Dossierbild Geschichte und Erinnerung

26.8.2008 | Von:
Edgar Wolfrum

Geschichte der Erinnerungskultur in der DDR und BRD

Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in der DDR

Während in der Bundesrepublik die Vergangenheits-
bewältigung ein ständiger und zwischen zahlreichen Gruppen umstrittener Prozess war, erklärte die SED, dass mit der "antifaschistisch-demokratischen Umwälzung" 1945-1949 der Nationalsozialismus mit Stumpf und Stil "ausgerottet" worden sei. Weitere Debatten über Schuld und Verantwortung erübrigten sich. Die DDR lehnte jegliche Haftungspflichten für die Vergangenheit ab. Hitler, so konnte man meinen, sei ein Westdeutscher gewesen.

Im Gründungsmythos der DDR hatten deutsche Antifaschisten an der Seite der Sowjetunion die Hitler-Diktatur besiegt und dann das neue Deutschland geschaffen. Die großen Nazis wurden abgeurteilt, die mittleren und kleineren "domestizierte" die SED in der eigens dafür geschaffenen national-
demokratischen Blockpartei. Der Antifaschismus war Staatsdoktrin und außenpolitisch die unangreifbare Existenzberechtigung der DDR – quasi ihr Alleinvertretungsanspruch.

Da jedoch die allerwenigsten DDR-Bürger Widerstandskämpfer gewesen waren, musste über Rituale, Denkmäler, Schule und Künste dieser Antifaschismus in das kollektive Gedächtnis eingepflanzt werden. Daraus erklärt sich, dass die DDR flächendeckend mit Denkmälern und Erinnerungstafeln übersät war. Und das ehemalige KZ Buchenwald machte die SED mit enormem Aufwand zum Gedächtnisort des heroischen kommunistischen Widerstands gegen das "Dritte Reich". Sie erkor es zum "roten Olymp".

Es wäre freilich zu kurz gegriffen, den DDR-Antifaschismus nur als von oben "verordnet" zu bezeichnen. Bei vielen DDR-Bürgern bildeten sich antifaschistische Einstellungen aus und hielten sich bis zum Untergang des zweiten deutschen Staates, teils darüber hinaus. Allerdings wurde der Nationalsozialismus über die Kategorie "Faschismus" gleichsam universalisiert – mit fatalen Folgen.

Der Nationalsozialismus unterschied sich bekanntlich von allen anderen faschistischen Bewegungen dadurch, dass er den überall vorhandenen Antisemitismus mit der Konsequenz der absoluten Vernichtung betrieben hatte. Doch genau diesen Wesenskern verschwieg die ostdeutsche Erinnerung, da der Holocaust nicht in das Klassenschema passte. In der Auflösungsphase der DDR kam plötzlich ein pragmatischer Zug in die Erinnerung an den Nationalsozialismus.

Erich Honecker strebte danach, die internationale Anerkennung der DDR mit einem Besuch in Washington zu krönen und war – dies verlangten die USA dafür – 1988 bereit, jüdische Opfer zu entschädigen. Die DDR stieg somit am Vorabend ihres Untergangs vom hohen Ross des "Siegers der Geschichte" herab und wurde, was die Bundesrepublik immer war: ein Nachfolgestaat des "Dritten Reiches".

Gesamtdeutsche und europäische Erinnerungskultur – Wo stehen wir heute?

