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Dr. Wilfried Bommert am 02.08.2016

Wer ernährt uns eigentlich?

Über sieben Milliarden Menschen leben heute auf der Welt. 2050 könnten es bereits zehn sein. Sie alle müssen ernährt werden. Woher kommen die Nahrungsmittel? Wie werden sie gehandelt? Wer macht die Regeln? Ein Überblick.

Pi, Teller, EssensresteAn der Exportspitze von Nahrungsmitteln liegen die USA gefolgt von den Niederlanden und Deutschland. Beim Import ist die USA ebenfalls vorne, gefolgt von China und Deutschland. Lizenz: cc by/2.0/de (CC, Happy Pi von Alan Levine Shop ; Alan Levine)

Zwischen Köln und Kapstadt, New York und New Delhi leben derzeit mehr als sieben Milliarden Menschen. Ihre Mehrzahl wird heute noch von Kleinbauern, genauer gesagt von Kleinbäuerinnen ernährt. Sie leben auf Höfen von weniger als zwei Hektar Größe (in Deutschland liegt der Durchschnitt bei 60 Hektar), aber sie produzieren über 70 Prozent der Nahrung weltweit. Das meiste Farmland bewirtschaften jedoch große Betriebe mit mehr als 50 Hektar. Obwohl diese nur ein Prozent der Farmer ausmachen, bearbeiten sie 65 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche der Welt. Die industrielle Landwirtschaft, die das Agrarsystem in den Industrie- und Schwellenländern prägt, trägt bisher noch deutlich weniger zur Welternährung bei. Sie sorgt jedoch mit hohem Einsatz von Energie, Wasser, Dünger und Hochleistungspflanzen für Überschüsse, die exportiert werden können.

Wer sind die großen Exporteure, wer die Importeure?

Beim Export von Nahrungsmitteln nehmen die USA gefolgt von den Niederlanden, Deutschland und Brasilien die Führungsrolle ein. Auch bei den Importen liegen die USA weit vorn, gefolgt von China, Deutschland, Japan und Großbritannien. Entscheidend für die Sicherheit der Ernährung ist der Grad, zu dem sich ein Land selbst versorgen kann. Die Welternährungsorganisation Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) kommt zu dem Schluss, dass rund zwei Drittel der Weltbevölkerung in Ländern lebt, die sich selbst versorgen können. Während sich die Lage in China, Brasilien und Russland deutlich verbessert hat, leiden in Afrika immer mehr Staaten unter einem Mangel, der durch Importe ausgeglichen werden muss. 66 Länder der Welt sind zur Sicherung ihre Ernährung auf Importe angewiesen. Darunter auch Industrieländer wie Japan, wo der Grad der Selbstversorgung in den letzten 40 Jahren von 80 auf 40 Prozent gesunken ist. Aber auch in Südkorea, China und Indien sinkt dieser Wert. Gründe dafür sind unter anderem die steigenden Bevölkerungszahlen, der Mangel an natürlichen Ressourcen sowie die veränderten Ernährungsgewohnheiten: mehr Fleisch, mehr Fastfood und immer weniger traditionelle Ernährung.

Wer ist wichtig für Handel und Vertrieb?

Ausgeglichen werden diese Defizite über den Welthandel. Er liegt heute in den Händen von nur noch vier großen Unternehmen: Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und Dreyfus kontrollieren etwa 75 Prozent des weltweiten Getreidehandels. Während Mitte der 1980er-Jahre 15 Prozent der produzierten Nahrungsmittel international gehandelt wurden, waren es 2009 schon 23 Prozent. Schätzungen zufolge sind 16 Prozent der Weltbevölkerung auf Importe angewiesen, um ihren Bedarf zu decken. Die wachsende Abhängigkeit von bestimmten Exportländern, bei Reis von Thailand, bei Weizen von Frankreich, gefährdet zunehmend die Ernärhungssicherheit afrikanischer Staaten .

Wie lässt sich das Hungerproblem lösen?

