Dossierbild Geschichte und Erinnerung

21.6.2010 | Von:
Thomas Großbölting

Die DDR im vereinten Deutschland

Wahrheitsfindung ja, Versöhnung nein?

Ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachten die "Reise in ein fernes Land", welches das wiedervereinte Deutschland unternimmt, genau und stellen der Geschichtspolitik und Aufarbeitungsszene für diesen Prozess der Wiederannäherung keine guten Zeugnisse aus. Während die Geschichte der DDR deutlich weniger Interesse ausländischer Forscherinnen und Forscher findet als etwa die Geschichte des Nationalsozialismus, übt das wiedervereinte postdiktatorische Deutschland großen Reiz aus. Politologen, Sozialwissenschaftler, Historiker und Vertreterinnen und Vertreter anderer kultursensibler Disziplinen konstatieren mindestens zwei Tendenzen.

Zum einen gibt es einen großen Konsens darüber, wie vielfältig und umfassend die Bemühungen zur "Aufarbeitung" nicht nur des Nationalsozialismus, sondern auch der Geschichte der SED-Diktatur gewesen seien. Dabei werden nicht nur die großen personellen und finanziellen Bemühungen angeführt, die insbesondere von Staats wegen mobilisiert wurden. Außer Frage steht auch, dass es einen starken gemeinsamen Willen der politischen Klasse zur Aufarbeitung gab. James McAdams beispielsweise resümiert diese Auffassung, wenn er betont, dass es kaum möglich sei, einen anderen Staat zu finden, "der so rasch so unterschiedliche Schritte gegangen ist, um mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen".(5)

Zum anderen aber bleibt bei vielen dieser Autorinnen und Autoren eine zweite Schnittmenge. In dieser sammelt sich Unbehagen an dem, was man beobachtet: eine zweite Chance, die nicht ergriffen wurde, so Anne S'adah,(6) die Kolonisierung des Ostens, so Paul Cooke,(7) oder das ebenso scharfsinnige wie eindeutige Fazit des australischen Deutschlandexperten Andrew Beattie: "Which lessons to learn from the Germans?" Vorbilder werden gesucht für die Aufnahme postkommunistischer Beitrittskandidaten in die Europäische Union, da gilt es, aus der deutschen Erfahrung zu lernen. Beattie wendet sich vehement gegen die Vorstellung, in Deutschland habe es eine mustergültige Vergangenheitsaufarbeitung gegeben. Er vermisst insbesondere Multiperspektivität, Selbstkritik und Selbstreflexion. Verlautbarungen des politischen Berlins und der Aufarbeitungsinstitutionen seien geprägt gewesen durch "oversimplified western success stories" auf der einen und "eastern horror stories" auf der anderen Seite. Im Prozess der Aufarbeitung habe man aktuelle Wert- und Moralvorstellungen in hohem Maße in die Geschichte projiziert und auf diese Weise den Einigungsprozess durch politische und symbolische Disparitäten stark belastet. Statt einer möglichen integrativen Erinnerungskultur seien ostdeutsche Erfahrungen durch eine fälschlich glorifizierte Westnorm an die Seite gedrückt worden. Für ein sich nach Osten erweiterndes Europa könne dieses kein Modell sein, so die ebenso klare wie ernüchternde Schlussfolgerung Beatties.(8)

Diese Argumentation findet Unterstützung selbst bei solchen Autoren, die den Prozess der Wiedervereinigung insgesamt als gelungen beurteilen und davon ausgehen, dass sich die beiden Teilgesellschaften immer stärker annähern werden. In einem Punkt aber seien die Disparitäten zwischen Ost und West ungeachtet aller Fortschritte eher stärker als schwächer geworden: in dem der Beurteilung der Vergangenheit.(9) "Truth without reconciliation" - Wahrheitsfindung ja, Versöhnung nein, so das wenig schmeichelhafte Resümee, welches Jennifer Yoder aus den Bemühungen der Enquete-Kommissionen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen gezogen hat.(10)

Haben wir mit "unserer" Geschichtspolitik und den Aufarbeitungsaktivitäten die verschiedenen Reisegruppen eher auseinandergeführt als auf ein gemeinsames Ziel hin gesteuert? Im Folgenden sollen zwei Tendenzen skizziert werden, welche die skizzierten Schwierigkeiten mit verursachen oder gar befördern: die allzu offensichtliche Instrumentalisierung von Vergangenheit einerseits, die Virtualisierung von Erinnerung andererseits.

