Dossierbild Geschichte und Erinnerung

3.6.2008 | Von:
Christoph Kleßmann

Zeitgeschichte als wissenschaftliche Aufklärung

II. Zeitgeschichte als Wissenschaftsdisziplin

Als in den frühen fünfziger Jahren die Zeitgeschichte in Deutschland als historische Teildisziplin begründet wurde, war diese persönliche und zugleich politische Konstellation prinzipiell nicht anders. Gegen unverblümte Rechtfertigungsprodukte ehemaliger NS-Funktionäre und hoher Militärs, gegen eine dominante Erinnerung, welche die Deutschen eher zu Opfern denn zu Tätern stilisierte oder alle Verantwortung auf eine kleine Verbrecherclique schob, sowie gegen eine als dramatisch wahrgenommene bolschewistische Bedrohung aus dem Osten mussten elementare historische Einsichten über den Nationalsozialismus, seine Ursprünge, seine gigantischen Verbrechen sowie über Zusammenhänge von Ursachen und Folgen durchgesetzt werden. Das ist - verfolgt man exemplarisch die Geschichte des Instituts für Zeitgeschichte und seiner Zeitschrift - in beachtlichem Ausmaß versucht worden, aber erst mit erheblicher zeitlicher Verspätung gelungen. Dass der Antisemitismus-Streit vor der letzten Bundestagswahl in Formen verlaufen ist, die im Hinblick auf ihre schwache Resonanz in der Weimarer Republik kaum denkbar gewesen wären, die plumpen Versuche politischer Instrumentalisierung spontanen und massiven Widerspruch ausgelöst haben, belegt die tief greifende Veränderung unserer heutigen politischen Kultur.

Das Problem der fehlenden Distanz hat die Zeitgeschichte seit ihren Anfängen begleitet. Hans Rothfels definierte sie in seinem programmatischen Aufsatz von 1953 in einer doppelten Dimension als Zeitphase und spezifischen Inhalt: als Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung sowie als "ein Zeitalter krisenhafter Erschütterung und einer eben darin sehr wesentlich begründeten universalen Konstellation". Gerade angesichts der emotionsgeladenen Nähe und Betroffenheit forderte er nachdrücklich "größtmögliche Objektivität im Erfassen der Tatsachen . . ., aber keineswegs Neutralität gegenüber Traditionen und Prinzipien europäischer Gesittung" [13].

Die spezifische Zeitgebundenheit dieser Definition ist uns seit langem bewusst, und sie erscheint heute insbesondere hinsichtlich der Eingrenzung auf den Zeitraum nur bis 1945 unhaltbar. Zeitgeschichte als "historia sui temporis" muss per definitionem gleitende zeitliche Zäsuren haben. Das umschließt zwar mehrere Generationen, erlaubt aber nicht dauerhaft einen inhaltlich begründeten Fixpunkt - wie etwa den von 1917 - festzulegen. Eberhard Jäckel, Reinhard Koselleck, Anselm Doering-Manteuffel, Hans Günter Hockerts und viele andere haben diese Feststellung in ihre Überlegungen einbezogen.[14]

Inhaltlich war und blieb deutsche Zeitgeschichte trotz der seit 1990 überschäumenden Konjunktur der DDR-Forschung schwerpunktmäßig und in den großen Kontroversen auf den Nationalsozialismus ausgerichtet. Das hat gute Gründe, denn die zwölf Jahre des "Tausendjährigen Reiches" waren weit mehr als nur deutsche Geschichte, sie waren auch eine der wichtigsten und schlimmsten Phasen der europäischen, ja der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. In dieser Relation erscheint die DDR tatsächlich nur als eine Fußnote, wie Stefan Heym nach der "Wende" ironisch fragend angemerkt hat.

Die unübersehbare Fixierung auf die deutsche Geschichte hat nach dem Ende des Ost-West-Konflikts aber auch zu berechtigten Einwänden geführt, ob dadurch nicht ganz andere und möglicherweise wichtigere Themen wie die Entkolonialisierung, das Wiederaufleben alter Konfliktlinien des 19. Jahrhunderts oder die Geschichte der westeuropäischen Integration notorisch vernachlässigt worden seien - so Hans Peter Schwarz in seinen "Fragen an die Geschichte des 20. Jahrhunderts" [15] . Diese Warnung ist berechtigt. Dennoch besitzt die Perspektivengebundenheit von Zeithistorikern auch ihre politisch-geographische Legitimation. Zudem bleiben Nationalsozialismus und Stalinismus mit den Leichenbergen, die sie in Europa verursacht haben, besondere Herausforderungen an die Erklärungskraft von Zeitgeschichte.

Die starke Konzentration auf deutsche Geschichte hat noch einen anderen, auch politisch bedeutsamen Aspekt. Für die Erforschung der DDR-Geschichte lag anfangs die vorrangige Beschäftigung mit Tätern und Opfern der Diktatur nahe. Darüber hinaus aber steht heute die ganze deutsche Nachkriegsgeschichte zur Debatte. Ihr westdeutscher Teil gehört dazu. Wir wissen jetzt deutlicher als früher, wie eng beide Teile trotz staatlicher Trennung verflochten waren. Der wechselseitige Bezug war zu allen Zeiten asymmetrisch. Sowohl für die Machtelite wie für die Bevölkerung der DDR bildete die Bundesrepublik stets die Referenzgesellschaft, mit der man sich aggressiv auseinander setzte oder an der man sich insgeheim in seinen materiellen und politischen Wünschen zumindest partiell orientierte. Umgekehrt galt das in dieser Form nie. Trotz evidenter Asymmetrie sind aber auch bestimmte Prägungen der inneren Entwicklung und der politischen Kultur der "alten" Bundesrepublik ohne die Nachbarschaft der kommunistischen Diktatur jenseits der Grenze nicht zu verstehen. [16] Die spezifischen Formen und Blockaden der kritischen Auseinandersetzung mit der gemeinsamen NS-Vergangenheit gehören zu den signifikantesten Beispielen. Zahllose andere ließen sich nennen und bedürfen vielfach noch intensiverer Studien. Was hier für das geteilte Deutschland erkennbar ist, scheint mir für Europas "vergessene Hälfte", nämlich die ostmitteleuropäischen Länder, noch nicht einmal in Ansätzen erforscht zu sein.

