Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

19.3.2008 | Von:
Oskar Negt

Demokratie als Lebensform

Mein Achtundsechzig

Es handelt sich ja keineswegs, was häufig vergessen wird, um eine lediglich aus der deutschen Geschichte erklärbare und ausschließlich in ihr gewachsene Bewegung. Alle Faschismusanalogien sind Produkt eines borniert deutschen Blicks. In Paris sammeln sich im Mai 1968 eine Millionen Arbeiter, Studenten, Lehrer, Ingenieure, Menschen praktisch aus allen Schichten der Gesellschaft, die gegen das etablierte System aufstehen und die Veränderung der Gesellschaft fordern; das de Gaulle'sche Präsidialsystem ist dem Absturz nahe.

Im August 1968 schlugen Truppen des Warschauer Paktes den "Prager Frühling" gewaltsam nieder. Foto: APIm August 1968 schlugen Truppen des Warschauer Paktes den "Prager Frühling" gewaltsam nieder. (© AP)
In der Tschechoslowakei entwickelt sich, wie wir heute nachträglich feststellen können, unter Dubcek eine der letzten möglichen, aber bereits überfälligen Reformen des Sozialismus, die sich aus der uralten Kraft sozialistischer Utopien nährt, um durch einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", friedlich und waffenlos, die nachstalinistischen Bürokratien zum Abtreten zu veranlassen - die letzte dieser Möglichkeiten wird von manchen Linksintellektuellen in der Gorbatschow'schen Öffnungsstrategie gesehen.

Über zwanzig Jahre hat es gedauert, bis der verachtete und geprügelte Alexander Dubcek als Parlamentspräsident Recht behalten durfte - aber jetzt war es kein Sozialismus mehr, den er repräsentierte. Der Vietnamkrieg treibt dem Höhepunkt entgegen. Die Tet-Offensive leitet das allmähliche Scheitern der amerikanischen Interventionspolitik ein. Antikriegskampagnen und Bürgerrechtsbewegungen der Vereinigten Staaten verschmelzen mit dieser Rebellion von Studenten und Jugendlichen, die in Berkeley ihren Ausgang nimmt. Aber es ist auch das Jahr furchtbarer individueller Tragödien: Martin Luther King wird hinterrücks erschossen, Robert Kennedy, der Hoffnungskandidat eines Neuaufbruchs, getötet. Ich erinnere daran, um auf den engen Horizont mancher Kritiker zu verweisen, die, in Verbindung mit den Konvertiten, Achtundsechzig zum Schauplatz pubertärer Rangeleien entpolitisieren.

Achtundsechzig ist weder schwärende Wunde noch ein revolutionärer Umbruch wie die Französische Revolution von 1789. Es ist ein beziehungsreicher, die Offenheit eines Prozesses gewinnender Anfang. Bei allen Irrtümern im Denken und Irrwegen im Handeln, die sich konkret benennen lassen, müssen zwei Handlungsfelder hervorgehoben werden, in denen mit Ernst und Ausdauer über Veränderungen nachgedacht und sinnvolle praktische Experimente gemacht wurden. Das wird den heutigen Ordnungspolitikern aller politischen Schattierungen nicht gefallen, denn darüber sprechen sie nur in einem ironisch-abwertenden Ton: Ich meine das Gebiet der Erziehung und Bildung, wie vor allem aber die entschiedene Neubewertung von Teilhabe und Demokratie. Beides sind wesentlich politische Probleme.

Gewiss, die Frage: Was bleibt? ist schwer zu beantworten; Argumente für eine positive Antwort gibt es aber durchaus. Nie zuvor in der deutschen Bildungsgeschichte waren Reflexionen auf die Bedürfnisse des Kindes und des Jugendlichen so ins Zentrum des schulischen Geschehens gerückt wie in der Kinderladenbewegung oder in der Alternativschulbewegung Anfang der 1970er Jahre. Lernprojekte über Lernprojekte wurden entwickelt, stets standen das Kind oder der Jugendliche im Zentrum von Überlegungen, wie Neugiermotive des Lernens befestigt werden und emotionale und soziale Reifung stattfinden könnten. Ein Grundprinzip, das übrigens in den großen Bildungsratsgutachten der sozialliberalen Reform vorgedacht ist, bestimmt die pädagogische Arbeit dieser Zeit: Nie darf der Leistungsbegriff auf bloße kognitive Operationen reduziert werden. Vielmehr gibt es drei gleichgeordnete, wenn auch in den Zeitmaßen sehr differenzierte Leistungsbegriffe; die emotionale, soziale und die kognitive Leistung. Wo diese Leistungsarten auseinander gebrochen werden, gibt es Störungen in den individuellen Lernprozessen und im Verhalten der Jugendlichen und der Kinder.

