Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

30.1.2008 | Von:
Peter Schneider
Eberhard Diepgen

Die Bedeutung von 1968 heute

Ein Streitgespräch zwischen Eberhard Diepgen und Peter Schneider

Wo sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der 68er-Bewegung und der RAF?

Peter Schneider: Es ist unbestreitbar, dass es bereits vor 1968 in der Bewegung Gewalttheorien gab. Das kann man leider auch bei Rudi Dutschke nachlesen. Rudi Dutschke hatte eine an Che Guevara ausgerichtete Ideologie der "Propaganda der Tat" in den Großstädten erfunden. Das war eine revolutionäre Theorie und natürlich hat diese Theorie die RAF beeinflusst. Durch die derzeit ungeheure Medien- und Filmaufmerksamkeit für diese Gruppe von 50 Desperados entsteht der falsche Eindruck, daß die größte Dummheit, die '68 hervorgebracht hat, die RAF nämlich, das Wesen der 68er -Bewegung ausmacht. Wenn im kollektiven Gedächtnis beim Begriff '68 nur noch die RAF hochkommt, mache ich mir Sorgen.

Eberhard Diepgen: Ich glaube nicht, dass man den 68ern anlasten kann, ihre Bewegung habe automatisch zu den Verbrechen der RAF geführt. Allerdings darf man den gesellschaftlichen Ansatz eines Rudi Dutschkes und anderer 68ern auch nicht verharmlosen. Diese Gruppe hat sich klar und deutlich gegen die Form der parlamentarische Demokratie ausgesprochen. Und dass sie da Kritik, klare Darstellungen in den Medien sowie und Auseinandersetzung und Ablehnung ernten musste – dass würde ich mal klarstellen. Damals diskutierte man heftig die Unterscheidung zwischen Gewalt gegen Sachen – die zulässig sei – und Gewalt gegen Menschen – die nicht zulässig sei. Aber Rudi Dutschke hat diese Unterscheidung – die ich im übrigen immer abgelehnt habe – überhaupt nicht konsequent durchgezogen. Gewalt gegen Menschen hat er nur für Deutschland und Europa ausgeschlossen. In seinen schriftlichen Äußerungen weist er ausdrücklich darauf hin: In Argentinien, in Südamerika und bei den Tupamaros sei das alles möglich. Es gab in der Frage der Gewaltanwendung diese Verwischung und schwammigen Formulierungen. Und daher gab es notwendigerweise eine massenhafte kritische Auseinandersetzung mit den Thesen der '68er.

Peter Schneider: Die größte analytische Schwäche von Rudi Dutschke und den Seinen war meines Erachtens der Begriff des Neuen Faschismus. Dass man die Bundesrepublik als einen Nachfolgestaat des Faschismus bzw. als Wegbereiter eines neuen Faschismus, hat zu den Rechtfertigungsidiotien der RAF beigetragen.

Die 68er-Bewegung ist untrennbar mit dem Namen Rudi Dutschke verbunden. Welche Rolle nahm Rudi Dutschke innerhalb der 68-Bewegung tatsächlich ein?

Eberhard Diepgen: Ich habe Rudi Dutschke ja nicht in einem kleineren Kreis kennen gelernt. Ich wollte damals Examen machen, das musste ich mir gegen die Demonstranten und gegen die Besetzer von Bibliotheken und Unis erkämpfen. Ich bin dann zu verschiedenen Veranstaltungen hingegangen. Ich empfand Rudi Dutschke übrigens nicht furchtbar klar. Seine Sätze sind ja auch alle ein bisschen lang und kompliziert. Aber ich fand seine Ausstrahlung und sein Demagogie erschreckend.

