Dossierbild Geschichte und Erinnerung

12.8.2010 | Von:
Arne Ruth

Mythen der Neutralität

Wie der Holocaust in Schweden und der Schweiz ausgeblendet wurde

Die Einführung des "J" in die Pässe deutscher Juden wurde in der Schweiz unmittelbar nach Kriegsende zum Thema und tauchte Mitte der 1950er Jahre als Zeitungspolemik wieder auf, die den Schweizer Bundesrat zu einer offiziellen Untersuchung zwang, deren Ergebnisse 1957 veröffentlicht wurden. Der Bericht lässt keine Zweifel daran, dass Schweizer Politiker und Beamte mitverantwortlich dafür waren, dass die Deutschen das "J" einführten. Sieben Jahrzehnte später ist die Rolle der schwedischen Regierung in diesem Prozess nach wie vor ungeklärt. Das Thema tauchte in den 1990er Jahren kurz in der schwedischen Diskussion auf und verschwand wieder. Obwohl unklar ist, wieweit Schweden in die Angelegenheit involviert war, gibt es deutliche Hinweise darauf, dass die Einführung des "J" in Stockholm aktiv unterstützt wurde.

In den letzten Jahrzehnten wurde ein halbes Dutzend Bücher veröffentlicht, die sich mit dem jüdischen Anteil der Schweizer Geschichte beschäftigen und Antisemitismus und Flüchtlingspolitik sehr direkt ansprechen. In Schweden wurde bis in die späten 1980er Jahre nichts Vergleichbares veröffentlicht.

Die kritischen Positionen von Autoren und Journalisten in der Schweiz haben das politische Klima des Landes wesentlich beeinflusst. Die Rehabilitation von Paul Grüninger ist ein Beispiel dafür: Der Polizeichef der Grenzgebiete mit Österreich und Deutschland war 1940 aus dem Dienst entlassen worden, weil er gefälschte Angaben dazu genutzt hatte, jüdische Flüchtlinge ins Land zu lassen. Gerüchteweise hatte er sich an diesen Handlungen bereichert; er starb weitgehend verarmt Ende der 1960er Jahre. Ein Schweizer Journalist, Stefan Keller, zwang mit einer akribischen Studie des Geschehens die Behörden dazu, die Prozessprotokolle und Geheimdienstberichte zu veröffentlichen: Nach vorsichtigen Schätzungen rettete Grüninger 3000 Juden vor dem Holocaust. Es gibt keine Beweise für persönliche Bereicherung. Die Verletzung der Dienstvorschriften bestand vor allem darin, ein Datum in die Pässe der Flüchtlinge zu stempeln, das vor dem Datum lag, an dem die Schweiz ihre Grenzen vollständig geschlossen hatte.

Die öffentliche Meinung zwang eine widerwillige Schweizer Regierung dazu, den Fall wieder aufzurollen; und das Gericht verwies in seinem Urteilsspruch auf eine alte Schweizer Praxis: das Recht auf Selbstverteidigung. Grüninger wurde posthum vollständig rehabilitiert. Jahre nach seinem Tod wurde er zu einem Schweizer Helden. Gleichzeitig brachte die Dokumentation von Grüningers Schicksal den Mief der Realpolitik dieser Zeit an die Oberfläche: Machtspiele, garniert mit Anpassung und dezentem Antisemitismus.

Es scheint, als habe gerade die arrogante Haltung, die das Schweizer politische und Finanz-Establishment einnahm, polarisiert und eine kontinuierliche Auseinandersetzung initiiert. In den späten 1960er Jahren setzte ein Strom unabhängiger Untersuchungen ein, der sich in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren zu einer Flut auswuchs. Diese spätere Welle brachte bedeutende historische Untersuchungen hervor, wie etwa Pierre Th. Braunschweigs Geheimer Draht nach Berlin (1989). So gut wie alles, was den Rausch um die Goldtransaktionen anfachte, beschrieb der Journalist Werner Rings in seinem Buch Raubgold aus Deutschland (1985). Rings veröffentlichte außerdem eine populäre Geschichte der Kriegszeit, die sich explizit mit den kontroversen Fragen um Flüchtlingspolitik, Antisemitismus und Kollaboration befasste. Sowohl Rings als auch der Journalist Guido Trepp in seinem Buch Bankgeschäfte mit dem Feind beschäftigen sich mit der Rolle Schwedens; beide stimmen im Wesentlichen überein, worum es im Grund ging: um unsichtbare, multinationale Netzwerke einflussreicher Personen, für die das Geschäftemachen mit dem Dritten Reich, zumindest eine Zeit lang, Business as usual war.

In Schweden herrschte von ein, zwei Jahre nach Kriegsende bis in die späten 1980er Jahre ein stillschweigender Konsens, der die Auseinandersetzung über Kriegsfragen nachhaltig hemmte. Anders als in der Schweiz gibt es nur wenige wichtige literarische Werke, die sich mit ethischen Fragen im Schweden der Kriegszeit auseinander setzen. Fiktionale Literatur, die sich mit der Holocaust-Erfahrung beschäftigt, wurde fast ausschließlich von Schweden mit jüdischem Hintergrund geschrieben - Peter Weiss ist das herausragendste Beispiel dafür. Dasselbe allgemeine Schweigen gilt für historische Untersuchungen.

