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Dossierbild Geschichte und Erinnerung

26.8.2008 | Von:
Harald Welzer

"Unser Papa war in Stalingrad."

Wie die Deutschen sich an das "Dritte Reich" und den Krieg erinnern

Familiengeschichten und Geschichtswissen

Die Wahrheitskriterien für Familiengeschichten sind andere als in der Wissenschaft oder vor Gericht - hier geht es um Übereinstimmung in den Gefühlen und Bewertungen, die Geschichten hervorrufen, nicht darum, ob sie historischer Überprüfung standhalten würden. Deshalb sind sie weniger an Plausibilität, Logik und Vollständigkeit orientiert, als an Spannung, Emotionalität und Plastizität. Daraus beziehen sie auch ihre situative Überzeugungskraft, und es sind eben oftmals gerade die unplausiblen, ganz und gar widersprüchlichen, aber emotional bedeutsamen Geschichten, die Wirksamkeit im Sinne von Tradierung entfalten: weil sich jeder der Zuhörer den Reim auf sie machen kann, der für ihn am besten sicherstellt, es hier mit einer sinnhaften Darstellung der Vergangenheit zu tun zu haben. Und die Kriterien für diese Sinnhaftigkeit sind, zumal für die Familienmitglieder selbst, daran orientiert, dass eine "gute Geschichte" dabei herauskommt.

Deshalb werden in Familien ganz andere Geschichten und Versionen über die Vergangenheit des "Dritten Reiches" erzählt als im Geschichtsunterricht. Es ist dann die Aufgabe der jüngeren Zuhörerinnen und Zuhörer, also der Enkel- und Urenkelgeneration der Zeitzeugen, die kleinen persönlichen Geschichten mit der großen Schreckensgeschichte der nationalsozialistischen Vergangenheit in Einklang zu bringen. Das stellt eine schwierige Aufgabe dar, die sich nur lösen lässt, wenn man den eigenen Opas und Omas in diesem historischen Universum des Schreckens die Rolle derjenigen zuweist, die auch unter schwierigen Umständen die Fahne der Menschlichkeit hochgehalten, Verfolgten geholfen und Zivilcourage gezeigt haben. Deshalb fand sich bei zwei Dritteln der von uns befragten Familien ein ausgeprägte Tendenz bei den Angehörigen der jüngeren Generationen, über ihre Angehörigen gute Geschichten aus böser Zeit zu erzählen: Geschichten über das Dagegensein, das Mundaufmachen, Geschichten aber auch über alltägliches Heldentum, das bis zum Erschießen sadistischer Offiziere und Verstecken jüdischer Häftlinge reicht.

Ist das schon bemerkenswert genug, erschien uns noch interessanter, dass derlei gute Geschichten gar nicht aus den Erzählungen der Zeitzeugen selbst kamen, sondern eine eigenständige Leistung der Enkel (und z.T. schon der Kinder) darstellten, die die gehörten Geschichten in Richtung ihrer eigenen Sinnbedürfnisse umkonstruierten.

Erinnern in der zweiten und dritten Generation

Welche Schlüsse lassen sich aus dieser deutlichen Tendenz im intergenerationellen Weitergabeprozess ziehen? Zunächst der, dass eine Aufklärung, die ein umfassendes Geschichtswissen über die Verbrechen des Nationalsozialismus etabliert, paradoxerweise das Bedürfnis hervorruft, die eigenen Angehörigen von diesem Wissen auszunehmen. Das ist allerdings nicht nur negativ zu bewerten, denn immerhin lässt sich ja aus den umgedichteten Geschichten von Heldentum, Widerstand und Zivilcourage der Großeltern die vielleicht praktisch wirksame Alltagstheorie ableiten, dass individueller Widerstand auch in totalitären Zusammenhängen möglich und sinnvoll ist, dass es also auf die Verantwortung des Einzelnen ankommt.

Insofern mögen die Geschichten von den widerständigen Großeltern und Urgroßeltern unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt ein Beispiel dafür geben, sich selbst couragiert zu verhalten, wenn nahe Menschen bedroht oder verfolgt werden. Daneben ist deutlich, dass die Enkelinnen und Enkel mehrheitlich das Leitbild anti-nationalsozialistisch eingestellter Personen favorisieren - lediglich vier der von uns befragten 44 Enkelinnen und Enkel lassen Bewunderung und deutliche Affirmation den "Nazis" gegenüber erkennen.

