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Dossierbild Geschichte und Erinnerung

25.10.2005 | Von:
Peter Reichel

"Onkel Hitler und Familie Speer" - die NS-Führung privat

Frühe Hitler-Bilder

Bislang hat jede Generation der Nachkriegszeit genau das Bild Hitlers entworfen, das sie benötigte. Die Gesellschaft, die den Diktator hervorbrachte, über sich herrschen ließ, und die ihm in einen Völkervernichtungskrieg gefolgt war, konnte diese Schande nach 1945 nur ertragen, indem sie Hitler dämonisierte und sich selbst zum verführten und missbrauchten Opfer stilisierte. Dabei leugnete sie, von rechtsextremen Randgruppen abgesehen, die Verbrechen nicht, aber sie verdrängte ihre hoffnungsvolle oder gar gläubige Hitler-Gefolgschaft. Den einfachen Weltkriegssoldaten und gescheiterten Künstler Adolf Hitler, der ihr Heilsbringer und Hoffnungsträger geworden war, der sie von ihrem Versailler Trauma befreit hatte und als "Herrenvolk" auferstehen ließ - ihn machte die Nachkriegsgesellschaft zum Bösen schlechthin. Deutschlands damals prominentester Sprecher, der Philosoph Karl Jaspers, sprach von den Teufeln, die "auf uns eingehauen und uns mitgerissen" haben, "in eine Verwirrung, daß uns Sehen und Hören verging." Die Deutschen, so konnte man oft hören, seien mit "Terror und Massenhypnose" überwältigt, "die ersten Opfer der Barbareninvasion" (Wilhelm Röpke) geworden.[3] Historisch-strukturelle Ursachen wurden "wegerzählt". Damit verschafften sich die Bundesbürger, was sie zum Neuanfang dringend brauchten: Abstand von der Vergangenheit und ein halbwegs gutes Gewissen. Hitler wurde als eine übergeschichtliche Katastrophe gedeutet, die sprichwörtliche, aus den so genannten Sekundärtugenden herrührende "deutsche Tüchtigkeit" als durch ihn zwar missbraucht, aber nicht eigentlich diskreditiert angesehen. Das "Wirtschaftswunder", der Wiederaufstieg aus eigener Kraft und dem - wiederum sprichwörtlichen - Glück des Tüchtigen, ließ so den positiven Gründungsmythos der Bundesrepublik umso heller erstrahlen.

Dabei hätten die Deutschen schon damals mehr über Hitler und sich selbst wissen können, wenn sie es denn gewollt und verkraftet hätten. Nicht zuletzt durch Konrad Heidens heute fast vergessene zweibändige Biografie.[4] Sie erschien bereits Mitte der dreißiger Jahre in Zürich, verzichtet auf eine Dämonisierung ebenso wie auf eine Bagatellisierung Hitlers, beschreibt, theoretisch reflektiert, dessen Lebens- und Aufstiegsgeschichte als Führer einer Massen-Protestbewegung und verknüpft sie schlüssig mit dem Kontext des latenten Bürgerkriegs der Weimarer Republik.

Inzwischen liegen zahlreiche weitere Hitler-Biografien vor, darunter die der britischen Historiker Alan Bullock und Ian Kershaw.[5] Marksteine in der Hitler-Literatur setzten auch Sebastian Haffners Hitler-Essay und die Biografie von Joachim Fest.[6] Hitlers Lebensgeschichte wird darin in die Entwicklung der Gesellschaft eingebettet und so zugleich ein "Stück Biografie der Epoche" geschrieben. Neu und wegweisend an dieser Darstellung war, dass sie das antimoderne-moderne Doppelgesicht des "Dritten Reiches" herausstellte und die hohe Bedeutung der Ästhetisierung der Politik für dieses Regime. Diese Sicht ist immer noch nicht Teil des allgemeinen Geschichtsbildes. Dabei liegt gerade darin der Wesenskern des Nationalsozialismus. Ohne ihn sind weder die immer wieder erstaunliche gesellschaftliche Integrationsleistung und Mobilisierungsfähigkeit der Hitler-Diktatur noch die Ausgrenzung, Verfolgung und schließlich die Ermordung von Millionen Menschen zu verstehen.

