Dossierbild Geschichte und Erinnerung

12.8.2010 | Von:
Arne Ruth

Mythen der Neutralität

Wie der Holocaust in Schweden und der Schweiz ausgeblendet wurde

Die moralische Grundlage dafür war durch den Sieg der Alliierten über den Faschismus noch unterstrichen worden. Als Sozialdemokraten wie Bruno Kreisky und Willy Brandt nach dem Krieg aus dem schwedischen Exil zurückkehrten, brachten sie das Modell für die europäische Gesellschaft der Zukunft in ihre Heimatländer mit: den Wohlfahrtsstaat, die all-inclusive-Definition von Staatsbürgerschaft. Das Prinzip der partizipatorischen Demokratie als der wahren Legitimation des modernen Nationalstaats wurde in der Folge in den meisten westeuropäischen Staaten nachhaltig verankert. Schweden sollte den Weg aus einer bedrückenden historischen Tradition weisen.

Gegenüber den Plänen einer europäischen Integration, die nach dem Krieg auftauchten, verhielten sich die schwedischen Eliten aber reserviert. Dieses Desinteresse basierte auf scheinbar ethischen Überlegungen: Das schwedische Mitgefühl war vor allem auf Dritte-Welt-Staaten gerichtet. In den frühen 60er Jahren wurde die Anteilnahme am antikolonialen Kampf von einem jungen Intellektuellen und Schriftsteller, Lars Gustafsson, vor allem als die Überwindung des Nationalismus definiert: "Dieses Erwachen eines internationalen Bewusstseins ist ein Weg aus dem, und ein immerwährender Trost für das, was wir so lange als Isolation erlebt haben. Wenn es heute einen schwedischen Patriotismus gibt, dann beruht er auf unserer Sehnsucht, uns im Zusammenhang mit dieser neuen Solidarität Gehör zu verschaffen." [3]

Die Vorstellung, das emanzipierteste Land der Welt zu sein, war konstitutiv für das "schwedische Modell". Tatsächlich handelte es sich um traditionellen Nationalismus mit umgekehrten Vorzeichen. Die psychologische Wirkung war derjenigen der herkömmlichen Form allerdings sehr ähnlich: Die schwedischen Eliten konnten ausgesprochen stolz auf ihre Vorrangstellung als Anti-Nationalisten sein. Sie gewöhnten sich an ihre moralische Überlegenheit, die sie daraus bezogen nicht mehr an Traditionen gefesselt zu sein. Ihr größtes Verdienst war es, den Nationalismus überwunden zu haben.

Politiker und Diplomaten waren davon überzeugt, privilegierten Einblick in die Zukunft der Menschheit zu haben. Auf die Weltbühne übertrugen sie die schwedische Haltung als eine spezielle Form des Idealismus. In manchen Fällen, etwa durch die Unterstützung des Anti-Apartheid-Kampfes in Südafrika (inklusive materieller Unterstützung des ANC, als er zur kommunistischen Speerspitze stigmatisiert wurde) oder durch die entschiedene moralische Haltung gegenüber dem Vietnamkrieg, brachte dieses Selbstbewusstsein lohnenswerte Ergebnisse. In anderen Bereichen wiederum kippte das schwedische Modell in Arroganz und Nachlässigkeit. Ein typisches Beispiel dafür ist die offizielle Haltung gegenüber den baltischen Staaten, die als nicht existent eingestuft wurden (Schweden anerkannte als erstes westliches Land die sowjetische Annexion des Baltikums 1940); ein anderes die mangelnde Bereitschaft, die Sowjetunion dazu zu zwingen, die Verhaftung Raoul Wallenbergs zuzugeben. Im Großen und Ganzen tendierte der schwedische Idealismus dazu, sich in Realpolitik zu verwandeln, je näher Probleme an Schweden herankamen.