Um die Verallgemeinerbarkeit unserer Befunde sicherstellen zu können, haben wir nach Abschluss unserer Interviewstudie eine Repräsentativbefragung in Auftrag gegeben, die im Juni 2002 vom Bielefelder emnid-Institut durchgeführt wurde. Hier konnte geprüft werden, wie die Befragten die Rolle, die Einstellung und das Verhalten ihrer eigenen Angehörigen im "Dritten Reich" sehen. Wir haben einerseits danach gefragt, wie die Eltern oder Großeltern nach Auffassung der Befragten dem Nationalsozialismus gegenüber eingestellt waren. Zum anderen wurde nach einzelnen Einstellungs- und Handlungsmustern der Angehörigen gefragt - mmer aus Sicht der Befragten natürlich.

Die Ergebnisse waren noch frappierender als in der Interviewstudie: Etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung ist der Auffassung, ihre Angehörigen hätten dem Nationalsozialismus negativ oder sogar sehr negativ gegenübergestanden; ganze 4% glauben, ihre Haltung sei "eher positiv" gewesen, und nur 2% denken, ihre Angehörigen hätten eine "sehr positive" Haltung gehabt. Bei Befragten mit Abitur bzw. Hochschulabschluss fallen diese Werte noch deutlicher aus - hier schreiben 56% ihren Angehörigen negative Einstellungen dem Nationalsozialismus gegenüber zu.

Eine andere Frage richtete sich auf Einstellungen, Erlebnisse und Handlungen der Eltern bzw. Großeltern, die den Befragten aus Gesprächen in der Familie bekannt sind. Hierzu meinen lediglich 3% der Befragten, ihre Angehörigen seien "antijüdisch gewesen", und nur 1% hält es für möglich, dass diese "an Verbrechen direkt beteiligt gewesen" seien. 26% der Befragten sind der Überzeugung, ihre Angehörigen hätten "Verfolgten geholfen" und 35% hätten "nach Möglichkeit nirgendwo mitgemacht". Demgegenüber glauben 65% der Befragten, dass ihre Eltern bzw. Großeltern "viel im Krieg erlitten hätten", und 63% geben an, ihre Angehörigen hätten im "Dritten Reich" "Gemeinschaft erlebt".

Auch diese Ergebnisse fallen zum Teil noch deutlicher aus, wenn die Befragten über Abitur bzw. Hochschulabschluss verfügen: von diesen Personen sind sogar 30% der Meinung, dass ihre Angehörigen "Verfolgten geholfen" haben, und 71% sind der Überzeugung, die Eltern und Großeltern hätten "im Krieg viel erlitten".

Diese Ergebnisse der Repräsentativbefragung werfen ein klares Licht darauf, dass in der Gesamtbevölkerung weit überwiegend die Auffassung vorherrscht, dass eigene Familienangehörige keine Nazis waren; Antisemiten und Tatbeteiligte scheinen in deutschen Familien praktisch inexistent gewesen zu sein. Der Umstand, dass einige der unterstellten Erlebnisse, Handlungen und Einstellungen mit einem hohen Bildungsniveau korrelieren, unterstreicht den Befund unserer qualitativen Studien, dass die Aufklärung über die NS-Verbrechen und den Holocaust den paradoxen Effekt mit sich bringt, dass man dazu neigt, die eigenen Eltern und Großeltern zu Regimegegnern, Helfern und alltäglichen oder sogar expliziten Widerständlern zu machen.

Das Ergebnis , dass zwei Drittel aller repräsentativ Befragten das Leid der eigenen Angehörigen im Krieg betonen, belegt den Befund, dass in der Bundesrepublik die offizielle Gedenkkultur und das private Erinnern extrem unterschiedlich ausfallen. Wer auch immer schuld am Holocaust war, wer auch immer die Verbrechen im Vernichtungskrieg, im Zwangsarbeitssystem und in den Lagern begangen hat - eines scheint für fast alle Bundesbürgerinnen und Bundesbürger klar: Mein Opa war kein Nazi!


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