Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

9.5.2008 | Von:
Irena Brezná

Verratene Ideale

Als 18-Jährige erlebt Irena Brezná den Prager Frühling. Sie merkt, wie dem alten Regime die Luft ausgeht. Ihre Lehrer strafen sie nicht mehr für Kritik an Präsident Novotny ab. In diesen Monaten wurde Irena Brezná "als Bürgerin geboren".

"Dem rigiden System ging allmählich die Luft aus". Antonín Novotny, Präsident der CSSR (1957-1968)."Dem rigiden System ging allmählich die Luft aus". Antonín Novotny, Präsident der CSSR (1957-1968). (© AP)
Der tschechoslowakische Frühling des Jahres 1968 bedeutete für die 18-Jährige, die in einem Gymnasium in Bratislava Tag für Tag langweilige Stunden unter dem Porträt Antonín NovotnÝs zuzubringen hatte, eine wilde Freude: In der Pause wurde das strenge Dutzendgesicht mit den schmalen Lippen und einer ordentlich gebundenen Krawatte von den Mitschülern heruntergerissen. Im Gekreische und im Gestampfe auf dem Bild unseres Präsidenten auf dem Fußboden des Klassenzimmers wurde ich als Bürgerin geboren. Vorher hatte ich stumpf den Pflichtwortmüll geschluckt: Wir leben in der besten aller Welten und sind auf dem direkten Weg zu einer noch vollkommeneren Gesellschaft. Und die Sowjetunion ist unser Vorbild und allerbester Freund.

Nach der Befreiung der proletarischen Massen durfte es nie mehr einen Aufstand geben, eigene revolutionäre Initiative, in welcher Richtung auch immer, hieß Sabotage. Täglich überschritt ich wie eine Doppelagentin die scharfe Grenze zwischen der Außenwelt und dem Zuhause, wo mir die Mutter ihre Grundsätze des Überlebens beizubringen versuchte: Denke, was du willst, aber sag es nie. Nichts, was hier gesprochen wird, darfst du in der Schule weitererzählen. Das mütterliche Verbot hat - entgegen ihrer Absicht - aus mir eine Schreibende gemacht. Jeder meiner Texte ist immer noch ein Aufbäumen gegen das Gebot des Schweigens und des Nichthandelns.


Der kläglich am Boden zerstörte Präsident hat mir die Entdeckung geschenkt, dass Politik auch 18-Jährigen unbändige Freude bereiten kann. Die Zeit war reif. Noch im Winter hätte man für solch eine Tat mit dem Schulausschluss rechnen müssen, ein paar Jahre davor mit der Einweisung in die Psychiatrie oder in eine Besserungsanstalt. Der politische Frühling, den diese Episode charakterisiert, kam nicht von der Basis her, sondern oben im kommunistischen Apparat wurden Reformen durchgesetzt, die dann die Menschen auf ihre Weise umzusetzen versuchten. Im Frühlingswind, der über die Donauebene wehte, ordnete der herbeigeeilte Schulrektor an, die Splitter zusammenzufegen, und murmelte: Das ist strafbar, der Genosse NovotnÝ ist immer noch Präsident. Aber seine Stimme war dünn und bestätigte, was wir schon wussten: Dem rigiden System ging allmählich die Luft aus. Auf dem Heimweg schmierten wir auf die Mauern vulgär-naive Sprüche wie "Der Präsident ist ein Schwein" und lachten entfesselt. Das Glück war vollkommen, der Anfang der Polis war da, wir benannten Unrecht und Blödheit so, wie wir sie fühlten - emotional und ungeübt in der politischen Wortwahl.

NovotnÝs verbrecherische Biederkeit, mit der die Gesichter der Funktionäre vom Zentralkomitee der KP allgemein geschlagen waren, als kämen sie vom Fließband, stand für repressive Lüge und abtötende Langeweile, die meiner Generation aufgezwungen wurde. NovotnÝs Gesicht herunterzureißen hieß: die Autorität der Väter zu stürzen, die uns die Beatles, das Tragen von langen Haaren und Miniröcken und damit den Anschluss an die Welt am liebsten verbieten wollten. Was wäre geschehen, wenn der in jedem Klassenzimmer und in jedem Büro hängende Präsident attraktiv und jung wie Che Guevara auf dem berühmten Plakat gewesen wäre, das ich später in den WGs der westlichen Linken hängen sah? Die Schönheit eines bärtigen Revolutionärs mit schickem Barett passte zur westlichen Illusion vom Sozialismus, nicht in unsere hässliche Wirklichkeit. Unsere glattrasierten Weltverbesserer redeten monoton, ihre Reden auf KP-Kongressen über eine bessere Zukunft, die sie für uns vorbereiteten, wurden im Parteiorgan "Pravda" (Wahrheit) und im Gewerkschaftsorgan "Práca" (Arbeit) in voller Länge abgedruckt. Wie hätte ich da Journalistin werden wollen? Auf den Geschmack dieses Berufes kam ich in jenen Monaten, die so kurz wie ein Traum waren und mich doch nachhaltig verwandelten.

