Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

19.3.2008 | Von:
Martin Klimke

1968 als transnationales Ereignis

Trotz nationaler Unterschiede verband die 68er-Aktivisten weltweit eine transnationale Protestkultur. Als Wegbereiter soziokultureller Veränderungen in den verschiedenen Ländern spielte diese eine entscheidende Rolle.

Einleitung



Das magische Jahr "1968" gilt gemeinhin als globales Ereignis, als "Mythos, Chiffre und Zäsur" auch auf internationaler Ebene.[1] In zahlreichen Ländern assoziiert man heute mit den historischen Ereignissen der 1960er Jahre jugendlichen Protest, generationelle Revolte, gegenkulturelle Ausgelassenheit, sexuelle Befreiung sowie zum Teil harsche Reaktionen seitens offizieller Stellen. So erinnert sich der damalige Aktivist und heutige EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit: "Paris, Berlin, Frankfurt, New York, Berkeley, Rom, Prag, Rio, Mexico City, Warschau - das waren die Stätten einer Revolte, die um den gesamten Erdball ging, und Herzen und Träume einer ganzen Generation eroberte. Das Jahr 1968 war, im wahrsten Sinne des Wortes, internationalistisch."[2]

Mai 1968 in Saarbrücken: Karl Dietrich Wolff (Sozialistischer Deutscher Studentenbund - SDS ), Daniel Cohn-Bendit and Gaston Savatore (von links nach rechts). Foto: APMai 1968 in Saarbrücken: Karl Dietrich Wolff (Sozialistischer Deutscher Studentenbund - SDS ), Daniel Cohn-Bendit and Gaston Savatore (von links nach rechts). (© AP)
Dabei variiert die kollektive Erinnerung an dieses Jahrzehnt auf nationaler Ebene erheblich. Was heute im deutschsprachigen Raum unter der Chiffre "1968" zusammengefasst wird, vereinigt in internationaler Perspektive die unterschiedlichsten politischen und sozialen Transformations-
prozesse von den 1950er bis 1970er Jahren. Denn die internen Umwälzungen erschütterten nicht nur die westliche, kapitalistische Welt, sondern auch die Warschauer-Pakt-Staaten sowie die Dritte Welt in Lateinamerika, Afrika und Asien.[3] Als Erinnerungskonstrukt wird "1968" daher heute unter dem oftmals beschworenen "Zeitgeist" jener Dekade als globales Ereignis zelebriert, das in der Lage gewesen sei, die ideologischen Fronten des Kalten Krieges zu transzendieren. Die Forschung hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt der Frage angenommen, wie sich die weltumspannenden Protestbewegungen dieses Jahrzehnts beschreiben und erklären lassen. "1968" gilt entweder als "Revolution im Weltsystem", als erste globale revolutionäre Bewegung oder als Konglomerat nationaler Bewegungen mit lokalen Spezifika, die durch gemeinsame Merkmale verbunden sind.[4] Fest steht bei all diesen Interpretationen, dass die transnationale Dimension der Rebellion der 1960er Jahre eines ihrer entscheidenden Antriebsmomente war.[5]


Historische Rahmenbedingungen



Nach Eric Hobsbawm war "1968" bereits das erste Anzeichen dafür, dass das "goldene Zeitalter" von anhaltendem wirtschaftlichen Boom, Modernisierung und innerer Stabilität zu seinem Ende kam.[6] Die allseits bemühte Chiffre "1968" kann daher als ein Höhepunkt verschiedener Entwicklungen gesehen werden, die durch die sozialen und wirtschaftlichen Transformationen in der Folge des Zweiten Weltkriegs in Gang gesetzt worden waren. Diese historischen Rahmenbedingungen der Revolte liegen zum einen in der Prosperität der Nachkriegszeit und der Entwicklung einer weiten sozialen Schichten zugänglichen Konsumgesellschaft in den 1950er Jahren begründet.[7]
Überfüllte Hörsäle und verkrustete Strukturen führten schon vor 1968 zu Protesten der Studenten. Foto: AP (Studenten-Demonstration in Frankfurt/Main 1965)Überfüllte Hörsäle und verkrustete Strukturen führten schon vor 1968 zu Protesten der Studenten. (Studenten-Demonstration in Frankfurt/Main 1965) (© AP )
Damit einher gingen die Entdeckung und der steigende Einfluss der Jugend als ökonomische Kraft und Zielgruppe. Der Anstieg der Geburtenrate, der so genannte "baby boom" in Großbritannien und den USA, erreichte 1947 seinen Höhepunkt. Die daraus erwachsende Generation war 1960 bereits 13 Jahre alt und im Besitz einer erheblichen Kaufkraft, die bereits frühzeitig von der Mode- und Musikindustrie entdeckt wurde. Zudem mussten sich auch die Tore der Universitäten in den 1960er Jahren immer mehr Studenten öffnen, was die Hochschulen oftmals strukturell überforderte. Überfüllte Hörsäle, der Versuch der Automatisierung universitärer Abläufe, die Annäherung wissenschaftlicher Ausbildung an die Wirtschaft im Konzept einer "multiversity", wie sie z.B. der Präsident der Universität von Kalifornien forderte; all dies führte bereits am Beginn des Jahrzehnts zu einer verstärkten Debatte um Hochschulreform und studentische Mitbestimmung.[8]