Der Historiker Friedrich Meinecke interpretierte die deutsche Geschichte als den Sieg des Nationalstaats über das Weltbürgertum. Der Anspruch Schwedens und der Schweiz nach dem Krieg, die Ideale des Universalismus zu verkörpern, könnte als das genaue Gegenteil der deutschen Tradition des Historismus gesehen werden. Dennoch basierte die national definierte Ideologie des Progressivismus auf der Annahme von Einzigartigkeit. Historiker in beiden Ländern, die vorgaben, Vorgänge zu entmystifizieren, konnten auf ein bewährtes Konzept nationaler Identität als Folie für die Auswahl und Interpretation von Tatsachen zurückgreifen; sie konnten offensichtlich progressive Elemente betonen, und alles andere ausklammern.

Allerdings gibt es einige interessante Unterschiede in der Art und Weise, wie diese verdeckten Elemente in den beiden Ländern öffentlich verhandelt wurden.

Die beiden bekanntesten Schweizer Nachkriegsdramatiker, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch, nutzten ihre Werke beständig dazu, eine Gegenwelt zu beschreiben, eine Alternative zur herrschenden Heuchelei, die sich als Objektivität ausgab. Frischs Komödie Biografie (1967) ist eine Satire auf das Konzept von Geschichte als Projekt: Einem Mann wird die Möglichkeit gegeben, an entscheidende Momente seines Lebens zurückzukehren und die Entscheidungen, die er getroffen hatte, zu verändern. Die ständigen Korrekturen, die oberflächlich wie Resultate offensichtlich rationaler Entscheidungen aussehen, stellen sich als Absurditäten heraus, bis er schließlich begreift, dass, welchen vorausgeplanten Weg auch immer er wählt, es immer der falsche sein wird.

Frischs Stück Biedermann und die Brandstifter (1958) ist die Tragikomödie eines Pakts mit dem Teufel. Ein Mann lässt drei Brandstifter in sein Haus; er nimmt sie als Mitbewohner auf, inklusive Benzinkanistern, Zündschnur usw. Als sie ihn um Streichhölzer fragen, erfüllt er ihre Bitte pflichtschuldigst. Frischs berühmtestes Stück, Andorra (1961), basiert auf einer Idee, die bereits in seinem Werk Tagebuch mit Marion (1947) aufgetaucht war, das ihm zum Durchbruch verholfen hatte. Es ist die erschreckende und tragische Darstellung der Mechanismen sozialer Inklusion und Exklusion, wobei das Ritual des Ausschlusses einer Person eine Intensivierung der Verbindung der Zurückgebliebenen bedingt: Ein Mann gibt seinen Stiefsohn als Juden aus; der Junge akzeptiert angesichts der ihm entgegengebrachten Vorurteile die ihm zugeschriebene Identität als unveränderliche Tatsache. Als das Land von einem rassistischen Nachbarstaat überfallen wird, ist sein Schicksal besiegelt.

Wendete sich auf satirische Weise gegen die Bigotterie der Schweizer Nachkriegsgesellschaft: Max Frisch. Foto: APWendete sich auf satirische Weise gegen die Bigotterie der Schweizer Nachkriegsgesellschaft: Max Frisch. Foto: AP (© AP )
Einen Sturm der Entrüstung verursachte Frisch mit einem "Unbewältigte schweizerische Vergangenheit" betitelten Artikel, der im März 1966 in der Wochenzeitung Weltwoche veröffentlicht wurde. Frisch beschuldigte darin die jüngere Autorengeneration, sich nicht angemessen mit den zwölf Jahren der Hitler-Herrschaft auseinanderzusetzen, und machte den aktuellen Umgang mit Flüchtlingen zum Thema. Damit traf er einen nationalen Nerv. Wenig später erschien mit Alice Meyers Anpassung oder Widerstand. Die Schweiz zur Zeit des deutschen Nationalsozialismus eine gründliche Analyse dieses moralischen Dilemmas.

Ein Jahr später wurde ein gut dokumentiertes Pamphlet veröffentlicht, das rasch den Status eines Klassikers erlangte: Alfred A. Häslers Das Boot is voll. Die Schweiz und die Flüchtlinge 1933-45. In Walter Wolfs Faschismus in der Schweiz (1969) wurde die Schweizer Kollaboration sorgfältig untersucht. Und zwischen 1965 und 1970 erschien die groß angelegte, vierbändige Geschichte der schweizerischen Neutralität von Edgar Bonjour.


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