Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

9.1.2008 | Von:
Stefan Wolle

Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968

VII. Sozialismus mit menschlichem Antlitz

Der Gedanke eines "Dritten Weges" wurde Anfang 1968 in der Tschechoslowakei von der abstrakten Idee zum realen politischen Experiment. Am 5. Januar 1968 wählte das Zentralkomitee der KPC Alexander Dubcek zum neuen Parteichef. Leonid Breschnjew hatte bereits im Vorfeld für den Personalwechsel grünes Licht gegeben, und auch protokollarisch wurden innerhalb des Warschauer Paktes zunächst die üblichen Formen gewahrt. Doch was in der CSSR als Reform von oben begann, stieß bald schon auf eine ungeahnte Resonanz in der Bevölkerung. Endlich wurde im Lande frei gesprochen: über den Mangel an Freiheit und Demokratie, den Terror der Stalinzeit, die Bevormundung durch die Sowjetunion, die Wirtschaftsmisere im Lande, die Unfähigkeit der kommunistischen Funktionäre, die Spannungen zwischen Tschechen und Slowaken.

Spätestens im März schrillten in Ost-Berlin alle Alarmglocken. In einer internen Information an die Leiter der Abteilungen im ZK der SED vom 12. März 1968 hieß es: "Man muss offen sagen, dass der imperialistische Gegner seine Anstrengungen verstärkt, um über alle möglichen Kanäle und Verbindungen Einfluss auf die Aktivierung der antisozialistischen, bürgerlichen Kräfte in der CSSR zu nehmen und selbst zu organisieren. Wie weit die geistige Übereinstimmung zwischen den Losungen dieser kleinbürgerlichen, antisozialistischen Kräfte innerhalb der CSSR mit der Ideologie des Imperialismus geht, zeigt insbesondere die von Schriftstellern und Künstlern vertretene Losung, die CSSR in eine 'offene Gesellschaft' zu verwandeln." [26] Drei Tage später heißt es in einem Bericht des MfS für die Parteiführung: "In den Bezirken der DDR wird gegenwärtig zu den Vorgängen in Warschau und in der CSSR unter allen Bevölkerungsschichten diskutiert. Besonders die Meinungsäußerungen über die Erscheinungen in der CSSR sind vom Umfang und der Intensität her im Ansteigen begriffen." [27] Seit Mitte März 1968 verdichten sich die Berichte des MfS an die Parteiführung. In den kommenden Monaten wurde fast täglich über die Diskussionen der Bevölkerung berichtet.

Im März 1968 kam es auch zum ersten öffentlichen Angriff der SED gegen die tschechoslowakische Bruderpartei. Während einer Konferenz zum Thema "Die philosophische Lehre von Karl Marx und ihre aktuelle Bedeutung" griff Kurt Hager den Reformkommunisten Josef Smrkovský [28] an. Die Springerpresse, meinte Hager, berufe sich in "ihrer Kampagne gegen unsere sozialistische Verfassung . . . auf die Ereignisse in der CSSR. . . Sie geben in aller Ausführlichkeit die Angriffe von Journalisten und Schriftstellern auf die führende Rolle der Partei wieder" [29].

VIII. Der Prager Frühling und die DDR

Das Modell eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz hatte streng genommen mit den an China oder Kuba orientierten Vorstellungen der radikalen Westlinken wenig zu tun. In der Tat knüpften die ideologischen Vorstellungen der Reformkommunisten eher an traditionelle sozialdemokratische Denkmuster an. In diesem einen Punkt traf die Hetze der SED wohl den Kern der Sache.