Rund 800 Millionen Menschen hungern weltweit und knapp zwei Milliarden leiden unter Mangel an bestimmten Nährstoffen, Vitaminen und Mineralien. Die Weltgemeinschaft hat sich das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 allen Hunger zu beseitigen. Mit einer "Zero Hunger"-Politik sollen besonders die Kleinbauern in die Lage versetzt werden mehr und bessere Lebensmittel zu produzieren. Denn ihre Ernten liegen bisher weit unter dem Niveau der Industrieländer. Doch der Weg dahin ist umstritten: Soll es der Weg über Hochleistungssaatgut, Agrarchemie, Kunstdünger, einem hohen Einsatz von Energie und Kapital sein, den die Industrieländer gegangen sind, oder sollen die Bauern selbst eine Strategie finden, die an ihren Traditionen, ihrem Wissen anknüpft und mit wenig Kapital, Energie, Dünger, aber mit heimischen Pflanzen arbeitet. Die Entscheidung liegt zum Teil bei den Entwicklungsländern und ihren Regierungen. Doch sind diese nicht unabhängig von den Industrieländern und ihren Interessen an neuen Märkten und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. In zwölf afrikanischen Ländern versucht die sogenannte New Alliance for Food Security and Nutrition ein industrielles Konzept der landwirtschaftlichen Entwicklung durchzusetzen. Ein Konzept, das auf großflächigen Strukturwandel setzt und darauf, dass der größte Teil der Kleinbauern eine Existenz außerhalb der Landwirtschaft findet. Dieser Strukturwandel stößt jedoch auf erhebliche Probleme, da es in vielen Entwicklungsländer außerhalb des Agrarsektors kaum Arbeitsplätze gibt und die Mehrheit der Bevölkerung auf ihre landwirtschaftliche Existenzgrundlage angewiesen ist. Die FAO als Weltorganisation setzt hingegen auf Förderung der Kleinlandwirtschaft, um den Hunger besonders in ländlichen Regionen zu bekämpfen.

Wer ist zuständig für Regulierung und Kontrolle des Handels?

Der weltweite Agrarhandel wird durch die Welthandelsorganisation WTO geregelt. Diese setzt sich in erster Linie für den weiteren Abbau von Handelshemmnissen wie beispielsweise nationalen Zöllen ein. Gegen ihre Liberalisierungspolitik, die vor allem von den Industriestaaten und Agrarexportländern unterstützt wird, erhebt sich besonders auf Seiten der Entwicklungsländer Widerstand, da diese ihre Kleinlandwirtschaft gegen den Wettbewerb mit den Industrieländern schützen wollen. Sie hoffen dadurch den Aufbau eigener Ernährungswirtschaften anzutreiben. Dieser Interessengegensatz konnte bisher nicht ausgeräumt werden. Die Europäische Union ebenso die USA und Kanada setzen nun auf zweiseitige Handelsverträge sowohl mit einzelnen Entwicklungsländern als auch untereinander mit CETA und TTIP.

Wer ernährt die Städte der Zukunft?

Bis zur Mitte des Jahrhunderts wird die Weltbevölkerung von sieben auf fast zehn Milliarden Menschen wachsen, bis 2100 wollen über elf Milliarden Menschen ernährt werden. Obwohl Asien den größten Teil der Menschheit beherbergt, werden die größten Zuwachsraten auf dem afrikanischen Kontinent erwartet, vor allem in den rasant wachsenden Städten. 27 so genannte Megacities werden weltweit bis 2025 entstehen, von denen 21 in Entwicklungsländern liegen werden. Der urbane Raum soll Prognosen zufolge im Jahr 2050 schon 60 - 70 Prozent der Weltbevölkerung beherbergen. Ob die Menschen der Zukunft durch eine eigene urbane Landwirtschaft ernährt, oder, ob sie von globalen Lebensmittelströmen abhängig sein werden, ist bisher vollkommen ungeklärt.


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