Schon einige wenige Überlegungen dieser Art verweisen auf die Notwendigkeit der Selbstreflexion von Zeitgeschichte. Dieses Bedürfnis bildete den Ausgangspunkt für ein Forschungsprojekt und eine Konferenz zum Thema "Zeitgeschichte als Streitgeschichte" am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam, die beide auf die Meta-Ebene zeithistorischer Forschung, insbesondere auf das Verhältnis von Öffentlichkeit, politischer Kultur und Fachwissenschaft, zielen. Streit gab und gibt es auch in anderen historischen Teildisziplinen. So lagen sich 1964 die Reformations-Forscher darüber in den Haaren, ob - zugespitzt - Luther seine Thesen nicht an der Schlosskirche angeschlagen, sondern mit der Post verschickt habe. Dahinter standen allerdings grundsätzliche Fragen des überkommenen Lutherbildes, die durchaus das nationale Selbstverständnis berührten. [17] Der Antisemitismus-Streit zwischen Heinrich von Treitschke und Theodor Mommsen 1879 oder die kaum öffentlich in Frage gestellte Ablehnung der sog. "Kriegsschuldlüge" in der Weimarer Republik waren dagegen zeithistorische Kontroversen, die viel über die politische Kultur der Zeit aussagen. Der anhaltende "Kampf um Troja" zwischen den Althistorikern Kolb und Korffmann dürfte dagegen, auch wenn er heftig tobt, kaum existentielle Erschütterungen provozieren wie noch die "Fischer-Kontroverse" von 1961. Ist also Zeitgeschichte besonders prädestiniert für wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Streit?

Dies sicherlich, wenn man nicht in erster Linie die oft erbitterten Fachdebatten im engeren Sinne, sondern diejenigen betrachtet, die in der Öffentlichkeit eine besondere Resonanz fanden und daher Aufschlüsse geben über Geschichtsbewusstsein und politische Kultur. Ferner: Deutet die Zunahme zeitgeschichtlicher Debatten seit den sechziger Jahren auf ein wachsendes Gewicht der Fachdisziplin hin, oder hat diese umgekehrt in den letzten Jahren eher an Bedeutung eingebüßt? Wie viel aufklärerische Wirkung haben Kontroversen? In welchem Ausmaß bestimmen die "Historiker-Journalisten" (Hockerts), also die Profis in den Medien, die öffentliche Arena des Streits und drängen die akademische Zeitgeschichte in den Elfenbeinturm von Quellenfetischismus und Fußnotenseligkeit?

Die Diskussion um die DDR-Geschichtswissenschaft, der politische und historiographische Stellenwert der Chiffre "1968", aber auch die jüngste Kritik an den "versäumten Fragen" der etablierten Sozialhistoriker in der "alten" Bundesrepublik haben die Frage nach den Maßstäben der Fachwissenschaft neu gestellt und bislang keineswegs befriedigend beantwortet. Der Pulverdampf im Streit, wer DDR-Geschichte schreiben darf und soll, hat sich mittlerweile verzogen. Zeitgeschichte hat aber nach 1990 auch in anderen europäischen Ländern neue Aktualität erhalten. Der heftige Streit in Polen um Jedwabne und das polnisch-jüdische Verhältnis, die französischen Debatten um Vichy und den Algerienkrieg sowie schließlich diejenigen um "Gedächtnis, Geld und Gesetz in der Politik mit der Vergangenheit" in der Schweiz sind drei signifikante Beispiele. [18] Auch wenn damit die Frage nach der Möglichkeit einer europäischen Zeitgeschichte nicht explizit aufgeworfen wird, hat der kritische Umgang mit der Vergangenheit überall zunehmend an Gewicht und politischer Brisanz gewonnen. Die Intensität der deutschen Debatten scheint keineswegs mehr singulär.

Fußnoten

13.
Hans Rothfels, Die Aufgaben der Zeitgeschichte, in: VfZG, 1 (1953), S. 1-13.
14.
Vgl. die Nachweise bei Christoph Klessmann, Zeitgeschichte in Deutschland nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, Essen 1998, S. 53, Anm.
15.
Hans-Peter Schwarz, Fragen an das 20. Jahrhundert, in: VfZG, 48 (2000), S. 1-36.
16.
Vgl. Christoph Klessmann, Verflechtung und Abgrenzung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 29-30/93, S. 30-41.
17.
Vgl. Hartmut Lehmann (Hrsg.), Historikerkontroversen, Göttingen 2000, S. 11 f.
18.
Die Beispiele wurden auf der Konferenz des ZZF in Potsdam "Zeitgeschichte als Streitgeschichte" im Sommer 2002 behandelt. Die Veröffentlichung der Beiträge ist in Vorbereitung. Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch den Beitrag von Michael Gehler in diesem Heft.

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