In den Augen vieler DDR-Bürger waren dies aber nur ideologische Haarspaltereien. Im Frühling 1968 trafen in der DDR zwei Strömungen des Zeitgeistes aufeinander, die aus unterschiedlichen Richtungen kamen und die historisch in unterschiedliche Richtungen wiesen, dennoch aber eine kaum zu trennende Einheit bildeten. Viele Menschen wünschten sich mehr Freizügigkeit und Wohlstand. Ihre Sympathien mit dem neuen Mann in Prag waren nicht das Ergebnis ideologiekritischer Debatten, sondern resultierten aus einer neugewonnenen Hoffnung auf positive Veränderung. Natürlich gab es in der DDR junge Leute, die nächtelang über Marx und Marcuse stritten. Doch für die meisten Ostdeutschen ging es zunächst um ein wenig mehr Luft zum Atmen, ein bisschen mehr Farbe im realsozialistischen Alltag. Dies schien das sozialistische Bruderland nun wenigstens ansatzweise zu bieten. Obwohl Reisen in die CSSR immer noch aufwendige Formalitäten erforderten und nur wenige tschechische Kronen umgetauscht werden konnten, wurde Prag in jenem Sommer zum Mekka der DDR-Bevölkerung.

Jeder holte sich im Nachbarland, was er gerne mochte. Dort konnte man die begehrten Schallplatten mit Beat-Musik und Jazz kaufen. In den Kinos liefen in Originalfassung die neuesten Filme aus den USA. An den Kiosken gab es westliche Zeitungen und Zeitschriften. In Prag und anderswo konnte man ohne amtliche Formalitäten ein Zimmer mieten oder in einem Studentenheim unterkommen, was in der DDR undenkbar gewesen wäre. Man konnte auf der Straße sitzen, ohne von erziehungswütigen Volkspolizisten behelligt zu werden. Die Theater, Konzerte und Kunstausstellungen in der tschechoslowakischen Hauptstadt waren legendär. Die DDR-Behörden erreichten mit ihren finanziellen Restriktionen genau das Gegenteil der erstrebten Wirkung. Da sich die Reisenden kein Hotel leisten konnten, waren sie auf die Kontakte zu Gastgebern angewiesen - kamen daher viel enger mit der Lebenswirklichkeit des Gastlandes in Berührung als normale Touristen. Von den politischen Bedrohungen war in jenem Sommer nicht viel zu spüren. Die tschechoslowakischen Freunde lachten, wenn sie gefragt wurden, wo sich die Konterrevolution versteckt hielte. Kaum jemand glaubte, dass sich das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen ließe.

Wenn der Zug diesseits der Grenze in Bad Schandau oder Zinnwald hielt, wussten die Leute, dass sie wieder zu Hause waren. Voller bösartiger Gehässigkeit filzten die DDR-Zöllner die Heimkehrer aus der CSSR. Sie beschlagnahmten Schallplatten, deutschsprachige Druckschriften und Bilder jeglicher Art. Das betraf nicht nur westliche Publikationen und antiquarische Bücher, sondern insbesondere die deutschsprachigen Informationen der Nachrichtenagentur CTK und die "Prager Volkszeitung". Auch die Sicherheitsorgane registrierten die "verstärkte Einfuhr" von tschechoslowakischen, österreichischen und westdeutschen Zeitungen und Zeitschriften [30]. In einem Bericht an Erich Honecker wurde sogar behauptet, tschechoslowakische Studenten würden das "Prager Volksblatt" an DDR-Bürger verteilen. Wer sich unterstand, gegenüber den Zollorganen darauf zu verweisen, dass es sich um offizielle Verlautbarungen der kommunistischen Bruderpartei handele, konnte sich auf längere "Kontrollen" einstellen. "Während der überwiegende Teil der Bürger die formlose Einziehung deutschsprachiger Literatur . . . anerkennt, führen in Einzelfällen andere DDR-Bürger längere Diskussionen dazu." [31] Zwei Studenten der Universität Rostock wehrten sich im Grenzzollamt Zinnwald gegen die willkürliche Einziehung der Druckschriften und meinten: "Für sie sei es notwendig, dass sie zur freien Meinungsbildung die Zeitungen der CSSR und Westdeutschlands benötigen." Einer der beiden, der sich zudem als Mitglied der SED offenbarte, meinte sogar: "Er bekenne sich zu dem 'revolutionären' Verhalten der Studenten in der CSSR, . . . Durch das Verhalten der Prager Studenten . . . sei der gesamte Prozess der Demokratisierung ins Rollen gekommen." [32] Ein zusammenfassender Bericht über den Vorfall wurde parallel an das Politbüromitglied Albert Norden gegeben [33]. Offenbar war der Apparat auf das höchste alarmiert. Der Leiter der Zollverwaltung der DDR verfertigte einige Tage später einen ausführlichen Bericht an die Abteilung Sicherheit im ZK der SED [34]. Fünf Tendenzen bereiteten den Organen der DDR große Sorgen: die zunehmende Zahl von Treffen zwischen DDR-Bürgern und Westdeutschen bzw. Westberlinern, die teilweise zufälligen Charakter trugen, teilweise geplant waren; die steigende Zahl von Versuchen, über die Tschechoslowakei in den Westen zu fliehen; drittens die Ausstellung von Internationalen Studentenausweisen durch den Internationalen Studentenbund, der seinen Sitz in Prag hatte; viertens die Teilnahme an Beat-Veranstaltungen und schließlich die Einfuhr von Druckerzeugnissen.