Flankiert wurden diese Prozesse durch einen allgemeinen Anstieg internationaler Austauschprogramme und verstärkte kulturdiplomatische Anstrengungen beider Supermächte im Kampf um die internationale öffentliche Meinung im Kalten Krieg, oftmals mit besonderem Augenmerk auf jugendliche Zielgruppen. Die rasante Entwicklung der Kommunikationstechnologie, insbesondere des Fernsehens und internationaler Satellitenkommunikation, internationalisierte diese Diskurse auch auf medialer Ebene. Der durch den Siegeszug des Fernsehens ausgelöste Strukturwandel in der öffentlichen Kommunikation und der Bedeutungsgewinn visueller Repräsentationen ist daher eine weitere, entscheidende Rahmenbedingung für die synchrone Erfahrung der globalen, oft äußerst medial wirksamen Protestinszenierungen um 1968.[9] Veränderte wirtschaftliche, demographische und technologische Rahmenbedingungen sowie eine sich internationalisierende Medienlandschaft bewirkten daher bereits Anfang des Jahrzehnts eine Verkürzung transnationaler Kommunikationswege, in deren Fahrwasser für die spätere Revolte um "1968" bedeutsame Subkulturen und Protestbewegungen entstanden.

Fußnoten

1.
Vgl. Wolfgang Kraushaar, 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000.
2.
Daniel Cohn-Bendit, Wir haben sie so geliebt, die Revolution, Frankfurt/M. 1987, S. 15.
3.
Vgl. Etienne Francois (Hrsg.), 1968: Ein europäisches Jahr?, Leipzig 1997; Carole Fink u.a. (Hrsg.), 1968: A World Transformed, New York 1998; Ingrid Gilcher-Holtey, Die 68er-Bewegung: Deutschland, Westeuropa, USA, München 2001; Axel Schildt/Detlef Siegfried (Hrsg.), Between Marx and Coca-Cola: Youth Cultures in Changing European Societies, 1960-1980, New York 2006; Gerd-Rainer Horn, The Spirit of '68: Rebellion in Western Europe and North America, 1956-1976, Oxford 2007; Martin Klimke, The "Other" Alliance: Global Protest and Student Unrest in West Germany and the U.S., 1962-1972, Princeton, N.J. (i.E.).
4.
Vgl. Immanuel Wallerstein, 1968: Revolution im Weltsystem, in: E. François, ebd., S. 19 - 33; Hans Günter Hockerts, '1968' als weltweite Bewegung, in: Venanz Schubert (Hrsg.), 1968: 30 Jahre danach, St. Ottilien 1999, S. 13 - 34; Beate Fietze, 'A spirit of unrest'. Die Achtundsechziger-Generation als globales Schwellenphänomen, in: Rainer Rosenberg (Hrsg.), Der Geist der Unruhe: 1968 im Vergleich. Wissenschaft-Literatur-Medien, Berlin 2000, S. 2 - 25.
5.
Vgl. Joscha Schmierer, Der Zauber des großen Augenblicks. 1968 und der internationale Traum, in: Lothar Baier (Hrsg.), Die Früchte der Revolte. Über die Veränderung der politischen Kultur durch die Studentenbewegung, Berlin 1988, S. 107 - 126.
6.
Eric Hobsbawm, The Year the Prophets Failed, in: Eugene Atget/Laure Beaumont-Maillet (eds.), 1968 The Magnum Photographs: A Year in the World, Paris 1998, S. 8 - 10.
7.
Vgl. Stephan Malinowski/Alexander Sedlmaier, "1968" als Katalysator der Konsumgesellschaft: Performative Regelverstöße, kommerzielle Adaptionen und ihre gegenseitige Durchdringung, in: Geschichte und Gesellschaft, 32 (2006), S. 239 - 267; Detlef Siegfried, Time is on my side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006.
8.
Vgl. Clark Kerr, The Uses of the University, Cambridge, Mass. 1963; Sozialistischer Deutscher Studentenbund, Hochschule in der Demokratie, Frankfurt/M. 1961.
9.
Vgl. Kathrin Fahlenbrach, Protest-Inszenierungen. Visuelle Kommunikation und kollektive Identitäten in Protestbewegungen, Wiesbaden 2002.

Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

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