Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

6.6.2008 | Von:

"Das erweiterte Bewusstsein ist die Intuition"

Annäherungsversuche an eine Holzkiste und andere künstlerische Positionen um 1968

Orte künstlerischen Handelns



Die Analyse der New Yorker Immobilienspekulationen und Haackes Untersuchung zur Eigentümergeschichte von Manets Spargelstilleben stellen die Annahme infrage, wonach Institutionen, an denen Kultur gesammelt, bewahrt oder ausgestellt wird, neutralen, von finanzieller oder politischer Macht unabhängigen Gesetzen folgen. Die in seinen Werken enthaltene Kritik am Macht erhaltenden bürokratischen Apparat der Institutionen spiegelt ein zentrales Thema politisch motivierter Kunst um 1968 wider, mit dem sich insbesondere Konzeptkünstler auseinander setzten. Die 1976 erstmals als Aufsatzsammlung in der Zeitschrift Artforum erschienene Schrift des Kritikers Brian O´ Doherty "Inside the White Cube" griff diese künstlerischen Ansätze auf und thematisierte kulturelle, soziale und politische Rahmenbedingungen der Orte, an denen die Künstler ihre Werke präsentierten. So malte beispielsweise Daniel Buren weiße und farbige Streifen im immer gleichen Abstand auf Galeriewände. Andere Arbeiten platzierte er im Stadtraum. Durch die Reduktion auf Streifen als malerische Grundstrukturen öffnete Buren den Blick für historisch bedingte und soziale Kontexte eines Ortes.

Kritik an Institutionen konnten Künstler insbesondere dann wirksam ausüben, wenn sie sich ihr Publikum selbst suchten. Die Straße als allgemein zugänglicher Ort bot sich an, da hier die durch gesellschaftliche Eliten dominierten Gesetze der Bildungseinrichtungen am ehesten außer Kraft gesetzt waren.[27] Diese Verlagerung von Kunst in den öffentlichen Raum fand im Rahmen von performativen Aktionen, auf Demonstrationen sowie durch Parolen und Graffiti statt, mit denen Künstler den Stadtraum markierten. Internationale Wirkung und Verbreitung erfuhren Inschriften und Plakate, die Künstler in Paris während der Maiunruhen 1968 anbrachten. Die Plakate, deren Autorschaft oft nicht bekannt wurde, waren zuvor auf den Druckmaschinen in dem von Studenten gegründeten "Atelier Populaire des Beaux Art" in der École National des Beaux-Art hergestellt worden. [28] Inhaltlich nahmen sie Bezug auf Schriften wie Guy Debords "Gesellschaft des Spektakels" oder Herbert Marcuses "Versuch über Befreiung", die das theoretische Fundament der künstlerischen Handlungen lieferten.[29] In den Ateliers und Kunstakademien wanderten die Werke von den Staffeleien auf Fußböden und Wände. Die den Staffeleien anhaftende, formatbedingte Normierbarkeit und Kontrollierbarkeit sollte unterlaufen werden. Optimales Forum für die Verbreitung politischer Ansichten boten die Fassaden der Kunsthochschulen, wofür die mit Graffiti und Schriftzügen versehene Attika der Düsseldorfer Kunstakademie ein Beispiel ist. In dem Foto erklimmt ein Junge die Sockel der Akademie, auf dem hoch oben der Schriftzug: "DENKT die Würde des Menschen ist unverletzlich/ Leben Arbeit Geld Arbeit Geld Tod" aufgetragen ist. Ein Stück weit versinnbildlicht die kindliche Ersteigung der Architektur die mit dem Zugang zur Bildungseinrichtung verbundenen hohen Hürden, deren Auswahlverfahren auch Joseph Beuys hinterfragte.

Beuys nutzte den Ort vor der Akademie wiederholt für seine Aktionen. Wer wollte, konnte daran teilnehmen oder ihn aus der Vogelperspektive beobachten, wie der an die Säule gelehnte junge Mann auf dem eingangs beschriebenen Foto. Inwiefern Beuys´ auf gesellschaftspolitischen Forderungen basierende Aktionen außerhalb der Kunstszene Wirkung zeigten, lässt sich kaum bemessen. Dies gilt wohl generell für politische Kunst um 1968. Ein Grund hierfür mag auch sein, dass das dokumentarische und künstlerische Material seinen Fokus vor allem auf die Künstler selbst legt.

Die Künstlerin Inge Sauer war 1969 Studentin der Düsseldorfer Kunstakademie. Während einer Aktion, mit der Beuys die in seinen Unterrichtsräumen stattfindende "Arbeitswoche" der Lidl Akademie einleitete, richtet sie ihre Kamera auf die gegenüberliegende Straßenseite.[30] Dort spielt sich der Alltag der Düsseldorfer AltstadtbewohnerInnen ab. Ausgerüstet mit Kittelschürzen oder kurzem Kostüm blicken die Frauen in die Kamera oder unterhalten sich. Entgegen der bisweilen sogar menschenverachtenden Kritik in der Presse, die Beuys als 'Kunstschwein' degradierte, registrieren sie weder ablehnend noch besonders wohlwollend, was gegenüber geschieht. Was sie dort sehen, hält sie nicht ab von einem Schwätzchen mit der Nachbarin auf der Straße.

Fußnoten

27.
Piere Bordieu untersuchte Anfang der 1960er Jahre mit statistischen Methoden das Besucherverhalten in Museen und konnte nachweisen, dass auch trotz kostenlosen Eintritts diese Institutionen vornehmlich auf das Rezeptionsverhalten der Bildungseliten angelegt waren. Vgl. Bourdieu/Darbel 2006.
28.
Kat. Düsseldorf 1990, S. 100.
29.
Vgl. Butin 2002, S. 171.
30.
1985 arrangierte Beuys Attribute dieser Aktion in der letzten Großen Installation vor seinem Tod im Palazzo Regale.

Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

Mehr lesen

Online-Angebot

Kinofenster.de: We Want Sex

Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de