Ein Jugendlicher meinte angesichts der Beschlagnahmung seiner Zeitschriften: "Was kann man in der DDR überhaupt für Zeitungen lesen. Bei Euch ist wohl nur das 'Neue Deutschland' erwünscht. Das 'ND' nehmen wir zum Arschabwischen." Der Bürger wurde laut MfS-Bericht der Polizei übergeben [35] .

Von nun an wurden wöchentlich solche Berichte verfertigt, die eine steigende Zahl von derartigen Vorkommnissen registrierten. Die SED-Führung versuchte, die Reisen ins Nachbarland wenigstens zu reduzieren. "Ich habe mich über die Lage in der Touristik mit der Tschechoslowakei informiert", schrieb Albert Norden an Walter Ulbricht. "Tatsächlich sieht es so aus, dass im Monat Juni von uns 244.000 Touristen in die CSSR fuhren und 214.000 von der CSSR in die DDR kamen. In der ersten Juli-Hälfte sind von uns 154.000 Bürger in die CSSR gefahren und von dort 90.000 zu uns gekommen. Es stellte sich heraus, dass von unseren Touristenagenturen eine sehr breite Werbung gemacht wurde, weil man mittels der Touristik in die CSSR einen Teil unserer Verschuldung gegenüber Prag abbaut. Natürlich können diese Gesichtspunkte angesichts der jetzigen politischen Situation nicht mehr gelten, und ich habe Anweisung gegeben, dass die Werbung für Touristen nach der Tschechoslowakei und von dort per sofort eingestellt wird." [36]

Auch das Tschechoslowakische Kulturzentrum am Bahnhof Friedrichstraße war den ideologischen Tugendwächtern der SED ein Dorn im Auge. Dies hatte eine längere Vorgeschichte. Die Filmabende, Kunstausstellungen und Schriftstellerlesungen missfielen den Kulturbehörden der DDR bereits seit einigen Jahren, zumal dort auch DDR-Künstler wie Wolf Biermann aufgetreten waren. Im Frühjahr 1968 aber wurde das CSSR-Kulturzentrum zu einem der offenen Fenster in der geschlossenen Gesellschaft der DDR, durch die wenigstens ein leiser Luftzug wehte.

Auch lag dort seit dem 8. Mai 1968 zum Ärger der DDR-Obrigkeit die "Prager Volkszeitung" mit dem neuen Aktionsprogramm der KPC aus und konnte von den Besuchern mitgenommen werden [37]. In dem bisher recht farblosen Blatt der deutschsprachigen Minderheit der Tschechoslowakei konnte das DDR-Publikum seit dem Januar 1968 erstaunliche Dinge lesen. Auf Kurt Hagers Äußerungen während der Karl-Marx-Konferenz erfolgte eine ironisch formulierte Einladung, nach Prag zu kommen, um sich an Ort und Stelle über die Vorgänge zu informieren [38]. Dies war nicht der Stil, in dem in der DDR mit Mitgliedern des Politbüros gesprochen wurde. In der Nummer vom 31. Mai 1968 erfolgte sogar ein Abdruck des Liedes "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke" von Wolf Biermann [39]. Dieses Heft erreichte die 900 Abonnenten in der DDR nicht mehr. Die Auslieferung des Blattes wurde vom Postzeitungsvertrieb untersagt. Die einzige Bezugsquelle war nun das Kulturzentrum in der Friedrichstraße, wo die Volkszeitung trotz mehrfacher Interventionen des Außenministeriums der DDR weiter auslag.