Onkel Hitler, Speer und Familie

In Heinrich Breloers vierteiligem Fernsehfilm Speer und Er spielen die Kinder von Albert Speer eine tragende Rolle. Oder besser: Sie hätten sie spielen können. Doch die Selbstdarstellungslust des Regisseurs ist zu groß, mag sie auch mal didaktisch, mal detektivisch motiviert sein. Schmerzlich vermisst man Eberhard Fechners asketisch-disziplinierte Kunst, zuzuhören und den verbalen Stoff visuell zu verdichten, seine Fähigkeit, alle Aufmerksamkeit auf die befragten Personen zu konzentrieren, wie in seinem Film über den Majdanek-Prozess (Der Prozeß, 1984). Fechner bleibt darin unsichtbar und unhörbar. Ohne Kommentar, nur durch die Montage von Rede und Gegenrede der unterschiedlich betroffenen Personen entsteht etwas Außerordentliches: ein fiktives Gruppengespräch zwischen Tätern und Opfern, Anklägern, Verteidigern und Richtern - ein Generationenporträt.

Breloer will mit seinem Film über Speer und Hitler mehr - und scheitert daran. Er soll alles zugleich sein: ein Interviewfilm, eine - allerdings viel zu späte - Befragung von Angehörigen einer Person der Zeitgeschichte, die sich, zumal unter dem Eindruck des später über ihren Vater Gesagten und Geschriebenen, nicht mehr genau oder gar nicht an ihre Wahrnehmungen als Kinder erinnern können oder wollen; eine Montage aus älteren Filmen und Fotografien, und schließlich auch noch ein fiktives Historiendrama, das vergangenes Geschehen an authentischen Orten nachspielen lässt: Hitler und Speer in der Reichskanzlei, im Idyll des Berghofes, Speer in Nürnberg, mal auf dem Reichsparteitagsgelände, mal vor dem Militärtribunal, Speer mit seinen Helfern und mit seinen Kindern.

Sind sie also die eigentlichen Helden des Films? Bringen sie uns den Vater, der ihnen fremd ist und bleibt, menschlich näher, wenn sie etwa mit dem prominenten Hauptkriegsverbrecher bei ihren Besuchen im Spandauer Gefängnis zusammentreffen? Eine kurze, für das Kind quälend lange Besuchsszene zeigt Albert jr., der dem Vater nichts zu sagen weiß, während jener ihn mit gut gemeinten Ratschlägen traktiert. Glaubt der Vater, mit seiner Fernerziehung etwas ausrichten zu können? Ahnt er, dass dies vergeblich ist? Leidet er darunter? Erinnert er sich an die eigene Kindheit, das schwierige Verhältnis zu seinem Vater? Müssen wir erfahren, dass Albert Speer jr., heute siebzigjährig und ein international renommierter Städteplaner, auf den Abschied vom Obersalzberg, wo sich die Speer-Kinder zeitweilig in quasifamiliärer Nähe zu Hitler aufhielten, mit erheblichen Sprechstörungen reagierte und der jüngere Bruder jede Kindheitserinnerung gelöscht hat? Muss der in Bildern und Worten schwelgende Regisseur uns wirklich dazu erklären: "Das waren ja alles die guten Onkel vom Berghof, die nun auf Giftkapseln bissen oder aufgehängt wurden, von denen man jetzt schreckliche Geschichten erfuhr." Warum verweigern sich die offensichtlich immer wieder irritierten, auch in Verlegenheit geratenen Speer-Kinder diesem indiskreten, aufdringlichen, besserwisserischen Befrager nicht?[7] Breloer geriert sich als ein Anwalt des legitimen öffentlichen Interesses an Albert Speer sen., einer Person der Zeitgeschichte. Aber er ist ohne Gespür für die Grenze, hinter der die schützenswerte Privat- und Intimsphäre der Angehörigen beginnt und die Befragung sich in Talkshow-Geschwätzigkeit verliert.

