Dossierbild Geschichte und Erinnerung

3.6.2008 | Von:
Karl-Ernst Jeismann

Geschichtsbilder: Zeitdeutung und Zukunftsperspektive

VI. Perspektiven der "kommenden Geschichte"

Drei universale Perspektiven kommender Geschichte bietet die Diskussion der letzten Jahrzehnte an:

1. "Das Ende der Geschichte": Die ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg brachten eine Zukunftswissenschaft hervor, die einen optimistischen Blick in die Zukunft warf und angesichts der vielen wissenschaftlich-technischen Fortschritte und der zunehmenden internationalen Vereinbarungen und Gremien das Ziel des Fortschritts nahe sah. Wenn auch im Einzelnen skeptisch aufgenommen, traf sie doch im Ganzen eine Grundstimmung. Gegen Ende des Jahrhunderts gewann dann die These vom "Ende der Geschichte" erhöhte Aufmerksamkeit. Nach der Auflösung des Sowjetimperiums schien die Verwirklichung von Frieden greifbar nahe, Wohlfahrt und Menschenrecht überall zu gewährleisten. Damit war das Ziel der Geschichte erreicht, jedenfalls im Prinzip; vorhandene Defizite galten als bald überwindbar. Die vernunftgemäß eingerichtete Gesellschaft der "posthistoire" bedarf wohl der ständigen Regulierung der verschiedenen Subsysteme: der Wirtschaft, der Politik, der Wissenschaft, der Kultur, aber nicht mehr solcher "Bilder", welche die Zukunftserwartung auf die Deutung der Vergangenheit stützen. Geschichte wird ein Magazin von Szenen der Menschenwelt, von Zuständen und Ereignissen, die man anschaut, erstaunt oder erschreckt wahrnimmt - dies aber letztlich unverbindlich und beliebig. Mit der Homogenisierung aller Informations-, Wissens- und Verteilungswege, mit der Möglichkeit globaler Behebung von Not tut sich eine Kluft zur Vergangenheit auf - sie ist für die Orientierung in der Gegenwart nicht mehr tauglich. Das Alte ist nicht mehr das Wahre, Innovation gilt mehr als Erfahrung; die Biotechnik, nicht mehr die Pädagogik begründet die Hoffnung auf den Fortschritt, den der Mensch an sich selbst vollzieht.

Zwar widerspricht die Realität diesem Bild. Aber: Breite Schichten der Bevölkerung in der "Ersten Welt" verhielten sich so, als ob ein solcher Zustand eingetreten sei, als ob wir nicht kommende Geschichte, sondern "vollendete Gegenwart" vor uns hätten - d.h. keine "Zukunft", die etwas anderes und Besseres ist als die Gegenwart. Das "Vergehen der Zukunft" [27] in Vorstellung und Lebensweise eines "Menschenparks" (Sloterdijk) ist abzulesen an jenem Umgang mit Geschichte, mit Überlieferung und Tradition, der ins Unverbindlich-Luxuriös-Kuriose gerät, was Sinngebung und Daseinsdeutung von Gemeinschaften betrifft. In dieser Lage gerät und verkommt zum Stillstand, was das Lebensgesetz demokratischer Verhältnisse ist: die Bewegung hin auf eine bessere, menschlichere Zukunft. In gleichem Maße - als Kehrseite dieses Bildes - schwindet die Überzeugung, es herrsche Rationalität in der geschichtlichen Welt, wird die Kontingenz, die enigmatische Struktur der Geschichte als ihr Wesen wahrgenommen. Damit ist der "Fortschritt" nicht nur stillgestellt, weil er sein Ziel erreicht hat; er kann überhaupt als Irrtum der Geschichtsphilosophie entlarvt werden. [28] Auf verhüllte Weise entspricht die Rede vom "Ende der Geschichte" im dialektischen Umschlag weniger der Wertung gelungener Vollendung als vielmehr des Endes der Vorstellung ihres einsichtigen Vernunftantriebes.

2. Die Geltung des Projekts der "Moderne" als Vision einer besseren Welt: Entschieden widersprechen die Verfechter und Erben des Aufklärungs- und Fortschrittskonzepts dieser Position. Weder habe die Geschichte ihr immanentes Ziel erreicht, noch sei die Deutung ihrer "kinetischen Energie" als Vordringen der Vernunft widerlegt. Die ökonomische und technische Globalisierung kann als ein mit Gefahren verbundener Schritt, aber doch als ein Fortschritt und ein Versprechen erscheinen, das auf die Humanisierung der sozialen Verhältnisse und die politische Emanzipation auf dem Erdball weist. Hier ist das meiste noch zu tun, und das universale Geschichtsbild einer freien, zivilen Gesellschaft sowie der weltweiten institutionellen Sicherung von Frieden und Recht gilt als Zukunftsauftrag und braucht noch Kraft, um überkommene Traditionalismen der Norm allgemeiner Vernunft zu unterwerfen. Weder ist dieser Prozess am Ende, noch ist er als Wille und Vorstellung unserem Handeln entzogen. "Geschichte als Selbstgestaltung und Selbstauslegung der Menschen" entziehe sich nicht "wirklich ihrer Aufklärung ... Blockiert ist nur ... die entschiedene Umsetzung dieses Wissens für das Selbstverständnis des Menschen" [29] . Die Richtung der Geschichte bleibt die auf Perfektibilität gegründete Zielvorstellung, ihr Antrieb der fortdauernde vernünftige Dialog.