Der Einfluss der antiautoritären Revolte auf die DDR war eher kulturell als direkt ideologisch oder gar politisch im engeren Sinne. Zeugnisse eines direkten Nachahmungseffektes sind in den Akten eher selten. Dennoch ist deutlich, dass manche DDR-Studenten, von der westlichen Protestkultur beeindruckt, ähnliche Aktionen auch bei sich zu Hause beginnen wollten. In einem Informationsbericht des MfS vom Mai 1968 wird von einer "so genannten Demokratisierungswelle" unter den Jura-Studenten der Humboldt-Universität gesprochen [40]. Dann wird die Meinung zitiert: "Wir können ja auch unsere Meinung durch Protestdemonstrationen mit Schildern und Plakaten usw. zum Ausdruck bringen." [41] Weiter heißt es in dem Bericht: "Man verweist in den Diskussionen auf die Studenten-Demonstrationen in der CSSR, Westdeutschland, Polen und Frankreich." Laut MfS-Bericht waren DDR-Studenten der Meinung, "dass man sich auch bei uns Rechte und Freiheiten erkämpfen sollte. Durch die Ereignisse in der CSSR hegen sie große Hoffnungen. Sie sehen für sich in der Bildung einer unabhängigen Jugendorganisation eine Möglichkeit, ihre Ziele, die sie auch marxistisch nennen, zu verwirklichen. Alle auftretenden bzw. aufgetretenen Mängel an der Universität liegen nach ihrer Meinung im System unseres Staates begründet" [42].

Anlass zur Klage gab es im Studentenalltag genug. Ein Student vertrat laut Stasi-Bericht die Meinung, "er würde sofort gegen das schlechte Mensa-Essen demonstrieren" [43].

In den Stasi-Zentralen erinnerte man sich zu diesem Zeitpunkt gewiss daran, dass die Protestbewegung der Prager Studenten im Oktober 1967 mit einer Kerzendemonstration gegen die Stromausfälle in einem Studentenwohnheim begonnen hatte.

Differenziertere Gedanken machten sich Mitglieder der Evangelischen Studentengemeinde in Berlin, wo in Diskussionsveranstaltungen auch Gastredner aus der Tschechoslowakei auftraten [44]. "Krawalle, wie sie von den Studenten in der VR Polen organisiert wurden, seien an der Humboldt-Universität nicht möglich, da einerseits hierfür nicht die geeignete Situation vorhanden sei und andererseits ein derartiges Vorgehen sofort eine Konfrontation mit der Staatsmacht zur Folge hätte. Man müsse deshalb den Weg gehen, wie er in der CSSR beschritten wurde. Dabei dürfe man nicht sofort voll gegen die SED auftreten, sondern muss mit der Partei gehen und ihr eine Fehlerdiskussion aufzwingen, die zu Auseinandersetzungen in der Parteiführung führen würde." [45]

Auch Steigerwald sieht in seinem Buch über Marcuse den Zusammenhang zwischen der westlichen Studentenrebellion und dem Prager Frühling: "Die Auseinandersetzungen mit der Rechtsabweichung im internationalen Kommunismus, die vor allem durch die Ereignisse in der CSSR vorangetrieben werden muss, wird auch zum verstärkten Kampf gegen antisowjetische Auffassungen in linksliberalen und linksbürgerlichen Kreisen führen müssen, die auf der Grundlage abstrakter Freiheitslosungen reaktiviert werden. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass die Ansichten eines linksbürgerlichen 'dritten' Weges zwischen Bourgeoisie und Proletariat stärkere Belebung erfahren." [46]

