen, die entsprechende freiwillige Ressourcen kostet, sich mit durchaus komplexen Zusammenhängen auseinander zu setzen, um zu einer eigenen Meinung finden zu können und dabei eine Sprache nutzt, die völlig fremd erscheint und nicht die allgemein-gebräuchliche ist.

Ebenso, glaube ich, dass ihr Beitrag, doch gerade in Hinblick auf die Förderung zur politischen Bildungspolitik bei Jugendlichen, doch auf allgemein-populäre Ausdrücke verzichten sollte, um eine möglichst nicht emotionale neutrale Grundlage, zu schaffen, die benötigt wird, um doch oft die an sich emotionsgeladenen politischen Themen, reflektieren zu können.

Wenn hier und jetzt, nicht entsprechend vorgelebt wird, dass die angestrebten Umsetzungen am Mitmachen, eben nicht nur theoretische Ideen bleiben sollen und so das SelbstVertrauen in die eigene Kompetenz gestärkt wird und sie als Wert erlebt wird, haben wir dann nicht das eigentliche Ziel schon im Ansatz verfehlt?


 

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