Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

25.3.2008 | Von:
Meike Dülffer

1968 - Eine europäische Bewegung?

Der Mai 68 in Paris



Viel geschrieben und gestritten über die Ereignisse von 1968 wird hingegen in Frankreich und Deutschland. "Die Erinnerung an den 40. Jahrestag des Mai 68 wird gnadenlos und alles erdrückend zum Medienereignis des Jahres in Frankreich, das bereits mit einer Lawine von Tagungen, Büchern und Lexika begonnen hat", schrieb der französische Philosoph Pascal Bruckner im belgischen Le Soir am 14. März 2008. Und das, obwohl Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy im Wahlkampf vergangenes Jahr einen Bruch mit den Achtundsechzigern zum Programm gemacht hatte.

Die 68er-Proteste in Frankreich konzentrieren sich auf den Mai, auf Studentendemonstrationen folgten die legendären Barrikadenkämpfe im Pariser Quartier Latin.
In Paris bauen die Studenten Barrikaden auf und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Anders als in Deutschland solidarisieren sich auch die Arbeiter mit dem Protest der Studenten und rufen zu einem Generalstreik auf. Foto: APIn Paris bauen die Studenten Barrikaden auf und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Anders als in Deutschland solidarisieren sich auch die Arbeiter mit dem Protest der Studenten und rufen zu einem Generalstreik auf. (© AP)
John Lichfield beschrieb im Independent vom 23. Februar 2008 das Besondere der französischen Ereignisse: "In keinem anderen Land hat eine Studentenrebellion beinahe die Regierung zu Fall gebracht. In keinem anderen Land hat eine Studentenrebellion zu einem Arbeiteraufstand geführt, der von unten kam und die paternalistische Gewerkschaftsführung ebenso überwältigte wie die paternalistische, konservative Regierung."

Die Folgen des Mai 68 werden in Frankreich ganz unterschiedlich beurteilt. Während manche Franzosen die Aktivisten von damals verantwortlich machen für gesellschaftlichen und moralischen Verfall, sehen andere in den Protagonisten des Mai 68 den Ursprung aller Bewegungen und ziehen eine Linie von damals zu den späteren Aufstände in der Banlieue oder aktuellen Schüler- und Studentenprotesten.

Der französische Philosoph André Glucksmann widersprach in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung am 17. Februar 2008 dieser Zuschreibung: "Nichts ist unsinniger als zu behaupten: Die 68er Generation hat etwas Relevantes getan. 'Die Generation '68 existierte genau drei Wochen, sie hat sich dann zerstreut. Es war eine kurze Erhellung über das 20. Jahrhundert. Mehr nicht... Der Mai ´68 ist weder der Grund unseres heutigen Glücks noch unseres Unglücks."

Deutschlands Achtundsechziger und die Nationalsozialisten



Auch in Deutschland sind zum 40. Jahrestag ein halbes Dutzend Bücher über das Jahr 1968 erschienen, Ausstellungen und Dokumentationen werden überall gezeigt. Für großes Aufsehen sorgte der Historiker - und damalige Aktivist - Götz Aly mit seinem Buch "Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück". Aly vertritt die These, die Achtundsechziger seien ihren Nazi-Eltern ähnlicher gewesen, als ihnen lieb sei. Sie seien dem Massenmörder Mao hinterher gelaufen, hätten vereinfachend "USA-SA-SS" gebrüllt und sich nicht für die großen Prozesse gegen die Nazis interessiert.

Dagegen betonte der Historiker Norbert Frei, gerade das kritische Verhältnis zur Schuld der Nationalsozialisten sei das besondere Kennzeichen der deutschen Achtundsechziger gewesen: "In der vergangenheitspolitischen Landschaft der Bundesrepublik hingegen stand, ausgesprochen oder nicht, der Mord an den europäischen Juden wie ein Gebirge der Schuld. Dessen Unermesslichkeit empfanden vor allem die Jungen", schrieb er am 11. März 2008 in der Neuen Zürcher Zeitung.

"Überkommentiert und untererforscht" sei das deutsche '68, meint Frei, der selbst in diesem Frühjahr das Buch "1968, Jugendrevolte und globaler Protest" vorgelegt hat. Als einer der wenigen stellt er die deutschen Ereignisse in einen internationalen Kontext und beschreibt das Jahr 1968 in den USA, West- und Osteuropa.


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