Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

20.8.2007 | Von:
Dr. Wolfgang Kraushaar

Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf

3. Offensivtheorie und Eskalationsstrategie

Mit dem Latenzcharakter der Gewalt in den so genannten Metropolen und ihrer mangelnden Erfahrbarkeit hängt es zusammen, dass Dutschke ständig auf der Suche nach Aktionsformen ist, die die Verpanzerung der Verhältnisse aufreißen und ihren gewaltsamen Kern freilegen können. Das Schlagwort, von dem er am häufigsten Gebrauch macht, lautet deshalb "direkte Aktion". Ihm kommt es darauf an, durch möglichst genau geplante Einzel- oder Gruppenaktionen solche Nervpunkte zu treffen, durch die im Gegenzug das Gewaltpotential der Polizei und damit das des autoritären Staates herausgekitzelt wird.

Er schreibt deshalb häufig von einer "Offensivtheorie" und einer "Eskalationsstrategie". Die Universität, an deren Veränderung durch Strukturreformen er augenscheinlich kein Interesse hat, ist ihm nicht mehr und nicht weniger als eine Ausgangsstation. Sie figuriert in seinen Augen als "das schwächste Glied" im herrschenden System. Von ihr aus versucht er operative Basen aufzubauen, die es ihm ermöglichen, die Eskalation der Gewalt weiter voranzutreiben. Am Horizont steht der bewaffnete Aufstand.

4. Die Unterscheidung zwischen Gewalt in der Ersten und Gewalt in der Dritten Welt

Dutschke denkt von Anfang an in globalen Kategorien. Für ihn ist nicht allein das eigene Land, sondern die "Welt" als Totalitätszusammenhang maßgeblich. So verschiedenartige politische Gebilde wie lateinamerikanische Militärdiktaturen und westeuropäische Demokratien sind ihm nur unterschiedliche Erscheinungsformen ein und desselben imperialistischen Systems. Von herausragender Bedeutung ist dabei für ihn die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzende Politik der Entkolonialisierung, die insbesondere zahlreichen afrikanischen Ländern die nationale Unabhängigkeit bescherte. Dieser Aufsehen erregende Prozess wurde von ihm zugleich als eine fortschreitende Destabilisierung des Imperialismus wahrgenommen. Dennoch ist für ihn die Unterscheidung zwischen der "Ersten" und der "Dritten Welt" politisch zentral.

Gerade weil er so stark an der Frage einer aussichtsreichen Intervention interessiert ist, hält er beide Sphären strikt auseinander. Da die Gewaltverhältnisse in den verbliebenen afrikanischen Kolonien und den meisten lateinamerikanischen Staaten so offenkundig sind, scheinen sie ihm auch eine direktere Form der gewaltsamen, ja der militärischen Auseinandersetzung zu erlauben. Dort scheint ihm der Guerillakampf nicht nur möglich, sondern geradezu notwendig zu sein. Und in verschiedenen Erklärungen hält er nicht damit hinter dem Berg, dass er in diesen Teilen der Welt keine Hemmungen hätte, ebenfalls zur Waffe zu greifen und sich einer der dortigen Guerillabewegungen anzuschließen.

So z. B. in einer der Diskussionen während Marcuses Vorträgen über "Das Ende der Utopie" im Juli 1967. Dutschke geht darin so weit, den "prinzipiellen Pazifismus" als konterrevolutionär abzuqualifizieren, weil er sich angeblich gegen die vom Unterdrückungsapparat des jeweiligen Regimes verursachten Opfer stelle. Dagegen setzt er eine Apologie des bewaffneten Kampfes: "Die volle Identifikation mit der Notwendigkeit des revolutionären Terrorismus und der revolutionären Kampfes in der Dritten Welt ist unerlässliche Bedingung für den Befreiungskampf der kämpfenden Völker und die Entwicklung der Formen des Widerstands bei uns [...]".

Unter revolutionären Vorzeichen taucht das so brisante Stichwort Terrorismus plötzlich in einer positiven Konnotation auf – als von ihm eingeforderte Notwendigkeit für den Befreiungskampf in der Dritten Welt ebenso wie den Widerstandskampf in den sogenannten Metropolen.

5. Unterscheidung zwischen Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen

Die ebenso häufig zitierte und kaum weniger häufig wegen ihrer Unhaltbarkeit kritisierte Unterscheidung zwischen "Gewalt gegen Sachen" und "Gewalt gegen Personen" ist für Dutschke zweifelsohne maßgeblich gewesen. In einem kurz vor dem Attentat mit ihm geführten Interview erklärt er: "Wir kennen nur einen Terror – das ist der Terror gegen unmenschliche Maschinerien. Die Rotationsmaschinerie von Springer in die Luft zu jagen und dabei keine Menschen zu vernichten, das scheint mir eine emanzipierende Tat."

Hinfällig wird diese Unterscheidung jedoch, wenn es etwa um die Frage geht, ob ein Diktator oder Tyrann aus einem Land der Dritten Welt nicht doch lieber bei passender Gelegenheit – wie etwa einem Staatsbesuch – getötet werden sollte. So kritisiert er beispielsweise die Tatsache, dass ein Gewaltherrscher wie der Schah von Persien seinen Besuch in der Bundesrepublik völlig unbeschadet hätte überstehen können: "Wir kämpfen in den Metropolen, nicht gegen einzelne Charaktermasken dadurch, daß wir sie erschießen; es wäre meiner Meinung nach konterrevolutionär. Das System wird sich sicherlich so etwas mal wünschen, um uns härter, für Jahre, vollständig niederschlagen zu können. Daß allerdings die revolutionären Kräfte der Metropolen die einzigartige Chance der Erschießung des persischen 'Herrschers', als er uns und andere besuchte, nicht ausnutzten, ist ein Zeichen für die Niveau-Losigkeit unseres bisherigen Kampfes. Ein ganzes Volk hätte sich nicht nur gefreut, sondern der revolutionäre Kampf gegen Armee und Führungscliquen hätten sich wesentlich verschärft."

Sosehr er einerseits Attentate und Formen individuellen Terrors verdammt, so sehr insistiert er andererseits darauf, dass der Tyrannenmord in einem solchen Fall zu den von ihm favorisierten Optionen zu zählen ist.


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