30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

20.8.2007 | Von:
Dr. Wolfgang Kraushaar

Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf

Schlussfolgerungen

Dutschke war der ideelle Begründer der Stadtguerilla in Deutschland

Eines ist unbestreitbar: Der Begriff "Stadtguerilla" ist im deutschen Sprachraum erstmals von Dutschke verwendet worden – zu einer Zeit, als er erst ein Jahr lang SDS-Mitglied war. Mit seiner Adaption von Che Guevaras Focustheorie, die er im Anschluss an die illegale Plakataktion "Amis raus aus Vietnam" propagierte, zielte er, wie seine im Nachlass aufgefundenen Notizen belegen, bereits im Februar 1966 auf den Aufbau einer städtischen Guerilla.

Öffentliche Verwendung fand der Begriff anderthalb Jahre später auf jener SDS-Delegiertenkonferenz in Frankfurt, auf der sich der antiautoritäre Flügel erstmals durchzusetzen vermochte. Zusammen mit Hans-Jürgen Krahl hatte Dutschke das so genannte "Organisationsreferat" verfasst, in dem die SDS-Mitglieder im September 1967 dazu aufgerufen wurden, sich künftig als "Sabotage- und Verweigerungsguerilla" zu formieren. Die Vorstellung, eine "rurale Guerilla" in der Dritten Welt durch eine "urbane Guerilla" in den Metropolen zu ergänzen, gründete nachweislich in der Focustheorie Che Guevaras ebenso wie in einigen Grundgedanken aus Carl Schmitts "Theorie des Partisanen".

Dutschke war weder ein Befürworter der RAF noch einer des Terrorismus insgesamt

Trotz aller Beziehungen, die er zu jenen inhaftierten RAF-Mitgliedern pflegte, die er wie etwa Jan-Carl Raspe aus der Zeit vor dem Attentat kannte, war Dutschke ein politischer Gegner der RAF. Er sah in ihr im Grunde eine jener Sekten, die nach dem Niedergang der APO und des SDS so zahlreich entstanden waren und unter leninistischen, stalinistischen und maoistischen Vorzeichen das Land überschwemmten.

Wenige Tage nach der Entführung Hanns- Martin Schleyers schreibt Dutschke in der Zeit: "Wenn verzweifelte oder beauftragte Desperados schreiben: 'Schafft viele revolutionäre Zellen! Schafft viele Buback', so kann ein Sozialist nur sagen: Höher kann die Zerstörung der kritisch-materialistischen Vernunft nicht mehr gehen." In einem Interview wird er noch ungehaltener und erklärt: "Terrorismus ist reiner Mord; er ist gegen die sozialistische Ethik." Und auf einer Tagung der sozialdemokratischen Zeitschrift L 76: "Diese individuellen Terroristen [...] denken nicht an soziale Emanzipation, die denken nicht an eine Befreiung des Volkes. Sie wollen töten."

Aus solchen und ähnlichen Verurteilungen spricht unverkennbar ein hohes Maß an Empörung. Dutschke litt darunter, wie außerordentlich schwierig es in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik geworden war, sich als Linker zu behaupten, ohne gleich mit der RAF in einen Topf geworfen zu werden.

Die Stadtguerilla stammt nicht von der Peripherie, sondern aus dem Zentrum der 68er-Bewegung, genauer ihrer antiautoritären Strömung

Von keinem Geringeren als Ralf Dahrendorf, der sich im Januar 1968 am Rande des damaligen FDP-Parteitags einen vielbeachteten Wortwechsel mit Dutschke geliefert hat, stammt die Feststellung, es käme darauf an, möglichst scharf zwischen der 68er-Bewegung auf der einen und den durch die RAF geprägten Gruppierungen auf der anderen Seite zu unterscheiden.

So wichtig diese Differenzierung auch sein mag, so irreführend ist die Schlussfolgerung, die manche daraus gezogen haben, indem sie meinten, die bewaffneten Gruppierungen stammten eher von der Peripherie her und ihre Entstehung würde im Rückblick insofern nur wenig über das politische Selbstverständnis der antiautoritären Bewegung aussagen. Eher das Gegenteil ist zutreffend.

Allein das Beispiel Dutschkes zeigt, wie nahe er dem Projekt des bewaffneten Kampfes bereits vor 1968 gekommen war. Und er ist mit seinen Affinitäten gegenüber dem russischen Anarchismus, seiner Adaption von Guevaras Focustheorie und Überlegungen zum Aufbau einer städtischen Guerilla keineswegs allein gewesen.

Während Dutschke vor allem Theoretiker der Stadtguerilla war, so ist im Unterschied zu ihm Dieter Kunzelmann der Erste gewesen, der mit einem solchen Konzept auch praktisch Ernst gemacht hat. Er begründete im Herbst 1969 mit den "Tupamaros West-Berlin" die erste Gruppierung, die bereits ein halbes Jahr vor Entstehung der RAF in den Untergrund gegangen ist. Dutschke und Kunzelmann stammten beide bekanntlich aus ein und derselben Gruppierung, der kaum mehr als zwei Dutzend Mitglieder zählenden "Subversiven Aktion".

Wer also die Wurzeln des bewaffneten Kampfes weiter zurückverfolgen will, der kommt nicht umhin, einer Spur nachzugehen, die in jene avantgardistische Gruppierung führt, die aus dem Traditionsstrom der europäischen Postavantgarde, genauer dem Situationismus, hervorgegangen ist. Bei allen Anstrengungen, die bislang unternommen worden sind, um die Entstehung der RAF zu ergründen, ist jedenfalls die Tatsache, dass Theorie und Praxis der Stadtguerilla in Deutschland zunächst einmal auf Dutschke und Kunzelmann und damit auf zwei Protagonisten der Subversiven Aktion und die vielleicht wichtigsten Akteure der 68er-Bewegung, soweit sie sich jedenfalls als Antiautoritäre begriffen, zurückzuführen sind, bisher sträflich vernachlässigt worden.

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Aufsatzes "Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf" von Wolfgang Kraushaar. Erschienen in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburger Edition HIS Verlag, Hamburg 2007.


Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

Mehr lesen

Online-Angebot

Kinofenster.de: We Want Sex

Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de