Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

6.6.2008 | Von:

Orgasmen wie Chinaböller

Sexualität zwischen Politik und Kommerz

Schwierigkeiten mit der sexuellen Revolution



Die Neue Linke war ihrerseits entsetzt von dieser eifrigen Beteiligung der ehemals so spießigen Bevölkerung. Die Kommunarden, KinderladenaktivistInnen und marxistischen Sexaktivisten wetterten gegen den "Wichsersex der Angepaßten" sowie die Sexakrobatik und guten Ratschläge von Uhse und Kolle.[14] Im Nachhinein zeigt sich, dass die Neue Linke, obwohl sie sich als antifaschistisch verstand, besser als antipostfaschistische Bewegung verstanden werden kann, die sich hauptsächlich am erdrückenden Konservatismus der Nachkriegsrestauration gerieben hat, ohne zu verstehen, dass diese Restauration schon in sich selbst eine Art Vergangenheitsbewältigung war.

Politpostkarte der APO: Die Aktivisten warfen diese Postkarten über Zäune von US-Kasernen und verteilten sie vor Bundeswehrkasernen. Foto: Günter ZintPolitpostkarte der APO: Die Aktivisten warfen diese Postkarten über Zäune von US-Kasernen und verteilten sie vor Bundeswehrkasernen. (© Günter Zint)
Gerade der Erfolg der Liberalisierung im Sexualstrafrecht und in den gängigen kulturellen Werten hinterließ Verwirrung über die Definition der Beziehung zwischen Sexualität und Politik. Die Sexualität war befreit, aber den Kapitalismus hatte man nicht stürzen können. Man vermutete sogar, der Kapitalismus, und nicht die eigene moralische Anstrengung, habe den Sex befreit. Rasch versuchte sich die Neue Linke von der 'bürgerlichen' sexuellen Revolution zu distanzieren. Schon inmitten der Hochtage der sexuellen Revolution schrieben die Autoren des Buches "Berliner Kinderläden: Antiautoritäre Erziehung und sozialistischer Kampf" (1970) mit einem bezeichnenden Nebeneinander aus Fetzen materialistischer Analyse und unaussprechlicher Sehnsucht: "Solange die Kleinfamilie – aus letztlich ökonomischen Gründen – ihre Zähigkeit bewahrt, bleibt die sexuelle Freiheit nur ein schlechtes Trostpflaster für den alltäglichen Ekel und Überdruss." Und: "Auch wenn zehnmal mehr gebumst würde als früher, wäre das keine eigentliche Befreiung der Sexualität. Denn der bloße wiederholte Orgasmus, auch wenn Mann und Frau ihn gleichzeitig erreichen, kann noch nicht als befriedigende Form der Sexualität angesehen werden."[15] Ein Jahrzehnt später ärgerte sich ein "Konkret"-Herausgeber über die neulinke Szene, in der nur noch ein "infantiles Streichelparadies endloser Kuschelorgasmen" zu finden sei. Wo konnte man das noch erleben, wonach er sich sehnte: eine "Sexualität mit haut und haaren, auf leben und tod, mit Schweiß und tränen aus lust und Schmerz, mit leidenschaft und eifersucht, beißend, schlagend, schreiend, ein ausbruch der emotionen mit orgasmen wie chinaböller"?[16]

Der Unmut zahlreicher Frauen über die Überheblichkeit vieler linker Männer, aber auch die offensichtliche Nichtrealisierbarkeit des Traums, dass freier Sex zu einer revolutionierten Gesellschaft führen werde, entlud sich bald in einem Geschlechterzwist. Sehr hoch waren die Erwartungen gewesen – nicht nur, dass sexuelle Befreiung unbedingt auch die Revolution herbeiführen werde, sondern auch die hohe Glückserwartung an die sexuelle Befreiung. Die feministische Kampagne für das Recht auf Abtreibung hatte große Unterstützung seitens der Männer quer durch das ideologische Spektrum gewonnen. Die aus der Kampagne hervorgegangene Frauenbewegung, die unter anderem auch besseren, für Frauen erfreulicheren heterosexuellen Sex verlangte, rief dagegen negative Reaktionen hervor.

Die neulinken Zeitschriften füllten sich mit Kommentaren zur emotionalen Notlage. Feste, monogame Zweierbeziehungen könnten auf die Dauer den Glücksansprüchen nicht gerecht werden. Die zunächst propagierte Promiskuität generierte jedoch ebenso ein großes Konfliktpotenzial. Die Frankfurter Zeitschrift "Pflasterstrand" sprach vom "totale[n] Defizit in der Diskussion um Beziehungen, Sexualität und Frauen-/Männerkampf" und beklagte "das übliche Gehänge und Gewürge, das sich tagtäglich in unseren linksradikalen Betten abspielt" und dass in den "Beziehungskisten" der 1970er Jahre "die gleichen grusligen Dramen wie in Opas und Omas Schlafzimmer noch existieren".[17] Die Zeitschrift "Konkret" kündigte 1979 ein jährliches Sonderheft an, "weil wir rund um uns die kaputten Sexualverhältnisse sehen und die Hilflosigkeit vor ihnen".[18] 1981 schrieb ein neulinker Mann unter dem Pseudonym Gernot Gailer einen viel diskutierten Beitrag in der "Taz" (anschließend in erweiterter Form in Ästhetik und Kommunikation). Dem alten Motto der 68er "Lust, Sex und Politik gehören zusammen" setzte Gailer entgegen: "Sex und Politik ging nie, geht nicht und wird auch nie gehen." Zudem behauptete er, nachdem er sich im weiteren Verlauf des Textes eine Vergewaltigung ausgemalt hatte: "Die eigentlich Unterdrückten sind doch wir. Wir Männer. Nieder mit der Frauenbewegung. Für mehr Peepshows. Das ist kein Witz. Ehrlich. Die Frauenbewegung nützt mir überhaupt nichts."[19]

