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Redaktion Netzdebatte am 24.02.2016

Arbeit per Click: das Potenzial der Crowd nutzen

Das Arbeiten in der Crowd wird immer populärer. Mitmachen kann eigentlich jeder, der einen Internetanschluss hat. Warum unsere Sozialsysteme auf diese Form der Arbeit nicht vorbereitet sind und was wir von den Unternehmen verlangen müssen, erklärt Prof. Dr. Jan Marco Leimeister im Interview.

Arbeit, Gesellschaft, Crowd, Menge, Menschen, Crowdworking, Crowdsourcing, Digitalisierung, FlexibilisierungDas Konzept des Crowdsourcing ist in Deutschland immer beliebter. Lizenz: cc by/2.0/de (CC, Crowd at MediaCityUK von Zarrion Walker Zarrion Walker)

Redaktion: Herr Leimeister, was genau ist „Crowdworking“ überhaupt?

Leimeister: Also Crowdworking oder insgesamt Crowdsourcing ist ein neues Prinzip von Arbeitsorganisation: Ein Unternehmen oder eine Privatperson möchte eine Aufgabe erledigt haben, schreibt diese online aus und eine anonyme Gruppe von Menschen bearbeitet sie dann. Ein Beispiel für die Anwendung des Crowdsourcing-Prinzips ist die jährliche Initiative des Naturschutzbundes (NABU), der dadurch die Entwicklungen in den Populationen von Vögeln untersucht. In der Aktion werden Freiwillige dazu aufgerufen, die Anzahl von jeder Vogelart zu zählen, die binnen einer Stunde im heimischen Garten angetroffen wurde. So konnten im Jahr 2015 über 77.000 Teilnehmende insgesamt mehr als zwei Millionen Vögel und rund 161 verschiedene Arten zählen.

Die Tatsache, dass die Crowdsourcees in diesem Beispiel nicht bezahlt werden, stellt den großen Unterschied zu Formen von Crowdwork dar. "Crowdwork" beschreibt eine Form der digitalen Erwerbsarbeit unter Verwendung des Crowdsourcing-Prinzips. Bei digitaler Erwerbsarbeit basiert die Wertschöpfung u.a. auf einem signifikanten Einsatz digitaler Werkzeuge, und bei Crowdwork als einer Variante digitaler Arbeit findet diese auf IT-basierten Plattformen statt. Im Rahmen von Crowdwork werden die Beiträge der freiwillig Teilnehmenden, der Crowdworker, bezahlt. Die Teilnehmer verrichten die Arbeit in der Crowd entweder haupt- oder nebenberuflich. So werden beispielsweise die Beiträge auf der Plattform Testbirds.de finanziell vergütet. Jeder teilnehmende Crowdworker, der hier als Tester einer App fungiert, erhält eine Bezahlung für das Einreichen von Testberichten.


Claudia Pelzer, Vorsitzende des Deutschen Crowdsourcing Verbandes, sieht im Clickworking eine riesige Herausforderung für den Sozialstaat, da die Arbeitnehmer/-innen nicht mehr über die mit dem Normalarbeitsverhältnis einhergehenden sozialen Absicherungen verfügen.

Wie viele Crowdworker gibt es in Deutschland bereits und kann man sagen, welche Gruppen von Menschen besonders aktiv sind?

Allein auf den großen internationalen Plattformen wie beispielsweise Freelancer, Upwork oder 99Designs sind schon mehrere Tausend Crowdworker aus dem deutschsprachigen Raum registriert. Zudem gibt es Plattformen aus Deutschland wie zum Beispiel Testbirds.de, welche allein eine Crowd von über 20.000 deutschen Testern haben.

Aufgrund der vielen verschiedenen Plattformarten sowie der zunehmenden Beliebtheit von Crowdwork bei den Unternehmen, ist anzunehmen, dass dieser Trend auch in Zukunft weiter anhält. Unsere Studien über deutsche Crowdworker haben dabei gezeigt, dass Menschen aus nahezu allen gesellschaftlichen Schichten, unterschiedlichsten Altersklassen sowie beruflichen Hintergründen in der Crowd arbeiten.

Crowdworking ist in Deutschland noch ein verhältnismäßig junges Phänomen. Was motiviert Unternehmen dazu, Arbeitsprozesse an eine anonyme Masse - denn das ist die Crowd ja - auszulagern?

Crowdsourcing als innovatives Konzept für die Organisation von Arbeit ermöglicht es Unternehmen schnell und flexibel auf einen großen Pool an Arbeitskräften und somit auch Kompetenzen sowie Fähigkeiten zuzugreifen. Unternehmen können durch neue Arten der Zerlegung und Standardisierung von Aufgaben, die zuvor nicht derartig gestaltet wurden, wie zum Beispiel im Bereich des Testens von Software, von erheblichen Geschwindigkeitsgewinnen profitieren.

