Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

10.6.2008

Unterrichtsmaterialien und Arbeitsblätter

Konzeption der Unterrichtseinheit

M2: Eine Nachkriegs-Biographie in der Bundesrepublik

Wahlplakat der CDUWahlplakat der CDU (© Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., Archiv für Christlich-Demokratische Politik.)
Gerhard wurde 1945 geboren und wächst in einer kleinbürgerlichen Familie auf, Vater Mutter, eine Schwester und er. Sein Vater ist 1949 aus dem Krieg heimgekommen. Er ist Finanzbeamter und versucht, dass die Familie wieder finanziell über die Runden kommt. "Wiederaufbau" hieß die Losung, "alles wieder in Ordnung bringen." Er arbeitete viel und am Abend will er seine Ruhe haben, besonders wenn es über die Nazi-Zeit geht. In der Familie hat er das Sagen und bestimmt auch, dass Mutter nicht arbeiten gehen darf, sie soll daheim die Kinder betreuen.

Der "Tag der Heimat" ist in Gerhards Familie sehr wichtig. Dabei wird der "guten alten Zeit" gedacht – vor der Nazi-Zeit. Wenn der Vater von Ordnung spricht, so schwingt immer ein wenig "Preußisches" mit: Pünktlichkeit, Ordnung, Sauberkeit. "Du könntest dir mal wieder die Haare schneiden lassen!", wie oft musste er das hören?

Zur moralischen "Sauberkeit" gehörte auch, dass über Sexualität überhaupt nicht gesprochen wird. Sie findet offiziell einfach nicht statt. Gerhard traut sich noch nicht einmal danach zu fragen. Am Sonntag besucht er die Kinder-, später die Erwachsenenkirche.

"Aus dem Jungen soll mal etwas besseres werden!", so besteht Gerhard 1955 die Aufnahmeprüfung für das
Attraktion in der Milchbar: die Musicbox spielt amerikanische Musik. Foto: APAttraktion in der Milchbar: die Musicbox spielt amerikanische Musik. (© AP)
Gymnasium. In seiner Klasse ist kein einziges Arbeiterkind. Neben schulischen und familiären Pflichten, die u.a. aus Schuhe putzen, Geschirr abtrocknen, die Ölofen befüllen und aus Aufpassen auf die kleine Schwester besteht, bleibt Freizeit. Gerhard besucht die Jungschar, er betreibt im Sommer Leichtathletik, im Winter Turnen. Die restliche Zeit vertreibt er sich mit den Klassenkameraden in der Milchbar, die als besondere Attraktion eine Musicbox betreibt, die neben den deutschen Schlagern auch einige amerikanische Titel spielt. Musik wird immer wichtiger für Gerhard.

Ein ganz wichtiges Ereignis im Leben von Gerhard ist 1962 die erste Tanzstunde, doch der Weg, mit dem Mädchen seiner Wahl eine weitere Verabredung zu treffen ist kompliziert: nur im Anzug ist er korrekt bekleidet, er darf die "Angebetete" heimbegleiten, aber nicht mit aufs Zimmer. Für den gemeinsamen Abschlussball muss er sich bei den Eltern vorstellen – mit Anzug, Krawatte und Blumen für die Mutter.

Ordnung und Sauberkeit –  Versuche die alte Ordnung zu bewahren. 
Foto: dpaOrdnung und Sauberkeit – Versuche die alte Ordnung zu bewahren. (© picture-alliance/dpa)
Vom Schüleraustausch in England hat Gerhard neue Musik mitgebracht: von den langhaarigen Beatles und den "bad boys" der Rockmusik, den Rolling Stones, mit ihren aufrührerischen Texten. Zu Hause kommt es dadurch zum großen Streit. "Harte" Beats und lange Haare entsprechen nicht den Vorstellungen seiner Eltern. Schnell wird aus dem Kampf um die Lautstärke der Musik viel mehr. Es geht um jeden Zentimeter Haarlänge. Was seine Eltern ungehörig und schmutzig finden, findet er erstrebenswert. Eine ganz neue Welt tut sich auf.

1965 besteht Gerhard das Abitur, gefolgt vom Wehrdienst. Kaum einer in der Klasse verweigert und wenn, dann geht er nach Berlin oder studiert Theologie. 1967 beginnt Gerhard in Tübingen das Jura-Studium.