Die wichtigsten neuen Konstellationen seit dem Ende des Ost-West-Konflikts lassen sich in zehn Punkten skizzieren:
  1. Alle Vergangenheitsdebatten werden mittlerweile von Normierungen begleitet. Dies gilt für die nationale Ebene – hier sichtbar im jüngst verabschiedeten bundesdeutschen Gedenkstättenkonzept. Es trifft jedoch auch für die europäische Ebene zu, was die Stockholmer Holocaust-
    Konferenz im Jahr 2000 verdeutlichte, die als Geburtsstunde eines offiziellen europäischen Gedächtnisses gilt und den Beginn transnationaler Kooperation im Bereich der Holocaust-Erinnerung markiert.
  2. Als eine Folge der doppelten Vergangenheitsbewältigung, also des Umgangs mit der braunen wie mit der roten Diktatur, gelangt die Totalitarismustheorie zu neuen Ehren und zwar in Deutschland wie in ganz Europa, wobei ein Gefälle sichtbar wird: Während im Westen des Kontinents der Nationalsozialismus wie bisher als größte Katastrophe betrachtet wird, erscheint dieser im Osten gegenüber dem Kommunismus als die (zum Teil) weitaus kleinere.
  3. Welche Themen auf die erinnerungspolitische Agenda gelangen, hängt stark mit den Massenmedien zusammen. Man kann formulieren: Erinnert wird, was massenmedial präsentabel ist.
  4. Die NS-Vergangenheit bleibt in Deutschland als negatives Bezugsereignis der Dreh- und Angelpunkt (siehe das Holocaust-Mahnmal in Berlin). Sie gerät indessen unter dem Druck der erinnerungspolitischen Globalisierung zu einem politischen Argument für Menschenrechtspolitik. Die Chiffre "Auschwitz" wird zu einem Passepartout für militärische Interventionen – man sah dies im Jugoslawienkrieg. Da es in den Kriegen auf dem Balkan offenbar um die Verhinderung eines Völkermordes bzw. eines "zweiten Auschwitz" ging, konnte Außenminister Joschka Fischer selbst seine pazifistische grüne Partei mehrheitlich dazu bringen, deutschen Militäreinsätzen zuzustimmen.
  5. War die deutsche Politik der Wiedergutmachung für NS-Verfolgte in Zeiten des Ost-West-Konflikts eine "halbierte" Politik, weil sie den Osten ausklammerte, so wurde infolge der Epochenwende diese halbierte Vergangenheitspolitik mit der Zwangsarbeiterentschädigung 2000 endlich bereinigt.
  6. Zum Teil dramatisch verschoben hat sich die Debatte um die Opfer: Dass Deutsche auch Opfer des von ihnen selbst entfesselten Zweiten Weltkriegs waren, wird heute nicht mehr bestritten. Deutsches Schuldbewusstsein behindert nicht mehr die Vergegenwärtigung eigener traumatischer Erfahrung von Flucht und Vertreibung oder Bombenkrieg. Wichtiger aber noch scheint, dass die Opfer des Kommunismus die hegemoniale Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus sprengen und auch auf den Feldern von Wiedergutmachung und Entschädigung in Konkurrenz zu diesen stehen.
  7. Das vereinigte Deutschland stieg spätestens im Jahr 2005 zu einer Art retrospektiven Siegermacht des Zweiten Weltkrieges auf. Bei den Feiern anlässlich des 60. Jahrestages des "D-Days" und damit des Sieges über Hitlers "Drittes Reich" mussten sich der deutsche Kanzler Gerhard Schröder und seine Delegation nicht mehr verstecken. Die geglückte deutsche Demokratie wurde durch die Regierungspräsenz im Kreis der ehemaligen Alliierten geadelt.
  8. In Deutschland selbst ist – nicht zuletzt als Folge des Generationenwechsels – der vormals bezweifelte Patriotismus oder gar der "negative Patriotismus" überwunden, stattdessen macht sich Identitätssicherheit und ein "fröhlicher Patriotismus" der Deutschen breit, der andere Vater- und Mutterländer einschließt. Insofern war das "Sommermärchen" der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006 kein Strohfeuer, sondern ein Symptom des Wandels.
  9. Auch auf dem Feld der Vergangenheitsbewältigung, ihren Formen, Inhalten und Erfordernissen ist Deutschland zu einem Exportweltmeister geworden. An dieser "DIN-Norm" reiben sich jedoch einige Länder, die eigene Wege gehen möchten und nicht einsehen wollen, warum die Deutschen immer die "Besten" sein müssen: Erst verüben sie die größten Verbrechen – was mit Blick auf den Holocaust und den NS-Vernichtungskrieg zutrifft; dann verarbeiten sie diese mit der besten Vergangenheitsbewältigung, - was man im Rückblick von 60 Jahren trotz Rückschlägen und Skandalen durchaus behaupten kann.
  10. Anders als die NS-Herrschaft hat die SED-Herrschaft in der politischen Kultur des gegenwärtigen Deutschland noch keinen festen historischen Ort, keine klare gesamtgesellschaftliche Aneignung gefunden, sondern bleibt umkämpft und erfahrungsgeschichtlich gespalten. Der Untergang der DDR hat nicht dieselbe konstitutive Bedeutung wie die Befreiung vom Nationalsozialismus – aber die Rückwirkungen des Kollaps´ des Kommunismus auf die politische Kultur Europas und Deutschlands könnten sich in längerer Perspektive als wirkungsmächtiger erweisen, als wir dies heute glauben. Mit Blick auf Nationalsozialismus und Kommunismus bestehen Ungleichgewichte und Spaltungen zwischen West- und Ostdeutschland – somit kann man von einer geteilten deutschen Geschichtskultur sprechen. Diese Spaltungen sind ihrerseits wiederum der gesamteuropäischen Erinnerungslandschaft geschuldet, auf die sie verweisen.


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