Als neue Arbeitsorganisationsform ist Crowdwork eine ernstzunehmende Alternative für viele deutsche Unternehmen geworden – intern wie extern. Bekannte Firmen wie Audi, die Deutsche Post oder die Telekom setzen Crowdwork bereits in den unterschiedlichsten Bereichen ein, wenngleich sie es oftmals nicht so bezeichnen.

Das Konzept der Crowdwork kommt aus der Softwareentwicklung. Glauben Sie, dass sich diese Form der Arbeitsorganisation auch auf andere Bereiche übertragen lässt?

Das Konzept der Aufgabenauslagerung ist sehr vielschichtig und bereits seit den 1990er Jahren unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt. Doch erst seit einigen Jahren werden diese Ansätze unter dem Begriff "Crowdsourcing" bzw. "Crowdwork" zusammengefasst. Heutzutage steigt die Anzahl an Unternehmen, die Crowdwork einsetzen, stetig; ebenso die Anwendungsbereiche im betrieblichen Kontext. Der Automobilhersteller Local Motors lässt bereits ganze Autos über die Crowd entwickeln. Ein anderes Bespiel für den Einsatz von Crowdwork liefert der Online-Videoprovider Netflix, der die Crowd dazu aufgerufen hat, einen Algorithmus zur Vorhersage von Filmbewertungen zu entwickeln.

Der Softwareriese Microsoft lässt seine neu entwickelten Applikationen durch die Crowd testen. Im Allgemeinen lassen sich aus nahezu jedem wertschöpfenden Bereich eines Unternehmens Teilaufgaben an die Crowd auslagern – intern wie extern oder in Mischformen. Das Phänomen Crowdwork als eine neue Form der digitalen Erwerbsarbeit birgt somit ein enormes wirtschaftliches Potential und ist für viele Bereiche digitaler Arbeit denkbar – und der Bereich digitaler Arbeit wächst zusehends.

Crowdworking haftet ein eher schlechter Ruf an: Niedrige Bezahlung, kaum Schutz für die Beschäftigten. Was macht dieses Arbeitsmodell dennoch interessant für die Crowdworker?

Durch die neuen Crowdsourcing-Angebote im Internet wächst das Angebot an Arbeit und auch der Zugang zu dieser Arbeit ist relativ einfach – viel einfacher als bei anderen Arbeitsformen. So kann im Prinzip jeder, der einen Internetzugang besitzt, Aufgaben in der Crowd bearbeiten. Natürlich eröffnen sich für den Einzelnen zudem neue Möglichkeiten, insbesondere in der Gestaltung der eigenen Arbeit. Der Crowdworker kann sich die Aufgaben viel flexibler und unabhängiger einteilen, als das im traditionellen Arbeitskontext möglich ist.

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Wer sind die Klickarbeiter/-innen? (Quelle: ZDFinfo, Elekrischer Reporter)

Auch ist er freier in der Bearbeitung der einzelnen Aufträge. Dennoch ist Crowdwork auch hinsichtlich einer möglichen Entgrenzung von Arbeit kritisch zu hinterfragen. Die kontextuellen sowie sozialen Aspekte von Arbeit werden sich verändern und die Auswirkungen auf das Individuum sind hierbei noch nicht abzusehen. Allerdings geht der Trend im Bereich der Crowdwork auch immer mehr hin zu kollaborativen Ansätzen, d.h. die Crowdworker arbeiten untereinander zusammen an einer Aufgabe oder mehreren Projekten.

Welche Nachteile hat das Crowdworking?

Für die Crowdworker besteht das Risiko einer sehr geringen Entlohnung. Aufgrund der großen Heterogenität der Crowdsourcing-Plattformen sowie der Mechanismen, mit denen diese die Crowd steuern, entlohnen und kontrollieren, besteht darüber hinaus die Möglichkeit, dass Crowdworker überwacht werden. Alles geschieht auf digitalen Plattformen, und alles hinterlässt digitale Spuren – entsprechend können diese zur Leistungsüberwachung eingesetzt werden, auch automatisiert. Die Crowdworker sind sich dieser Form der Überwachung, welche meist durch Screenshots des Bildschirms oder Aufzeichnung der Tastenanschläge stattfindet, meist gar nicht bewusst. Dennoch sehen einige Crowdworker gerade in diesen Tools sogar wichtige Instrumente, um die tatsächlich geleistete Arbeitszeit sowie den Aufwand gegenüber dem Auftraggeber zu rechtfertigen.

Welche Forderungen lassen sich daraus ableiten?

Eine wesentliche Herausforderung für die Zukunft besteht darin, faire Spielregeln zu definieren, die es den Unternehmen erlauben, von Crowdsourcing bzw. Crowdwork zu profitieren und gleichzeitig gute und faire Arbeitsbedingungen für Crowdworker zu ermöglichen. Das ist ein klarer Gestaltungsauftrag und es gilt im konstruktiven Dialog entsprechende Gestaltungsprinzipien zu erarbeiten.

Bei Crowdwork handelt es sich zunächst ja um atypische Beschäftigung, Crowdworker sind selbständig beschäftigt. Sehen Sie hier dennoch Potential für eine kollektive Interessenvertretung durch Arbeitnehmerverbände?