NovotnÝs Inventargesicht wurde durch das weiche, zwar nicht außergewöhnliche, doch menschlich anmutende Gesicht von Alexander Dubcek ersetzt, der Parteichef geworden war. Mit diesem Gesicht, das nicht in Klassenzimmern aufgehängt wurde, sondern lebendig blieb, kam eine neue Definition der anzustrebenden Gesellschaftsordnung auf - der Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Es war nicht zu überhören, was die neue Ausrichtung implizierte: Der vorherige war ein Sozialismus mit Monstergesicht. Versprechungen einer neuen Utopie gegenüber waren wir misstrauisch oder zumindest vorsichtig geworden, sie waren allzu schrecklich strapaziert worden und könnten wieder eine Täuschung sein. Revolutionär dafür war, dem Monster nun ins Gesicht schauen zu dürfen. Während bei westlichen Linken der Prager Frühling zukunftsorientiert als "dritter Weg" wahrgenommen wurde, als Verheißung einer gerechten Gesellschaft, war das Tauwetter für mich rückwärts- und gegenwartsgerichtet, als Entlarvung der kommunistischen Verbrechen, und darin lag seine Menschlichkeit.

"Pravda" und "Práca" wurden zu Zeitungen. Ich fing an, sie zu lesen, und erfuhr von politischen Prozessen und Arbeitslagern aus den 1950er Jahren sowie von absurden und vertuschten Missgriffen der Planwirtschaft. Es war noch längst nicht Pressefreiheit, aber die Lockerung der Zensur machte diese Blätter zu einer aufregenden Lektüre. Der Frühling 1968 war licht, aber nicht, weil er eine lichte Zukunft entwarf, sondern, weil er die Dunkelheit als dunkel benannte. Das Demütigende, das Unerträgliche der Nachkriegsepoche in der sozialistisch gewordenen Tschechoslowakei bestand in der Lüge - die Verbrechen wurden als Wohltaten für die Menschheit angepriesen, die Geschichte und die Gegenwart waren verfälscht, und das, was uns die Eltern aus ihrer Erfahrung erzählten, falls sie es überhaupt wagten, war ganz anders als die Schullektüre. 1961, als ich elf Jahre alt war, kehrte meine Mutter aus dem Gefängnis zurück. Doch sie sagte nicht, wo sie gewesen war. Und ich hatte verinnerlicht, was sich gehörte, und fragte nicht.

Der Begriff der politischen Freiheit leitet sich für mich vom tschechoslowakischen Tauwetter ab und bleibt mit der Forderung nach Aufklärung der Staatsverbrechen verknüpft. Diese Freiheit heißt, den Blick in den Kerker zu werfen. Erst im Frühling 1968 begann meine Mutter zu erzählen, wie die Gefangenen ihre Gefängniskleidung gebügelt hatten - sie hatten sie die Nacht über unter die Matratze gelegt. Und sie lachte befreit, schließlich hatte sie die Nachricht von ihrer Rehabilitierung erhalten. Das Private ist mit dem Politischen aufs Engste verwoben, das war die Lektion des Lebens in der CSSR. Dass wir, die einfachen Bürger und Bürgerinnen, das Recht haben, das Knäuel zu entwirren, erfuhr ich erst in diesem wundersamen Frühling. Das Vermächtnis des tschechoslowakischen Frühlings bleibt: Wenn ich das Vergangene und das Jetzige klar beim Namen nenne, wird die Zukunft ein aufrichtiges Antlitz haben. Doch bis zur endgültigen Befreiung dauerte es noch erzwungene 21 Jahre des Rückfalls in die Diktatur, euphemistisch normalizácia genannt. Denn nach dem Frühling kam der Sommer.


Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

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Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

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