Solche Gefühle hegten nicht nur linke Männer. Auf rüdeste Weise Feministinnen zu diffamieren, gehörte zum westdeutschen Alltag. Das Gleiche galt für die Drohung, Männer würden die Lust auf Frauen verlieren, wenn die Frauen eigene Rechte einforderten. Quer durch das politische Spektrum argumentierten viele westdeutsche Männer, der Feminismus schade der heterosexuellen Sexualität. Unter Leistungsdruck nähmen sexuelle Funktionsstörungen bei Männern nachweislich zu. Bereits 1969 meldete die Bild-Zeitung, die Männer seien sexuell überfordert. Bis zum 25. Lebensjahr wollten deutsche Männer täglich Sex, nach dem 30. brächten Ehemänner ihren Feierabend am liebsten vor dem Fernsehapparat zu und ließen ihre Frauen wissen, sie seien 'zu müde'.[20] Der "Stern" publizierte eine Karikatur, in der eine Frau die fehlende männliche Energie im Bett mit nikotinfreien Zigaretten verglich. "Der Spiegel" erklärte, es sei sicher bedauerlich, dass Männer ihrer Arbeit den Vorzug gäben und ihr Sexualleben vernachlässigten. Aber um dagegen etwas zu tun, brauche der Mann eine "besonders verständnisvolle Partnerin", und "das ist nur selten die Ehefrau".[21]

Viele Frauen fühlten sich durch den Widerstand der Männer schlicht gering geschätzt. Schon 1968 hatte sich der Frankfurter Weiberrat über "sozialistischen Bumszwang" beklagt.[22] Anfang der 1970er Jahre schrieb eine Frankfurter Studentin, die Pille werde zwar laufend als Fahrkahrte zur Emanzipation dargestellt; tatsächlich aber heiße es nun, Frauen seien "neurotisch, frustriert oder gar repressiv, wenn sie mit einem nicht schlafen wollen".[23] Die Beschreibung sexueller Begegnungen in Verena Stefans viel gelesenem, einflussreichen Roman "Häutungen" aus dem Jahr 1975 war offensichtlich vielen Frauen vertraut: "Ich gebe mir mühe, alles richtig zu bewegen, bis er einen orgasmus hat."[24] Trotz der Pille und obwohl dauernd in allen Details über Sex geredet wurde, empfanden sich viele Frauen "noch genauso frigide" wie früher.[25] Die Untersuchung eines Hamburger Forschungsinstituts zeigte 1978, "jede dritte Frau wäre froh, wenn sie wenigstens einmal regelmäßig zum Höhepunkt kommen würde". Von den Behauptungen der Männer, die feministischen Forderungen nach besserem Sex würden sie einschüchtern, zeigten sich die Frauen nicht übermäßig beeindruckt. Eine Frau fasste das Dilemma sarkastisch so zusammen: "Die Männer rufen ständig nach der scharfen Frau, die ihr Begehren offen zeigt – aber wehe, sie kommt wirklich."[26] Weder Männer noch Frauen fanden, sie kämen in ihrer Lust auch nur annähernd auf ihre Kosten.

In der Regel wurde der Feminismus dafür verantwortlich gemacht. "Die Frauenbewegung, die hat uns auf Null Bock gebracht", meinte ein Mann 1982 im "Stern".[27] Sex hatte einmal Spaß gemacht, aber jetzt nicht mehr; es ging bergab mit der sexuellen Revolution. Anfang der achtziger Jahre hatten Männer und Frauen nicht wesentlich häufiger Sex als vor Einführung der Pille zwanzig Jahre zuvor. In einer Serie über "Sex in Deutschland" fragte der "Stern" schon 1980: "Kommt nach dem Freiheitsrausch der Katzenjammer?"[28] Verwirrung und ein Backlash nach der sexuellen Revolution waren also schon vor HIV und Aids präsent..

Fußnoten

14.
Gremliza 1981.
15.
Sadoun et al. 1970, S. 108 f.
16.
Gremliza 1981.
17.
Sexualität: Wenig Fortsetzung..., in: Pflasterstrand, Nr. 12.–25.1.1978, S. 19. Und hier die erstaunliche Geschichte Beziehung, die, kaum hatte sie begonnen, auch schon wieder war, in: Pflasterstrand, Nr. 21, 15.12.1977–11.1.1978, S. 25.
18.
Sexualität Konkret, Nr. 1, 1979, S. 4.
19.
Gailer 1980, S. 84 f., 91.
20.
Bis 25: Täglich Liebe. Ab 30: Ich bin so müde, in: Bild,
21.
Stern-Karikatur und Spiegel-Kommentar abgedruckt Jüngstes Gerücht, in: Der Spiegel, 28.2.1977, S. 190 f.
22.
Flugblatt, abgedruckt in: Siepmann et al. 1984, S. 174.
23.
Zum Wandel der Sexualmoral, Seminarreferat an der Frankfurt, Anfang der 1970er Jahre. Privates Archiv von Flügge, Frankfurt a. M.
24.
Stefan 1975, S. 25.
25.
Siebenschön 1975.
26.
SEAT-Studie und Zitat aus Kolb 1980.
27.
Zit. bei Zander 1982.
28.
Kolb 1980.

Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

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Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

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