3. Der "Kampf der Kulturen": Einer empirisch ansetzenden Deutung des an Konflikten überreichen Zustandes unserer Welt erscheint dieses Konzept eines allgemeinen Fortschritts als Ideologie der "westlichen" Zivilisation, die als universal gültig ausgegeben wird, um globale Dominanz zu legitimieren, tatsächlich aber ein partikulares Geschichtsbild einer Kultur ist. Im Kampf gegen die technisch, militärisch und wissenschaftlich überlegene, nach Sitte, Moral und Recht jedoch als fremd oder verderbt empfundene Zivilisation formieren sich unter Aneignung der wertneutralen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten des Westens die außereuropäischen Kulturen, suchen und finden in Rückbesinnung auf ihre eigene Geschichte ihre Identität in Abgrenzung vom "Westen". Die kommende Geschichte wird, statt die "eine Welt" zu bringen, die Scheidung der Menschheit in Kulturkreise verschärfen; sie sind zwar vielfältig vernetzt durch alles, was technischer und wissenschaftlicher Fortschritt und ökonomischer Austausch hervorbringen mag, aber deutlich getrennt durch die Werteskala, nach der sich Individuum und Gemeinschaft bilden. Alte Geschichtsbilder werden aktualisiert, sie weisen auf die Unterschiede zwischen den Kulturen hin, auf die früheren Kämpfe und vergangene Überlegenheiten. Ob es schließlich zum "Clash of Civilizations" [30] kommt oder ob sich ein friedlicher Ausgleich ihrer verschiedenen Daseinsweisen und Interessen herstellt, bleibt ungewiss.

Die fanatischen Potenziale in diesem Streit der Kulturen und deren technische Möglichkeiten sind so beschaffen, suchen so neue und gefährliche Wege, dass man die Prävention nicht vernachlässigen darf. Diese Zukunftserwartung drängt auf Stärkung des Zusammenhalts im eigenen Kulturkreis, seiner in der Geschichte gewachsenen Wertvorstellungen und Selbstbehauptungskraft im geistigen, wirtschaftlichen und militärischen Bereich. Der westlich-europäische Kulturkreis ist uns näher als die Welt. Seine Geschichte und seine Zukunft sind unser Teil - daraus folgt die Anerkennung der Besonderheit anderer Kulturen, nicht aber die Vermischung oder gar ihre Einebnung und Integration in das europäische Konzept der Moderne.

Das ist eine Repartikularisierung des universalen Geschichtsbildes vom Fortschritt der Menschheit. Kann es zur besseren Regelung der Konflikte beitragen, wenn die sozialen, politischen und kulturellen Eigenarten der Kulturen nicht einem Leitmodell folgen müssen? Die Normen der Friedenswahrung, des Völkerrechts und der Menschenrechte - bereits in globalen Resolutionen und Institutionen bekräftigt - wären dann als der europäisch-westliche Beitrag zu einer Universalgeschichte zu verstehen, die im Übrigen der Eigenart jeder Kultur ihren Raum lässt. Dieses Konzept erlaubt einerseits, am Bild einer "Universalgeschichte der Menschheit in weltbürgerlicher Absicht" festzuhalten, und andererseits, kulturelle Differenz zu achten. Vielfalt der Kulturen ist anzustreben, die durch wenige, zentrale Universalismen ihr Miteinander regeln. So wird "angstfreies Andersseindürfen für alle ermöglicht ... Universalisierung ist nur als Pluralisierungsermöglichung gerechtfertigt, nur als Buntheitsförderung." [31]

Diese drei Positionen werden jede für sich oder in wechselnden Kombinationen die im Hintergrund der öffentlichen Vermittlung von Geschichte stehenden "Geschichtsbilder" dominieren und verorten lassen. Im Hintergrund der viel berufenen "Geschichtskultur" wartet die Aufgabe theoretischer Klärung, normativer Auseinandersetzung und pragmatischer Umsetzung der Ziele und Verfahrensweisen bei der Präsentation von Geschichte im Hinblick auf die künftige "Zeitperspektive", die wir der Vergangenheitsdeutung geben. [32] Das Ziel methodisch angelegter Bildung des "Geschichtsbewusstseins" wird sich nur bei Reflexion über den Zusammenhang von partikularem und universalem Geschichtsbild verfolgen lassen. [33]

Fußnoten

27.
Vgl. Pierre-André, L‘effacement de l‘avenir, Paris 2000; ferner das Fragenspektrum in: Martin Seel (Hrsg.), Zukunft denken. Nach den Utopien, Stuttgart 2001 (= Sonderheft Merkur 629/630), 55 (2001) 9/10.
28.
Zur Komplexität dieser These vgl. O. Marquardt (Anm.'16).
29.
G. Dux (Anm. 10), S. 25.
30.
Vgl. Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Welt im 21. Jahrhundert, Berlin 1998 (Originaltitel: The Clash of Civilizations, New York 1996).
31.
O. Marquardt (Anm. 16), S. 14.
32.
Erich Kosthorst hat das Thema schon 1975 dargestellt (Zeitgeschichte und Zeitperspektive. Mit einer Einleitung hrsg. von Karl-Ernst Jeismann, Paderborn 1976, S. 11-21). Es wurde aber trotz der Herausforderung, die durch die "emanzipatorische Didaktik" gegeben war, nicht grundsätzlich aufgegriffen.
33.
Nähere Überlegungen zu dieser hier nur genannten Thematik bei Karl-Ernst Jeismann, Geschichtsbewusstsein als zentrale Kategorie der Didaktik des Geschichtsunterrichts, in: ders., Geschichte und Bildung, hrsg. von Wolfgang Jacobmeyer/Bernd Schönemann, Paderborn u. a. 2000, S. 46-72.

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