Breloers Speer und Er will alles erfragen, sagen und zeigen. Der Film überwältigt und vermag deshalb nicht zu überzeugen. Sein Umgang mit der Geschichte ist nicht reflexiv, sondern suggestiv. Denn er befragt die Kinder Speers nicht nur über ihre Erinnerungen, er kommentiert sie auch, ja, er belehrt sie, wenn es ihm in den Sinn kommt. Zudem lässt er vieles nachspielen und nicht wenige der fiktiven Szenen auch noch wiederholen. Daraus spricht kein großes Vertrauen in den Zuschauer, kein Gespür für dessen Imaginationsvermögen, keine Toleranz gegenüber dessen Wunsch nach Pausen, nach Konzentration und Möglichkeit zu eigenem, einfühlenden Verstehen.

So bleibt die Frage, ob wir etwas Neues von der Hauptfigur in diesem Gerichts- und Gefängnisdrama erfahren? Breloer interessiert sich, der Speer-Biografie von Joachim Fest folgend, zunächst für die libidinöse Beziehung zwischen den beiden ungleichen Architekten aus Leidenschaft.[8] Speer spielte darin die "weibliche Rolle". Er sollte "austragen", was Hitler "inspirierte". Immer wieder werden beide mit den Modellbauten gezeigt. Im Zentrum steht indes das moralische Individuum Albert Speer, der Rüstungsminister und Ausbeuter von Millionen Zwangsarbeitern, der Nürnberger Angeklagte und Spandauer Häftling.

Die Feuilletons haben den Film zu einem Ereignis hochgejubelt, das "uns verändern wird" und unser Geschichtsbild sowieso.[9] Tut es das? Seit Jahrzehnten gilt dem schillernden Erfolgsmenschen Speer ein lebhaftes und kontroverses öffentliches Interesse. Es liegen mehrere Biografien vor, die seine Kariere nachzeichnen. Spätestens seit der Untersuchung von Gitta Sereny wissen wir über Speers Leben und sein verwinkeltes "Ringen mit der Wahrheit" im Detail Bescheid. Jahrelang hatte er erklärt, von der Judenvernichtung erst in Nürnberg erfahren zu haben. Am Ende seiner intensiven Befragung durch die englische Journalistin gestand er, dort nicht die volle Wahrheit gesagt zu haben. Seine Hauptschuld sah er in der "Billigung der Judenverfolgung". Darunter verstand er "Wegsehen" ohne "Kenntnis der Durchführung".[10] Speers eigentümlich redefreudig-verschwiegener Bekennermut und seine öffentliche Selbstprüfung haben ihm bei seinen Landsleuten Sympathie und Bestsellererfolge eingetragen. Es spricht nicht für den kritischen Blick von Breloer, dass er dafür Joachim Fest als Zeugen aufruft. Und es spricht nicht für die Redlichkeit des Speer-Lektors und Speer-Biographen, dass dieser sich heute über den unlauteren Speer beklagt, an dessen vorteilhaft manipuliertem Bild und Aufstieg zum Bestsellerautor er nach Kräften mitgewirkt hat.[11] Bei den Überlebenden von Auschwitz fand fand Speer weniger Zustimmung. Zum Erscheinen der Spandauer Tagebücher schrieb Jean Améry: "Es scheint mir, als habe keiner der einstigen Mittäter das moralische Recht, mit ergreifenden Expektorationen an die Öffentlichkeit zu treten. Sühne und Umkehr werden würdig nur in Einsamkeit vollzogen: ohne Geste an der Rampe."[12] Man hätte sich gewünscht, dass Breloer seine theatralische Bildergeschichte gebändigt und einen Blick über Speer hinausgetan hätte. Gewiss, das Rätsel Speer liegt zum Teil in seiner Person. Und den Schlüssel zu dieser hat uns Speers Architekturprofessor Heinrich Tessenow schon früh in die Hand gegeben, als er dessen gigantomanische Baupläne kommentierte: "Es macht Eindruck, das ist alles."[13] Das, so scheint es, gilt für Speers Leben allgemein. Er verstand es, Eindruck auf andere zu machen, und das in sehr unterschiedlichen Situationen: erst auf Hitler, dann auf die alliierten Richter und schließlich auf die deutsche Nachkriegsgesellschaft.