IX. Die Ideale starben langsam

Als in den frühen Morgenstunden des 21. August 1968 die Nachrichtensprecher des DDR-Rundfunks die verlogene Erklärung der Warschauer-Pakt-Staaten über den Einmarsch ihrer Truppen in die CSSR verlasen, empfanden das viele Menschen als einen fürchterlichen Schlag. Die moralische Empörung war ungeheuer groß. Es gab zahlreiche Proteste, individuelle Verweigerungen und hilflose Gesten des Widerstandes [47]. Es begannen "ideologische Klärungsprozesse". Viele junge Leute liefen - verführt von den Ehrlichkeitsphrasen ihrer Jungpionierzeit - ins offene Messer der Staatssicherheit. Die einen zerstörten unwiederbringlich ihre berufliche Laufbahn, andere lernten die Taktik der Anpassung ohne Selbstaufgabe, Dritte wurden zu Zynikern und Karrieristen. Wieder gab es unendlich viele jener bösen seelischen Wunden, die "nicht zugehn wollten unter dem Dreckverband", wie es Wolf Biermann 1976 in einem Lied ausdrückte [48].

Die Erinnerungen an den Prager Frühling waren in den folgenden 21 Jahren streng tabuisiert. Die wenigen in der DDR erhältlichen Darstellungen der Geschichte der Tschechoslowakei handelten das Jahr 1968 mit einigen hölzernen Floskeln ab. Mit den Möglichkeiten der Information über die internationale Studentenrevolte sah es nicht viel besser aus. Immerhin öffneten einige Romane und Filme winzige Fensterchen und wurden entsprechend intensiv wahrgenommen. Über den Pariser Mai konnte man in dem 1972 in der DDR veröffentlichten Roman "Hinter Glas" von Robert Merle einiges nachlesen. Über die Revolte der Studenten von Berkeley handelte der Film "Blutige Erdbeeren", der auch in der DDR Mitte der siebziger Jahre zum Kultfilm wurde. Die Musik und die Bilder hatten eine suggestive Anziehungskraft. Es ist bis heute erstaunlich, dass es die Kulturbehörden wagten, dem Kinopublikum der DDR solche Kost zu verabreichen. Als es am 7. Oktober 1977 zu den Krawallen auf dem Alexanderplatz kam, setzten sich die Jugendlichen aufs Straßenpflaster, hoben die gespreizten Finger zum Siegeszeichen und sangen "Give peace a chance!"

Die sozialistischen Ideale starben sehr langsam. Die Westachtundsechziger träumten von der Revolution und haben eine gesellschaftliche Reform bewirkt. Die Ostachtundsechziger dagegen wollten den Sozialismus reformieren und haben damit später eine Revolution ausgelöst, die bei aller Gewaltlosigkeit in ihren Folgen an Radikalität der Konsquenzen kaum zu überbieten ist. Wenn die Rebellen der APO heute in hohen Staatsämtern sitzen, zeigt dies vor allem die Lebenskraft einer Gesellschaft, die sich im Widerspruch erneuert.

Im Osten dagegen wurde jeder schöpferische Impuls erstickt. Ein wirklicher Generationswechsel fand nicht statt. Die einen verkamen auf dem langen Marsch durch die Institutionen und änderten nichts als sich selbst. Sie wurden zu Greisen, ehe sie ihre Kindheit beendet hatten. Die anderen verkrochen sich in den windstillen Ecken, die es in der DDR durchaus gab, und versäumten es dabei, erwachsen zu werden. Man hat den demokratischen Aufbruch des Herbstes 1989 die Revolution der Vierzigjährigen genannt. Viele hatten sich den rebellischen Geist der sechziger Jahre bewahrt, jene Mischung aus Aufsässigkeit und Weltverbesserung. Doch als die Massen endlich auf die Straße gingen, wollten sie von den sozialistischen Idealen nichts mehr hören. Die Idee einer herrschaftsfreien und klassenlosen Gesellschaft zerfiel. Die versäumte Revolte von 1968 ließ sich nicht nachholen.

