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Dossierbild Geschichte und Erinnerung

25.10.2005 | Von:
Peter Reichel

"Onkel Hitler und Familie Speer" - die NS-Führung privat

Gewalt und schöner Schein

Ob Hitler, wie in der frühen Nachkriegszeit, als einer der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte dämonisiert wurde, oder ob er, wie in den gegenwärtigen Filmen, als Privatperson gezeigt wird - es gelingt uns offenbar weiterhin nicht oder nur schwer, diesen "Niemand aus Wien" als eine historisch-politische Figur zu begreifen.[18] Er war ein ungewöhnlich populärer Sprecher seiner Zeit, der dies aber doch nur werden und eine Zeit lang sein konnte, weil ihn große Teile der damals lebenden Deutschen dazu gemacht haben, bis in die frühen Kriegsjahre hinein in wachsender Zahl. Der neue Film-Hitler ist ein Führer, dem sein Volk weitgehend abhanden gekommen ist, der aber auch von seinem exorbitanten Zerstörungswerk getrennt wird, das er uns hinterlassen hat, und das uns immer wieder mit diesen Fragen konfrontiert: Wie war dies möglich und warum konnte Hitler nicht verhindert werden?[19] Dabei verspricht uns Der Untergang, zu erklären, "was das Dritte Reich` möglich machte". Aber er kann es nicht, denn er produziert lediglich spektakuläre Bilder von den letzten Tagen im "Führerbunker". Wer aber vom Untergang des "Dritten Reiches" spricht, darf von der Architektur des Untergangs nicht schweigen. So heißt nicht zufällig einer der besten Filme über die Zeit des Nationalsozialismus. Peter Cohen (Stockholm) hat ihn 1989 gedreht und das Wesentliche des Nationalsozialismus thematisiert: das konstitutive Verhältnis von Schönheitskult und Barbarei, von Gewalt und schönem Schein.[20] Der viel gelobte Bruno Ganz spielt darin übrigens - ohne gequetschte Stimme - als Sprecher aus dem Off eine sehr viel überzeugendere Rolle. Man hätte sich gewünscht, dass die Programmkinos, die sich mancherorts weigerten, den Untergang zu zeigen, Cohens Film als Alternative angeboten hätten. Aber er ist wohl nur noch wenigen bekannt.

Die Herrschaftslogik des "Dritten Reiches", die auf der Erzeugung einer schönen Scheinwirklichkeit und der Entfesselung von Gewalt beruhte, wird in Der Untergang nur in ihrer letzten, selbstzerstörerischen Konsequenz ins Bild gebracht. Aber die gewalttätigen und ästhetisierenden Züge im Doppelgesicht des "Dritten Reiches" kommen nicht von ungefähr, sondern aus der nationalsozialistischen Weltanschauung und Rassenlehre selbst. Diese verlangte nach Veranschaulichung, ob im Bild des "nordischen Menschen" oder der ethnisch homogenen "arischen Volksgemeinschaft", im Volkskörper, in der Volksgesundheit. Sie war eine sich im Bilde darstellende Ideologie mit einer scharfen, visuell fixierten Wir-Ihr-Trennung zwischen den "Hochwertigen" und den "Minderwertigen", den deutschen "Volksgenossen" und den "Fremdvölkischen", den "Gesunden" und den "Kranken".

