Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

19.3.2008 | Von:
Gerd-Rainer Horn

Die Arbeiter und "1968" in West- und Südeuropa

In West- und Südeuropa kam es im Rahmen der 68er-Ereignisse zu Arbeiterkämpfen und zu wichtigen sozio-psychologischen Veränderungen. Diese halfen der Arbeiterschaft, ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen.

Einleitung



In Frankreich war die Solidarität zwischen Studenten und Arbeitern besonders ausgeprägt: Im Mai 1968 unterstützen Pariser Studenten die streikenden Arbeiter bei Renault. Foto: APIn Frankreich war die Solidarität zwischen Studenten und Arbeitern besonders ausgeprägt: Im Mai 1968 unterstützen Pariser Studenten die streikenden Arbeiter bei Renault. (© AP)

Das Jahr 1968 gehörte den Studenten. Von Belgrad bis Berkeley standen sie in den allerersten Reihen von Aktivisten, die das Jahr 1968 zum "moment of madness" machten.[1] Demonstrationen, besetzte Gebäude, permanent tagende Vollversammlungen, fieberhaft agierende Komitees und ähnliche Ausdrucksformen studentischer Gegenmacht kennzeichneten das wankende Machtgefüge universitärer Hierarchien jener Zeit. Doch nicht nur Universitäten wurden quasi über Nacht zu Zentren politisch-sozialen Aufbegehrens. Auch die Gymnasien entwickelten sich zu Kristallisationspunkten bislang unbekannter Formen politisch-sozialer und kultureller Auseinandersetzungen. Die geringe Aufmerksamkeit, die dem nur bruchstückhaft überlieferten Schülerprotest bislang zuteil wurde, verwundert angesichts der möglichen Bedeutung des Schülerprotestes für die Nachhaltigkeit der universitären Revolte, aber auch angesichts des für die 68er-Forschung ansonsten so zentralen Stellenwerts von Protestaktionen und -formen im Bildungsbereich.


Weitere "weiße Flecken" der sich auf 1968 beziehenden Geschichtsschreibung ließen sich anführen. Dieser Aufsatz widmet sich einem der wichtigsten Forschungsdesiderata: die Beteiligung der Arbeiterschaft an den Protestereignissen in und um 1968. Insbesondere in der bundesdeutschen Literatur wird die zeitgenössische Protestwelle kaum mit Arbeitern und den Arbeiterbewegungen in Verbindung gebracht. In Gestalt einer in das System integrierten sozialen Klasse dienen sie oftmals nur der schärferen Konturierung des vermeintlich systemsprengenden Charakters der studentischen Massenbewegungen. Selbst der dreiwöchige französische Generalstreik von Mitte Mai bis Anfang Juni 1968 vermochte wenig an dieser Sichtweise zu ändern. Denn war es nicht so, dass diese zweifelsohne bemerkenswerte soziale Bewegung erst durch die studentischen Aktionen ausgelöst und dann sehr bald durch materielle Zugeständnisse von Regierungs- wie von Unternehmerseite gestoppt werden konnte? Wurde hier nicht die einzigartige Chance einer sozialen Revolution in einem der fortgeschrittensten Länder der Welt gleichsam für ein Linsengericht verkauft? Demonstrierten Arbeiter und Arbeiterbewegungen nicht einmal mehr, dass sie ihre historische Rolle als Speerspitze des Antikapitalismus eingebüßt hatten?

Ein Überblick



Wie verhielten sich europäische Arbeiter in und um 1968?[2]Einen ersten Zugang bietet die Streikstatistik. Für das Ende der 1960er Jahre belegt sie eine überraschend gleichförmige, generelle Zunahme der Streikaktivitäten in elf westeuropäischen Ländern.[3] Zugleich wird deutlich, dass der Höhepunkt der neu erlangten Streikfreudigkeit nur in Ausnahmefällen in das Jahr 1968 fiel. Vielmehr sind es die frühen 1970er Jahre, die den Höhepunkt des proletarischen Engagements markieren. Dies unterstreicht einmal mehr den Gebrauch von "1968" für einen mehrjährigen Zeitraum, in dem "der Geist von 1968", also ein dezidierter Hang zur überdurchschnittlichen Protestfreudigkeit, kennzeichnend war. In der frankophonen und italienischsprachigen Literatur existieren mit "les années 68" bzw. "il sessantotto" allgemein akzeptierte Begriffe, die diesen Sinn transportieren. Auch im vorliegenden Aufsatz ist mit 1968 mehr als ein bestimmtes Jahr gemeint und bezieht sich auf Ereignisse, die um dieses Jahr herum an vielen verschiedenen Orten in vielen Ländern stattgefunden haben.