Quelle: Aus Politik und Zeitgeschichte (B 22-23/2001)

Fußnoten

26.
MfS, Büro des Ministers, ZAN, Schreiben vom 12. 3. 1968 an Ltr. Der Abt. des ZK, Bl. 13.
27.
MfS, ZAIG, Z 1564, Einzel-Information 301/68 vom 15. 3. 1968 über die Reaktion der Bevölkerung der DDR über die Vorkommnisse in der CSSR und in der VR Polen, 8 Bl. u. 1 Bl. Anl., Zitat Bl. 1.
28.
Bei Smrkovsky¨ handelte es sich um einen Kommunisten, der in der Okkupationszeit den Widerstand gegen die Deutschen geleitet hatte, unter Stalin zu lebenslanger Haft verurteilt worden war und als entschiedener Vertreter eines humanistischen Sozialismus 1968 zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt worden war.
29.
Neues Deutschland vom 27.3.1969.
30.
MdI, Informationsgruppe Stab des MdI, 5. Informationsbericht vom 5.8.1968, Anlage: Information an E. Honecker vom 6. 8. 1968 über Stimmungen unter unserer Grenzbevölkerung an der Grenze zur CSSR.
31.
MdI, Kopie eines Schreibens Borning (Abt. Sicherheitsfragen des ZK der SED) an Hörnig (Abteilung Wissenschaft des ZK der SED) vom 16.7.1968.
32.
Ebd.
33.
MdI, Kopie eines Schreibens Borning (Abt. Sicherheitsfragen des ZK der SED) an Prof. Albert Norden (Politbüro) vom 16.7.1968.
34.
Zollchefinspektor Stauch (Ltr. Zollverwaltung der Deutschen Demokratischen Republik) an Abt. für Sicherheitsfragen des ZK der SED, Wocheninformation zu Feststellungen im grenzüberschreitenden Verkehr über die Staatsgrenze Süd vom 18.7.1969, Berichtszeitraum: 8.7.-14.7.1968, 7 Bl.
35.
Ebd., Bl. 4.
36.
SAPMO-BArch, IPA, DY 30, NL 2/31, Nachlass Walter Ulbricht, Schreiben Albert Nordens an Walter Ulbricht vom 26.7.1968, 2 Bl., Zitat Bl. 1.
37.
MfS, ZAIG, Z 1493, Einzel-Information 511/68 vom 9. 5. 1968 über die Verbreitung des Aktionsprogramms der KPE im Haus der Tschechoslowakischen Kultur in Berlin, Friedrichstraße, 2 Bl.
38.
Prager Volkszeitung vom 29.3.1968.
39.
Prager Volkszeitung vom 31.5.1968.
40.
MfS, Verwaltung Groß-Berlin, A 1140/1, Stadtarchiv Berlin, Einzel-Information 29/68 vom 25.5.1968, 3 Bl.
41.
Ebd., Bl. 1.
42.
MfS (Anm. 40), Bl. 2.
43.
Ebd., Bl. 2.
44.
MfS, Verwaltung Groß-Berlin, A 1140/2, Stadtarchiv Berlin, Einzel-Information 48/68 vom 24.7.1968, 3 Bl.
45.
Ebd., Bl. 1.
46.
R. Steigerwald (Anm. 23), S. 9.
47.
Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk: "Wer sich nicht in Gefahr begibt . . .". Protestaktionen gegen die Intervention in Prag und die Folgen von 1968 für die DDR-Opposition, in: Klaus-Dietmar Henke/Peter Steinbach/Johannes Tuchel (Hrsg.), Widerstand und Opposition in der DDR, Köln u. a. 1999, S. 257 ff.
48.
Wolf Biermann, Und als wir ans Ufer kamen, in: ders. (Anm. 21), S. 280.

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