Peter Schneider: Gerade in Sachen Rudi Dutschke war der SDS bis zum Schluss gespalten. Wenn das Attentat auf ihn nicht passiert wäre, dann wäre es zu einem Riesenkrach im SDS gekommen. Vielleicht wäre der SDS sogar zerfallen. Wichtiger aber: Viele, die da mitdemonstriert und mitgekämpft haben, fühlten sich gar nicht vertreten durch ihre großen Redner. Es wäre falsch, die Bewegung zu reduzieren auf das, was jetzt in Archiven nachzulesen ist. Diese irren Diskussionen zwischen führenden SDS-Aktivisten wie Bernd Rabehl, Christian Semmler und Rudi Dutschke über die Zukunft West-Berlins: Darüber haben viele 68er damals schon den Kopf geschüttelt.

Eberhard Diepgen: Mit dem Jahr 1967 war in der Studentenschaft plötzlich auch ein Streit entschieden: nämlich der zwischen den Selbstverwaltern und denen, die Studentenschaft und studentische Vertretungen als Instrument für eine gesellschaftliche Revolution ansahen. Ich gehörte damals zu den Selbstverwaltern. Wir wollten zum Beispiel die Studentenwohnheime selbst organisieren oder die Studentenkrankenkasse selbst verwalten. Diese Ideen hatten nach dem Tod Benno Ohnesorgs keine Durchschlagskraft mehr. Die seit etwa 1964 bestehenden Forderungen des SDS – "wir wollen die Revolution" – gerieten in den Vordergrund. Allerdings: Die Massenbasis der Bewegung ist eben erst durch den 2. Juni entstanden. Durch den Schock und auch durch die Fehler der Institutionen. Hinzu kamen die Bilder aus Vietnam. Das alles hat in der Studentenschaft zu dieser Solidarisierung geführt. Wenn so viel Emotionalität mit im Spiel ist, dann wird inhaltlich vieles verdeckt und nur vordergründig mitgetragen – ohne dass man sich genau überlegt, was da ideologisch alles mit vorgetragen wird.

Welches Fazit und welche Lehre kann aus '68 gezogen werden?

Peter Schneider: Meinen Kindern sage ich: Es war nötig und wird immer wieder nötig sein, gegen selbst ernannte Herren der Welt und gegen eine feige Obrigkeit zu rebellieren. Dazu gehört Mut. Aber noch mehr Mut gehört dazu, gegen die übergeschnappten Führer in der eigenen Gruppe aufzustehen und ihnen zusagen: Ihr spinnt, ihr habt völlig den Bezug zur Realität verloren – wenn eben dies der Fall ist. An dieser zweiten Sorte Mut haben wir es zu oft fehlen lassen. Das sind Dinge, die man diskutieren muss, wenn man heute mit jungen Leuten über '68 redet. Aber an dem Satz, Rebellion ist gerechtfertigt, halte ich fest.

Eberhard Diepgen: Die Lehre aus '68 ist erstens, dass offensichtlich an bestimmte Probleme nur dann wirklich rangegangen wird, wenn sie in extremer Form dargestellt werden. Sonst nimmt die Gesellschaft sie einfach nicht wahr. Das war damals so, das ist auch heute in bestimmten Bereichen wieder so. Man muss jungen Generationen aber deutlich machen, dass dieses Extrem nur ein Medieninstrument sein kann. Es darf dann nicht weiter zur Verwendung kommen. Das Zweite hat etwas mit Diskussionskultur zu tun. Man kann an den '68ern festmachen, so würde ich es einer jungen Generation heute erklären, dass Verweigerung von Diskussion und Veränderung zu völlig verkehrten Ergebnissen führt, weil Verweigerung zu totalen Übertreibungen mal in die eine und mal in die andere Richtung führt. Zudem hat '68 wichtige Anstöße gegeben und vielleicht sogar die Erkenntnis geliefert: In einer gesellschaftlichen Entwicklung bedarf es nach bestimmten Zeitabläufen immer kleiner Kulturrevolutionen. '68 hatte aus meiner Sicht nicht akzeptable Aspekte. Aber Veränderungen, damit die Verkrustungen nicht zu groß werden, sind notwendig – das beweist auch '68.


Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

Mehr lesen

Online-Angebot

Kinofenster.de: We Want Sex

Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de