Tabelle 1Tabelle 1
Die erwähnte, mit der wachsenden Zahl von Streiks belegte Militanz europäischer Arbeiter in den frühen 1970er Jahren wird statistisch auch in anderer Weise fassbar. [4] Stellt man die durchschnittliche Zahl von Streiktagen pro Jahr in der Dekade bis 1968 der jährlichen Durchschnittsanzahl von Streiktagen in der darauffolgenden Phase sozialer Auseinandersetzungen bis einschließlich 1973 gegenüber, zeigt sich für fünf untersuchte europäische Länder eine Verdoppelung bis Verdreifachung der durch Streiks verlorengegangenen Arbeitstage in der Post-68er-Phase betrieblicher Auseinandersetzungen. Eine Ausnahme stellt Frankreich dar, wo das Kalenderjahr 1968 bereits zur "heißen Phase" gehörte und sich die Streikintensität im Vergleich zur Vor-68er-"Vorbereitungsphase" um mehr als das Zehnfache erhöhte.

Die intensive Streiktätigkeit fand ihren Niederschlag in einer Reihe wesentlicher materieller Verbesserungen.
Tabelle 2Tabelle 2
In der ersten Hälfte der 1970er Jahre profitierten die europäischen Arbeiter sowohl von einer deutlichen Verminderung der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit[5] als auch von deutlichen Reallohnanstiegen. Die in Tabelle 2 dargestellten Untersuchungsergebnisse eines britischen Autorenteams unterstreichen eindrucksvoll den Unterschied zwischen Vor- und Hauptphase der proletarischen Auseinandersetzungen.

Die zeitlich differenzierteren Zahlen des bereits zitierten französischen Sozialwissenschaftlers Pierre Dubois weichen teils erheblich von den Daten der britischen Wirtschaftswissenschaftler ab, doch ist der Trend gleichermaßen unverkennbar. Ausnahmslos war in den frühen 1970er Jahren der durchschnittliche Reallohnanstieg höher als in der Vorphase.

Tabelle 2 und 3 offenbaren einige nationale Besonderheiten. Insbesondere die Zahlen bei Pierre Dubois deuten auf einen außergewöhnlich hohen Reallohnanstieg und auf eine intensive Streiktätigkeit in Italien hin, worauf noch näher einzugehen sein wird.
Tabelle 3Tabelle 3
Hingegen fallen die Resultate für Großbritannien in beiden Tabellen unterdurchschnittlich aus. Offenbar verstand es die britische Arbeiterschaft nicht, ihre vergleichsweise hohe Militanz und Kampffreudigkeit in konkrete Resultate umzusetzen. Nahezu das Gegenteil kann man aus den bundesdeutschen Daten herauslesen. Denn insbesondere die Daten des britischen Autorenteams deuten auf einen durchaus substantiellen Reallohnanstieg bundesdeutscher Arbeiter hin, und dies bei unterdurchschnittlicher Streikbereitschaft und geringer Militanz (vgl. auch Tabelle 1). Streikfreudigkeit und Kampfbereitschaft haben keine hinreichende Erklärungskraft..

Fußnoten

1.
Vgl. Aristide Zolberg, Moments of Madness, in: Politics and Society, 2 (Winter 1972) 2, S. 183 - 207.
2.
Dieser Beitrag basiert auf Studien, die ich im Rahmen von früheren Veröffentlichungen durchgeführt habe; vgl. Bernd Gehrke/Gerd-Rainer Horn (Hrsg.), 1968 und die Arbeiter. Studien zum "proletarischen" Mai in Europa, Hamburg 2007. Dieser Artikel konzentriert sich ausschliesslich auf Vorgänge in West- und Südeuropa, da ost- und mittelosteuropäische Gesellschaften in diesen Jahren aus naheliegenden Gründen Eigendynamiken entwickelten, die nur mittelbar mit dem "proletarischen Mai" westlich des "Eisernen Vorhangs" vergleichbar sind.
3.
Vgl. Donald Sassoon, One Hundred Years of Socialism, New York 1996, S. 358 - 361.
4.
Pierre Dubois, New Forms of Industrial Conflict, in: Colin Crouch/Alessandro Pizzorno (eds.), The Resurgence of Class Conflict in Western Europe Since 1968, Bd. 2: Comparative Analyses, London 1978, S. 2.
5.
Vgl. Pietro Basso, Modern Times, Ancient Hours: Working Lives in the Twenty-first Century, London 2003.

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