Generell sind gewerkschaftliche Fragen wie zur sozialen Sicherung, aber auch zu rechtlichen Faktoren im Rahmen von Crowdwork bisher nicht eindeutig spezifiziert worden. Auch sind die Mitbestimmungsmöglichkeiten von Crowdworkern weitestgehend unerforscht und auch plattformspezifisch. Eine unreflektierte Adaption gewerkschaftlicher Themen und Positionen aus der traditionellen Arbeitswelt auf den Crowdwork-Kontext ist daher nicht sinnvoll. Dennoch haben unsere Studien ergeben, dass eine Interessenvertretung für Crowdworker grundsätzlich von weiten Teilen der Crowd begrüßt werden würde.

Insbesondere Crowdworker aus dem Bereich der Designaufgaben haben sich mit fast 70 Prozent für eine aktive Interessenvertretung ausgesprochen. Der auf diesen Plattformen herrschende ergebnisorientierte Wettbewerb ("winner takes it all" Wettbewerbe sind dort weit verbreitet) sorgt dafür, dass viele Crowdworker für ihre Arbeit nicht entlohnt werden. Vor diesem Hintergrund kann es künftig aus Sicht der Arbeitnehmerverbände relevant sein, der Crowd durch eine gezielte Vorteilsargumentation die Mitgliedschaft zu empfehlen und speziell Strategien und Maßnahmen für faire Arbeitsbedingungen zu präsentieren.

Unsere Sozial- und Absicherungssysteme scheinen nicht auf diese Art von Arbeit vorbereitet zu sein. Was muss auf politischer Ebene passieren, um die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen? Können wir das überhaupt auf nationaler Ebene regeln?

Im Allgemeinen kann man sagen, dass sich Politik und damit die Gesetzgebung noch nicht hinreichend mit den Besonderheiten von Crowdwork auseinandergesetzt haben. Die Entwicklung und Implementierung eines gesetzlichen Rahmenwerks kann zu fairen Arbeitsbedingungen in der Crowd beitragen. Und Crowdwork ist sehr heterogen – internes Crowdsourcing spielt sich im Kontext der bestehenden Arbeitsverhältnisse ab und ist daher von der Arbeitnehmermitbestimmung mitgestaltbar. Externes Crowdsourcing hingegen passiert im Internet und verwendet meist die Begrifflichkeiten selbständiger Arbeit. Es existieren bereits viele Gesetze und Regelungen, wie zum Beispiel im Bereich der arbeitnehmerähnlichen Selbständigkeit, Nutzungsrechte, Bezahlung oder Gewährleistung, die auf Crowdwork angewendet werden könnten.

Hier kann eine politische Debatte ansetzen und aufzeigen, welche Mittel bereits vorhanden sind und wie diese zur Absicherung sowie zum Schutz der Crowdworker eingesetzt werden können – aber nur, wo dies notwendig ist, wenn keine fairen Spielregeln vorliegen. Jedoch zeigt sich bereits, dass die Tragweite dieser neuen Form digitaler Erwerbsarbeit nicht mehr exklusiv auf nationaler, sondern auf europäischer Ebene diskutiert werden muss. In einem ersten Schritt sollte daher auch ein umfassendes Bewusstsein in allen europäischen Gesellschaften für das Thema Crowdwork geschaffen werden.

Der Deutsche Crowdsourcing-Verband hat seinerseits einen Code of Conduct für die Branche erarbeitet. Was muss auf Unternehmerseite passieren, um die Entwicklung der Crowdwork in die richtige Richtung zu lenken?

Der Code of Conduct ist ein Schritt in die richtige Richtung: Auch externe Crowdsourcing-Anbieter haben ein Interesse an fairen Bedingungen, denn sie wollen mit guten und motivierten Crowdworkern zusammenarbeiten. Und auch Auftraggeber können dies unterstützen, indem sie zum Beispiel bevorzugt Plattformen verwenden, die faire Spielregeln selbst umsetzen. Die Crowdwork-betreibenden Unternehmen können insbesondere das Aufgabendesign, die Arbeitsanweisungen sowie die Feedbackqualität optimieren. Je besser strukturiert die Unternehmen ihre Ausgaben auslagern, desto reibungsloser verläuft die Crowdsourcing-Initiative und desto einfacher hat es der einzelne Crowdworker in der Aufgabenbearbeitung. Zudem können die Unternehmen die Kommunikation mit den Crowdworkern verbessern, indem sie vorab möglichst genau definieren, wie die ausgelagerte Aufgabe zu bearbeiten ist bzw. welches Ergebnis erwartet wird.

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Über Jan Marco Leimeister

Jan Marco Leimeister studierte Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik an der Universität Hohenheim, wo er auch im Bereich Wirtschaftsinformatik zum Thema systematische Entwicklung, Einführung und Betrieb Virtueller Communitys mit Auszeichnung promovierte.

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