Es ist schon bemerkenswert, im Sinne des pädagogischen Erbes der Achtundsechziger, dass der Begriff der Selbstregulierung, zentral für die antiautoritären Bildungsideen, in den PISA-Studien mit positiver Bewertung auftaucht; dass der Erwerb kognitiver Kompetenzen von der emotionalen Entwicklung der Selbstwertgefühle und der sozialen Kompetenz abhängt, ist eine durchgängige Botschaft dieser internationalen Vergleichsstudien. Umso erstaunlicher ist die deutsche Lesart der PISA-Studien, die bloß kognitiven Lernprozesse zu verstärken. Das mag damit zu tun haben, dass die Abwehr der pädagogischen Phantasie der Achtundsechziger so zum kompakten Vorurteil geronnen ist, dass vom Phantasierohstoff, den Träumen und Bedürfnissen der Kinder, nur noch Irritationen im Lehrangebot ausgehen.

Mehr Mitbestimmung an den Hochschulen war eines der ersten Ziele, wofür die Studentenbewegung kämpfte. Foto: Günter ZintMehr Mitbestimmung an den Hochschulen war eines der ersten Ziele, wofür die Studentenbewegung kämpfte. (© Günter Zint)
Der reaktionären Wende in den Erziehungs- und Bildungsfragen, die ohnmächtige Reaktionen auf die wirkliche Misere des ganzen Bildungssystems, der Schulen, der Kindergärten, der Universitäten signalisiert, entspricht die zunehmende Tendenz des Abbaus von Mitbestimmungsrechten in allen gesellschaftlichen Bereichen. Das war ja ein Grundzug der Achtundsechziger, Mitbestimmungsrechte über den Wissenschaftsprozess, über Lehre und Erziehung zu sichern; zum ersten Mal hat es in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft eine diskutierende Öffentlichkeit in den Universitäten und Schulen gegeben, in der die Mitbestimmungsforderungen eine ganz neue Dimension angenommen haben, nämlich ihre Erweiterung auf Demokratie als Lebensform.

Mitbestimmung wird nicht mehr ausschließlich verstanden als symbolisches Mitspracherecht, sondern mit demokratischer Selbstbestimmung verknüpft. Da tauchen dann auch Rätegedanken auf, die syndikalistischen Traditionen der Arbeiterbewegung, des Anarchismus werden neu diskutiert, Bücher und Broschüren des im Nachkriegsdeutschland abgerissenen Traditionsfadens der Arbeiterbewegung gelesen und diskutiert. Es ist das Verdienst der Bewegung von Achtundsechzig, die Wundmale einer parlamentarischen Demokratie öffentlich erkennbar gemacht zu haben. Und zwei Elemente gehören zu dieser Art Basis-Demokratisierung: zum einen ist es die Politisierung der Interessen und Bedürfnisse der Menschen, so dass sie in einer kritischen Öffentlichkeit in den Prozess politischer Urteilsbildung einbezogen sind. Zum anderen betrifft die Demokratisierung der Gesellschaft, wenn man von Basisdemokratie spricht, die Bereiche konkreten Lebens, in den die Menschen ihre alltäglichen Erfahrungen machen: in den Betrieben, Büros, Schulen und Universitäten.

Es war eine gewiss utopische, aber die Realitäten immer wieder herausfordernde Idee, dass es eine demokratische Gesellschaft ohne Demokraten nicht geben kann. Wenn die Menschen in ihren Alltagsangelegenheiten keine Mitbestimmungsrechte und Kontrollmöglichkeiten haben, dann werden die besten demokratischen Institutionen ausgehöhlt, dann werden sie langfristig auch in den politischen Bereichen nur Objekte von manipulierenden Eliten sein. Die zunehmende Wahlmüdigkeit ist ein bedrohliches Symptom jeder repräsentativen Demokratie.

Aber die Selbstbestimmung am Arbeitsplatz, die praktische Erziehung zur Selbständigkeit und zu kritischer Urteilsfähigkeit ist nicht eine Forderung, die von außen an die hoch industrialisierten Gesellschaften herangetragen wird; sie entspricht der industriellen Entwicklung in ihren differenzierten und komplexen Strukturen selbst. Mit wachsender Vernetzung und Globalisierung der Wirtschaft nimmt der Aktionsspielraum von relativ autonomen Einheiten zu, in denen sich neuartige Kooperationsverhältnisse entwickeln. Befehlsverhältnisse werden selbst unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten unproduktiv; wie nie zuvor ist die Ausbildung von politischer und soziologischer Phantasie notwendig.


Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

Mehr lesen

Online-Angebot

Kinofenster.de: We Want Sex

Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de