Sehr viel mehr aber liegt der Schlüssel zum "Rätsel Speer" bei seiner politischen Generation, den zwischen etwa 1900 und 1910 geborenen Weltkriegskindern, ihrer nationalistischen Gläubigkeit und gefühlsmäßigen Ablehnung der Weimarer Republik. Albert Speer war einer von jenen zahlreichen, idealistisch gesinnten Ingenieuren, Wissenschaftlern, Ärzten, Juristen und Offizieren, die sich, zumeist aus gutbürgerlichem Hause stammend, ganz der deutschen Sache verschrieben hatten - und der modernen Sachlichkeit. Enthusiastisch vorbehaltlos stellte sich diese technokratische Elite dem Hitler-Regime zur Verfügung: ein Bündnis der nationalen Erneuerung. Speers Erfolgskarriere und seine Schuld sind ohne das politische Verhalten dieser Generation nicht zu verstehen.

Fußnoten

3.
Karl Jaspers, Hoffnung und Sorge. Schriften zur deutschen Politik 1945 - 1965, München 1965, S. 32 (das Röpke-Zitat: S. 125).
4.
Konrad Heiden, Adolf Hitler. Eine Biographie, Zürich 1936 (Bd. I: Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit; Bd. II: Ein Mann gegen Europa).
5.
Zur Hitlerforschung vgl. Wolfgang Wippermann (Hrsg.), Kontroversen um Hitler, Frankfurt/M. 1986.
6.
Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler, München 1978; Joachim Fest, Hitler. Eine Biographie, Frankfurt/M. u.a. 1973.
7.
Vgl. Er sah die Zukunft durch einen Triumphbogen. Unter dem frischen Eindruck von "Speer und Er": Albert Speer und Heinrich Breloer im Gespräch, in: FAZ vom 10.5. 2005.
8.
Joachim Fest, Speer. Eine Biographie, Berlin 1999; vgl. dazu Peter Reichel, Der Lieblingstäter, in: Berliner Zeitung vom 12.10. 1999.
9.
So Frank Schirrmacher, Der Engel fährt zur Hölle, in: FAZ vom 18.3. 2005; ders., Filme, die Geschichte machen, in: FAZ vom 22.6. 2004. Kritische Stimmen blieben selten; vgl. etwa Wolfgang Benz, Zu viel versprochen. Breloer hat Speers Mythos nicht entzaubert, in: SZ vom 17.5. 2005; Sybille Simon-Zülch, Auch nur ein Mensch: "Speer und Er", in: epd medien, (2005) 39.
10.
Gitta Sereny, Das Ringen mit der Wahrheit. Albert Speer und das deutsche Trauma, München 1995, S. 817.
11.
Vgl. dazu das Interview: Albert Speer hat uns angelogen - und mehr verraten, als er musste, in: FAZ vom 25.5. 2005.
12.
Jean Améry in einem Offenen Brief an Herrn Ex-Minister Albert Speer, c/o Propyläen Verlag, Berlin, in: Frankfurter Rundschau vom 14.10. 1975.
13.
Zit. nach J. Fest (Anm. 8), S. 50.

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