Aber auch das Herrschaftssystem selbst war auf Visualisierung angewiesen. Der Unrechtsstaat konnte sich nicht allein auf die Mittel seiner terroristischen Ordnungsstiftung und militärischen Zerstörungsmacht stützen. Wollte er nicht nur Angst und Schrecken verbreiten, sondern breite Akzeptanz gewinnen, war er deshalb zugleich zur permanenten Produktion von schönem Schein und symbolischer Gratifikation gezwungen. Die ästhetisierende Überformung der Weimarer Klassengesellschaft im Leitbild der "Volksgemeinschaft" konnte den Eindruck erwecken, der NS-Staat würde die soziale Frage lösen, ohne Bürgerkrieg und ohne die verhassten Parteien. Die politisch-religiöse Mystifizierung der Macht des Diktators, die architektonische Monumentalisierung seiner Herrschaft und schließlich die forcierte Aufrüstung und machtpolitisch demonstrative, vertragsbrüchige Überwindung des "Versailler Diktatfriedens" - sie versprachen die Lösung der nationalen Frage. Und die verheißungsvoll erlebten, vielfältig inszenierten Bilder einer modernen Industrie- und Wohlstandsgesellschaft mit Massenkonsum, Massenkommunikation, Massenmotorisierung und Massentourismus suggerierten, dass der NS-Staat auch die Zukunftsfrage würde lösen können. Wer konnte, wer mochte da erkennen, dass dies alles zum Zwecke eines gigantischen Weltanschauungs-, Raumeroberungs- und Völkervernichtungskrieges geschah? Dass dieser Großkrieg, dass dieses Großverbrechen dem Untergang Hitlers und des Deutschen Reiches vorausging, scheint aber für die Filmemacher, die uns mit Hitlers letzten Tagen ein paar unterhaltsame Kinostunden bereiten wollen, eine nicht weiter erwähnenswerte Lappalie zu sein.

Bestätigt Der Untergang am Ende also nur, was Jean Améry schon in den sechziger Jahren vorausgesagt hat? Der jüdische Schriftsteller und Philosoph, der die Folter erfahren und Auschwitz überlebt hatte, der mit dem Sterben lebte, der gegen das Sterben schrieb und den das Schreiben doch nicht im Leben hielt, prophezeite: Schließlich wird das Reich Hitlers "Geschichte schlechthin sein, nicht besser und nicht übler als es dramatische historische Epochen nun einmal sind, blutbefleckt vielleicht, aber doch auch ein Reich, das seinen Familienalltag hatte (...). Hitler, Himmler, Heydrich (...), das werden Namen sein wie Napoleon, Fouché, Robespierre und Saint-Just (...) (und) die von einem hochzivilisierten Volk mit organisierter Verlässlichkeit (...) vollzogene Ermordung von Millionen wird als bedauerlich, doch keineswegs einzigartig" dastehen. "Alles wird untergehen in einem (...) Jahrhundert der Barbarei`. Als die wirklich Unbelehrbaren, Unversöhnlichen (...) werden wir dastehen, die Opfer (...)."[21]

Ehrenrettung

Für eine gewisse Ehrenrettung des deutschen Films hat Volker Schlöndorff gesorgt. In Der neunte Tag geht es einmal nicht um das Private und Allgemein-Menschliche der verunglückten NS-Größen. Der Film folgt dem Tagebuch des luxemburgischen Paters und zeitweiligen Dachauhäftlings Jean Bernard. Im Mittelpunkt steht der Abbé Henri Kremer. Seinem gemarterten Körper, seiner Einsamkeit und Seelenqual gibt Ulrich Matthes (in dieser Rolle sehr viel überzeugender als in dem missglückten Untergangs-Goebbels) schmerzgebeugte Gestalt. Hier geht es um das Erleiden der Folter, um den Verlust des Mensch- und Heimischseins in der Welt, wie es Jean Améry und Primo Levi beschrieben haben. Ein schwaches, ein symbolisches Gegengewicht zu den filmisch vermenschlichten Lebensgeschichten unserer geschichtsprominenten Massenmörder. Aber immerhin.

Fußnoten

18.
Vgl. Joseph Peter Stern, Hitler. Der Führer und das Volk, München 1978.
19.
Wohltuend in ihrer energischen und subtilen Kritik an dem neuen Film-Hitler: Gustav Seibt, Eine unangenehme Person, in: SZ vom 9.9. 2004; Georg Seeßlen, Mensch, Hitler, in: Berliner Zeitung vom 7.9. 2004; Götz Aly, Ich bin das Volk, in: SZ vom 1.9. 2004; Willy Winkler, Weil es reicht, in: SZ vom 12./13.4. 2003.
20.
Ausführlicher wird dieser Zusammenhang untersucht und dargestellt in: P. Reichel (Anm. 17).
21.
Jean Améry, Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten, München 1966, S. 127f.

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