Quellentext

§ 180 Kuppelei

(1) Wer gewohnheitsmäßig oder aus Eigennutz durch seine Vermittlung oder durch Gewährung oder Beschaffung von Gelegenheit der Unzucht Vorschub leistet, wird wegen Kuppelei mit Gefängnis von nicht unter einem Monate bestraft; auch kann zugleich auf Geldstrafe, auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte sowie auf Zulässigkeit von Polizeiaufsicht erkannt werden.
(Fassung des StGB vom 25. Juni 1969)

Er nimmt sich ein Zimmer bei Frau Pohl, einer älteren Dame mit klaren Regeln: "Dass Sie´s gleich wissen, Damenbesuch nur bis 22:00 Uhr, dann muss das Fräulein heim!" Noch existiert der Kuppeleiparagraf, der das voreheliche bzw. außereheliche Zusammensein als Unzucht unter Strafe stellt. Von gleichgeschlechtlicher Liebe wird hinter vorgehaltener Hand geflüstert, gilt als unmoralisch, wird als gefährlich dargestellt und in § 175 StGB ebenfalls unter Strafe gestellt, die sich bis zu zehn Jahren Zuchthaus ausdehnen kann.

Quellentext

§ 175 Unzucht zwischen Männern

(1) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren wird bestraft:
1. ein Mann über achtzehn Jahre, der mit einem anderen Mann unter einundzwanzig Jahren Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen läßt,
2. ein Mann, der einen anderen Mann unter Missbrauch einer durch ein Dienst-, Arbeits- oder Unterordnungsverhältnis begründeten Abhängigkeit bestimmt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen zu lassen,
3. ein Mann, der gewerbsmäßig mit Männern Unzucht treibt oder von Männern zur Unzucht mißbrauchen lässt oder sich dazu anbietet,
(2) In den Fällen des Absatzes 1 Nr. 2 ist der Versuch strafbar.
(3) bei allen Beteiligten, der zur Zeit der Tat noch nicht 21 Jahre alt war, kann das Gericht von Strafe absehen.
(Fassung des StGB vom 25. Juni 1969)

Proteste von Schülern und Studenten, 1968. Foto: APProteste von Schülern und Studenten, 1968. (© AP)
In den Straßen von Tübingen hört Gerhard Demonstranten und ihre Sprechchöre: "Willst du Krieg im Frieden führen, musst den Notstand du probieren!" Im Bundestag stehen die heftig umstrittenen Notstandsgesetze zur Abstimmung, die Studenten gehen auf die Straße.

Noch immer herrscht Krieg in Vietnam. Seit 1963 sehen sich die USA einen immer intensiver geführten Krieg in Südostasien gegenüber, dessen moralische Berechtigung bei der amerikanischen und europäischen Jugend in Frage gestellt wird. Gerhard besucht das erste Mal in seinem Leben eine politische Veranstaltung, organisiert von Kommilitonen. Da plötzlich bricht die Nachricht in die Tübinger Idylle ein: "Benno Ohnsorg während einer Demonstration gegen den Schah von Polizisten mit Kopfschuss getötet."
Der Student Benno Ohnesorg wird bei Protesten gegen den Besuch des persischen Schahs erschossen. Foto: APDer Student Benno Ohnesorg wird bei Protesten gegen den Besuch des persischen Schahs erschossen. (© AP)
Das Bild des Sterbenden geht durch die Medien. Es kommt zu ersten Straßenschlachten zwischen Studierenden und Polizei. Gerhard begreift, dass hier etwas Ungeheuerliches geschehen ist, er mischt sich ein und interessiert sich auf einmal für Politik. Er besucht Protestveranstaltungen, er boykottiert die verstaubten Vorlesungen und nimmt lieber an von Studenten selbst organisierten Teach-ins teil.

Gerhard wird ein politischer Mensch.





Zum Öffnen des PDFs bitte klickenZum Öffnen des PDFs bitte klicken
  • PDF-Icon Arbeitsblatt als PDF-Version (2.370 KB)

    Text: Harald Schneider und Hans Woidt


  • Dossier

    Prag 1968

    Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

    Mehr lesen

    Online-Angebot

    Kinofenster.de: We Want Sex

    Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

    Mehr lesen auf kinofenster.de