Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

19.3.2008 | Von:
Oskar Negt

Demokratie als Lebensform

Mein Achtundsechzig

Für Wirbel sorgte jüngst die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eve Herman mit ihrem Vorwurf, die 68er hätten die bürgerliche Familie zerstört. Foto: APFür Wirbel sorgte jüngst die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman mit ihrem Vorwurf, die 68er hätten die bürgerliche Familie zerstört. (© AP)
Nachdem Eva Herman selbst die Zerstörung der bürgerlichen Familie den Achtundsechzigern anhängen wollte und nicht für diesen Unsinn kritisiert wurde, sondern deshalb, weil sie das mit einem Lob für die Nazi-Familienpolitik und mit dem Autobahnbau verknüpfte, hat sich der Kampf auf dem Schlachtfeld Achtundsechzig deutlich verschärft. Mit wachsender Dreistigkeit und im einvernehmlichen Interesse gegenwärtiger Ordnungspolitiker begeben sich auch Historiker an die Front.

Wird im Zusammenhang von Erziehung gleichsam der anarchistisch angehauchte Gedanke der Demokratisierung, also eine Form der Libertinage, zum Ursprung gegenwärtigen Werteverfalls dingfest gemacht, so werden auf der anderen Seite jetzt Herkunftsmilieus aus dem "Dritten Reich" bemüht, der autoritäre, ja totalitäre Zug im Denken und Handeln der Achtundsechziger. Für einen Historiker, dem manches Preisgeld zugeflossen ist, weil man ihn für solide hielt, ist es schon ein bemerkenswertes Selbstverständnis seiner professionellen Kompetenz, wenn er in voller Breite Zitatmontagen nebeneinander reiht (zumal aus Sekundärquellen), um die geistige Herkunft der Achtundsechziger aus dem "Dritten Reich" zu begründen. Jeder Historiker, der etwas auf sich hält, wird mit Analogien äußerst vorsichtig umgehen. So nicht Götz Aly in einem Artikel der Frankfurter Rundschau vom 30. Januar 2008 mit der abenteuerlichen, aber den gegenwärtigen Ordnungsdenkern und Strafrechtspolitikern gut ins Konzept passenden Überschrift: "Die Väter der 68er", darunter kleingedruckt "Vor 75 Jahren kam Hitlers Generationsprojekt an die Macht: die 33er". Die Assoziationen sind kaum verhüllt, freilich kann man sich über die Dürftigkeit dieser Zitatforschung nur wundern. Aber es scheint offenbar gerade den Konvertiten ein Bedürfnis zu sein, in zunehmendem Alter doch noch Anschluss an die geordneten Mehrheiten zu finden.

Ich will diese Auseinandersetzung hier jedoch nicht weiterführen; in meiner Untersuchung habe ich differenziert Stellung bezogen.[3] So viel ist doch festzuhalten: Ich werde den Verdacht nicht los, dass es bei diesen Kritikern, von denen ich jetzt nur zwei exemplarisch genannt habe, um Aufklärung über das, was die so genannten Achtundsechziger bewirkt haben, was sie wollten, diskutierten, was sie provokativ in die Öffentlichkeit brachten, überhaupt nicht geht. Deshalb ist das Aufklärungspathos nicht auf den Zusammenhang dieser Zeitverhältnisse, den Zustand der Gesellschaft, die internationalen Aspekte, den Generationskonflikt gerichtet, sondern Achtundsechzig wird als eine Art Folie, als Projektionsfläche benutzt, auf die jeder im politischen Raum abladen kann, was seine enttäuschten Hoffnungen und seine ungelösten Lebensprobleme ausmacht. Das passt gut in eine konservative Ordnungspolitik, die zurzeit einen hohen Legitimationsbedarf hat. Wer Ordnung will, muss vorher Chaosängste schüren.

"Achtundsechzig sitzt wie ein Pfahl im Fleische dieser Gesellschaft." Foto: Günter Zint, Straßenblockade in Berlin 1968."Achtundsechzig sitzt wie ein Pfahl im Fleische dieser Gesellschaft. Straßenblockade in Berlin 1968. (© Günter Zint)
Aber auch das ist nicht hinreichend, um die ungeheure Attraktivität dieses Jubiläumsjahrs zu erklären. Es gibt umfangreiche Ausstellungen zu Achtundsechzig; Akademien machen Veranstaltungen, in Rom findet ein richtiges Festival statt, nur wenige Verlage verzichten darauf, Bücher, Bildbände zu diesem Jahrestag herauszubringen. Achtundsechzig sitzt wie ein Pfahl im Fleische dieser nach neuer Übersichtlichkeit und verlässlicher Ordnung verstärkt Ausschau haltenden Gesellschaft. Irgend etwas wird nach wie vor als Provokation empfunden, als Herausforderung an die etablierten Mächte, die spüren, dass in dieser Bewegung auch ein Wahrheitsgehalt, etwas Plausibles und Richtiges enthalten ist. Ernst Bloch würde von dem Unabgegoltenen sprechen, dem utopischen Überhang, der durch bloße Tatsachenhinweise nicht außer Kraft gesetzt ist. Gäbe es dieses Überschüssige nicht, den realistischen Tagtraum einer besseren Gesellschaft, aber auch eines guten Lebens in einem gerechten Gemeinwesen, dann wäre diese Bewegung längst der Vergessenheit anheim gefallen. Weil zentrale Probleme unserer Gesellschaft zu Bereichen einer unterschlagenen Wirklichkeit gehören, Krise der Arbeitsgesellschaft, Misere des Bildungssystems, die Polarisierung von Arm und Reich usw., eignet sich Achtundsechzig vorzüglich als Ersatzdebatte, die mit Symbolen des Werteverfalls und der Erziehungsdefizite jongliert.

So ist es an dieser Stelle sinnvoll, sich noch einmal einige bestimmende Aspekte dieser Bewegung zu vergegenwärtigen. Sie bezeichnen nicht primär ein Generationenproblem (das vielleicht auch), vielmehr geht es um ein demokratisches Gemeinwesen, das Basisdemokratie zum Wesensgehalt hat. Das Jahr Achtundsechzig öffnet die Geschichte für Augenblicke; es ist ein in jeder Hinsicht politisch anstößiges Jahr, das Anfänge und Hoffnungen setzte. Aber auch die Niederlagen und die enttäuschten Erwartungen gehen in jenes kollektive Gedächtnis ein, das, je entfernter die Originalereignisse liegen, desto straffer im Sinne der gegenwärtigen Realitätsanpassung zurechtgestutzt wird. So ist die Frage legitim: Was bleibt? Was soll gemacht werden, und was ist unter allen Umständen zu vermeiden? Welche Anstöße dieses anstößigen Jahres wirken weiter, welche Ideen und Ansätze sind unausgetragen, unabgegolten? Die Friedensbewegung der 1980er Jahre, Anti-Atombewegung, Ökologiebewegung und vieles andere mehr - die meisten dieser breitenwirksamen Initiativen von unten sind angestoßen von Achtundsechzigern und deren mutiger Rebellion. Wir sind Lernende, und nur in einem Prozess kollektiven Lernens, also der mühevollen Annäherung werden uns Ereignisse der Vergangenheit wieder lebendig und gewinnen ihren Gebrauchswertcharakter zurück.

Fußnoten

3.
Vgl. Oskar Negt, Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Moral, Göttingen 2008.

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