Das erste Buch, das sich mit Schweden in Zusammenhang mit dem Holocaust befasst, stammt von einem amerikanischen Historiker, Steven Koblik, und erschien 1987. [4] Erst eine Streitschrift der Journalistin Maria-Pia Boëthius, Heder och samvete (Ehre und Gewissen), die kürzlich wiederveröffentlicht wurde, löste 1991 einen Prozess der Überprüfung etablierter Positionen aus. [5] Boëthius griff die vorherrschende Darstellung schwedischer Historiker scharf an und wurde postwendend als übereifrig diffamiert. Allmählich begann sich aber in den 1990ern unter Historikern eine Interpretation der schwedischen Neutralität durchzusetzen, die sich Boëthius' Position annäherte.

Ein wesentliches Symbol für diesen Wandel ist, dass der emiritierte Professor Stig Ekman, der in den 1970er Jahren ein umfassendes Forschungsprojekt zur schwedischen Kriegsgeschichte leitete, in den 1990er Jahren das Fehlen einer ethischen Perspektive in der Definition des Gegenstands öffentlich bedauerte. Die aktuelle Entrüstung über Schwedens Anbiederung an Deutschland müsse seiner Meinung nach vor dem Hintergrund der Tatsache gesehen werden, dass Schweden mit dem Regime kollaborierte, das für den Holocaust verantwortlich war. Es sei jetzt an der Zeit, diese Beziehung genau zu untersuchen.

1996 stellte Paul Levine, ein Student des amerikanischen Pioniers Steven Koblik, seine Dissertation in Schweden fertig. [6] Mit der Darstellung der ethischen Haltung einiger Außenamtsbeamter gegenüber Juden ergänzte er die Bewertung der schwedischen Flüchtlingspolitik um wichtige Erkenntnisse, und rückte mit dem Hinweis auf eine "Mentalität der Neutralität" die Eigentümlichkeiten schwedischer historischer Forschung ins rechte Licht. Seiner Ansicht nach liegt dem lange Zeit fehlenden Interesse schwedischer Historiker am Holocaust die Dominanz dieser Haltung zugrunde: Nach gängiger Einschätzung war jedes Zugeständnis, das Schweden während des Krieges machte, moralisch vertretbar, weil es dem Land den Frieden sicherte. Dagegen weist Levine auf eine Tatsache hin, die erst durch die Raubgold-Kontroverse offensichtlich wurde: dass der schwedische Handel mit Deutschland, zumindest ab 1943, zur Verlängerung des Krieges beitrug. Aus dieser Perspektive kann der schwedischen Koalitionsregierung während des Krieges vorgeworfen werden, die Auswirkungen des Holocaust indirekt verschärft zu haben.

Mehr als 50 Jahre nach dem Ende des Weltkrieges fingen schwedische Historiker endlich damit an, sich mit diesem Teil der schwedischen Geschichte zu beschäftigen. Ein Sonderforschungsprojekt zum schwedischen Verhältnis zu Nationalsozialismus, Drittem Reich und Holocaust wurde vom schwedischen Wissenschaftsrat aufwendig finanziert und im Jahre 2006 abgeschlossen. Schon 2003 war die Holocaustforschung in Schweden so reichhaltig, dass Stig Ekman in Zusammenarbeit mit einem Kollegen, Klas Åmark, eine Übersicht über die Forschungslage veröffentlichte. [7] Heute ist die Tatsache, dass schwedische Historiker es jahrzehntelang vollständig unterlassen haben, den Holocaust zu erforschen, selbst Forschungsgegenstand: als ein außergewöhnlicher Fall von Borniertheit zu einer Zeit, in der der Holocaust international für zumindest drei Jahrzehnte das zentrale Feld zeitgenössischer Geschichtswissenschaft war.

Dieses hartnäckige Vermeiden ethischer Fragestellungen im Zusammenhang mit dem Krieg veranschaulicht einen spezifischen Aspekt schwedischer politischer Kultur während der Wohlfahrtsperiode: Konsens als wichtigste Zielsetzung der politischen Klasse, unabhängig von Parteizugehörigkeit. Dieses Konsensprinzip war unmittelbar an die Ideologie von Schwedens einzigartigem Universalismus gebunden.

Die Psychologie der Distanz ist auch ein bedeutendes Element der schwedischen Haltung gegenüber der Europäischen Union. Formal ist Schweden Mitgliedsstaat; aber die Tatsache, dass die Union als Friedensprojekt initiiert wurde, und ihre außergewöhnlichen Erfolge bei der Verhinderung militärischer Konflikte zwischen großen europäischen Staaten, wird in Schweden kaum wahrgenommen. Das Fehlen einer tiefgreifenden Diskussion der Kriegserfahrung als eines grundlegenden Elements des europäischen Projekts - einschließlich der Tatsache, dass seine rassistische Dimension den zweiten Weltkrieg deutlich von früheren Konflikten in Europa unterscheidet - zeigt auch, wie die Besonderheiten nationaler Geschichtsschreibungen, solange sie nicht mit alternativen Interpretationen konfrontiert werden, politische Haltungen noch lange nach den historischen Ereignissen prägen. Grundhaltungen, die sich aufgrund der schwedischen und Schweizer Neutralität während des Krieges herausbildeten, sind nach wie vor Teil des kollektiven Unterbewusstseins.

Die Raubgold-Frage wirbelte in beiden Ländern Staub auf und entwickelte sich zu einer weltweiten Medienkontroverse. Wirkungsvoll war sie, weil die Konfrontation von außen kam: Politiker in Schweden und der Schweiz waren dazu gezwungen, sich ihr zu stellen.

Es gibt in Skandinavien zwei weitere Beispiele, bei denen grenzüberschreitende Wechselwirkungen um ethische Fragestellungen im Zusammenhang mit universellen Bürgerrechten eine Rolle spielten. Beiden Fällen liegt ein strukturell begründetes, kollektives Schweigen zugrunde.


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