Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

25.3.2008 | Von:
Meike Dülffer

1968 - Eine europäische Bewegung?

Reform versus Unterdrückung



Vereinzelt wurden die unterschiedlichen nationalen Ereignisse des Jahres 1968 doch in einen Zusammenhang gebracht - meist unter Betonung der Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa.

In Paris herrschten 1968 fast bürgerkriegsähnliche Zustände. Entsprechend heftig wird in Frankreich noch heute über '68 gestritten. Foto: APIn Paris herrschten 1968 fast bürgerkriegsähnliche Zustände. Entsprechend heftig wird in Frankreich noch heute über '68 gestritten. (© AP)
Georges Mink beschrieb diese Unterschiede in der französischen Zeitung Le Monde am 4. Januar 2008: "Auf der einen Seite ging es darum, aus dem System sowjetischen Typs auszubrechen, das viele Charakteristika des Totalitarismus aufwies. Auf der anderen Seite verlangte die Masse 'einfach' die Entblockierung des existierenden demokratischen Systems, das in der Routine eingekapselt und ohne Vorstellungskraft war - und konnte sich auch durchsetzen(!). So lässt sich auch der Unterschied in der Reaktion der beiden Regime ermessen: die Demokratie reformiert sich selbst, während das autoritäre System sowjetischen Typs mit dem Ersticken aller Veränderungswünsche antwortet."

Besonders deutlich wurden die Unterschiede in der Protesthaltung im damals geteilten Deutschland. In Ostberlin orientierte man sich weniger an Westberlin, sondern an den Ereignissen in Prag, wie sich der Schriftsteller Rolf Schneider in der Welt vom 12. Februar 2008 erinnerte. "Vor diesem Hintergrund erschienen uns die über das Fernsehen verfolgbaren Aufmärsche in Westdeutschland, wo man mit roten Tüchern und dem Ruf nach Rätedemokratie auf den Straßen umherlief, irrelevant, kindisch und unendlich weit weg."

Ähnlich erinnerte sich Angela Merkel und resümierte: "Die einen wollten den Sozialismus aufbrechen und menschlicher machen, hatten aber keine Abneigung gegen die soziale Marktwirtschaft. Und die anderen kamen aus der Marktwirtschaft und haben den Sozialismus verherrlicht. Eigentlich waren diese Bewegungen gegenläufig und trotzdem waren sie in manchem gleich."

Erweiterung der Freiheit



Worin sich die Bewegungen glichen, versuchte Ernst Hanisch in der österreichischen Presse vom 7. März 2008 durch eine "exaktere Begriffsbestimmung" zu beschreiben. "Die 68er-Bewegung war eine Jugendbewegung (führend die Studenten), die eine neue Welt, eine neue Gesellschaft schaffen wollte." Jenseits der ideologischen Auseinandersetzungen in Ost- und Westeuropa war für diese Bewegungen seiner Auffassung nach charakteristisch: "Die spielerischen Regelverletzungen innerhalb einer noch stark von der Untertanenmentalität bestimmten politischen Kultur erweiterten den Raum der Freiheit. Die Zivilgesellschaft wurde stärker. Ein neues Lebensgefühl breitete sich aus."

Dieses neue Lebensgefühl fand seinen Ausdruck in Musik und Kunst, in der Befreiung der Sexualität und in unkonventioneller Kleidung. 1968 war in erster Linie eine kulturelle und sexuelle Revolution, und erst in zweiter Linie eine politische, meinte Lichfield. "In Frankreich waren sechs Wochen Chaos nötig, um graue Hosen gegen lilane zu tauschen, um von der sozialen und sexuellen Unterdrückung der 1950er Jahre zur sozialen und sexuellen Freiheit der 1970er (und folgende) überzugehen."

Für Cohn-Bendit haben diese Gemeinsamkeiten wohl weit darüber hinaus geführt. In einem Interview mit Café Babel vom 23. Januar 2008 sagte er: "1968 war immerhin eine europäische Bewegung. Sie hat andere Beweggründe gehabt, aber es gab sie vielerorts in Europa. Und dieses antiautoritäre Rebellieren hat in ganz Europa eine neue Gesellschaftsform bewirkt. Heute ist man auf dem Weg zu einer gemeinsamen Identität."



Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

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