Schlachten von gestern und Schüler von heute

Geschichtspolitik heute ist ein Betätigungsfeld mit einer eigenen Entwicklung. Die Thematisierung der diktatorischen Vergangenheit, wie sie nach 1990 vom Staat wie auch von den Akteuren der Zivilgesellschaft betrieben wurde, fand immer auf dem Vorbild der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus statt, wie sie in der alten Bundesrepublik betrieben worden war. Zwar steht eine Untersuchung zu den Protagonisten der Aufarbeitungsbranche noch aus, doch zeigt schon ein kurzer Blick auf die Szene, dass es, neben der Konkurrenz der Opfer- und Betroffenenverbände, auf der Ebene der Gedenkstätten und ähnlicher Einrichtungen viele personelle Überschneidungen oder gar Wechselbeziehungen gibt.(11)

Zudem war Geschichtspolitik ein Element der friedlichen Revolution selbst: Die Opposition wie auch die Demonstrationsbewegung zielten 1989 und 1990 natürlich vorrangig auf die Stasi, deckten deren Monstrosität ebenso auf wie die von diesem Apparat begangenen Verbrechen. Man wehrte sich mit dem Instrument der öffentlich gemachten Gegenwart und Geschichte gegen den Repressionsapparat, der zu diesem Zeitpunkt immer noch eine reale Bedrohung darstellte.

Es wären weitere Faktoren zu nennen, die in der öffentlichen Darstellung der DDR-Vergangenheit den Gestus des Delegitimierens insbesondere in den frühen 1990er Jahren befördert haben, zum Teil mit guten Gründen. Gegenwärtig scheint mir die Situation indes verändert zu sein: Wir müssen die DDR nicht oder zumindest nicht mehr delegitimieren. Das hat das System selbst getan, und es reicht die nüchterne Darstellung der Fakten, um dieses zu zeigen. Dass das Leichengift der Diktatur die politische Kultur, das zivilgesellschaftliche Engagement unserer Demokratie beeinträchtigt, sehe ich nirgends. Die direkt ins Politische zielenden Initiativen der Geschichtsklitterung, wie sie etwa von Organisationen wie dem Insiderkomitee oder anderen Zusammenschlüssen von Altkadern der Staatssicherheit betrieben werden, wird man aufmerksam beobachten müssen und dann gegensteuern, wenn diese tatsächlich Wirkung zu entfalten drohen. Aktuell scheint mir dieses politisch rückwärtsgewandte Denken keinerlei gesellschaftliche Resonanz zu finden, so dass sich diese Haltung überleben wird. Deswegen wirkt auch gelegentlich verbreiteter Alarmismus höchst künstlich. Parolen wie "Die Täter sind unter uns" mögen eine kurzfristige Mobilisierungsfunktion haben, der Aufarbeitung insgesamt aber sind sie abträglich.(12) Im Gegenteil befördern sie geradezu eine Ostalgie, die sich meist weniger aus der politischen Rechtfertigung des alten Systems nährt, sondern vor allem aus den gegenwärtigen Konstellationen: Der vielleicht selbst erlebte Zwangs-Charakter des SED-Systems verblasst dann gegenüber dem Versuch, das eigene Leben oder das der Eltern und Großeltern angesichts der als ungerecht empfundenen Anwürfe zu verteidigen und zu rechtfertigen.

Geschichtsvermittlung sollte demgegenüber auf eine andere Strategie setzen. Wir müssen dem Ostalgiker erklären, dass viele der von ihm gelobten "Errungenschaften" genuin verbunden waren mit der politischen Unfreiheit vieler anderer. Nur wer sich im System politisch konform bewegte, spürte seine Ketten nicht. Und wir sollten denjenigen Publizisten und Historikern, die vor allem auf Schlagzeilen aus sind, ebenfalls eine differenzierte Darstellung abverlangen und ihnen gegebenenfalls ihren Populismus nachweisen: Dass die bundesdeutsche Justiz, um nur ein Beispiel zu nennen, nur wenige Stasi- und SED-Funktionäre bestraft hat, stößt zu Recht bitter auf und verweist auch auf die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung unseres juristischen Systems. Dass Richter und Staatsanwälte aber konsequent an wichtigen Rechtsgrundsätzen wie dem Rückwirkungsverbot festhalten, spricht eher für das Funktionieren unserer Justiz als umgekehrt. Wer das im Sinne einer vordergründigen Pädagogisierung oder auch des Populismus verkürzt darstellt, ist in dieser Hinsicht nicht wahrhaftig.

Die größte Gefahr dieser Herangehensweise an Vergangenheit besteht darin, dass auf diese Weise jegliches Interesse nachwachsender Generationen erstickt wird. Wer mag es einem 16-jährigen Schüler verdenken, die verbalen, von der Presse gerne aufgegriffenen Schlagabtausche und geschichtspolitischen Skandale weniger als Suche nach einer angemessenen Interpretation der DDR zu sehen, sondern vor allem als so vordergründig auf die Positionierung im Heute ausgerichtete Debatte? Wer in diesem Stil die Kämpfe von Gestern führt, gerät leicht in Gefahr, zum geschichtspolitischen Dinosaurier zu werden.


(5) James McAdams, Judging the Past in Unified Germany, Cambridge 2001, S. 1. (6) Vgl. Anne S'adah, Germany's Second Chance. Truth, Justice and Democratization, Cambridge 1998. (7) Vgl. Paul Cooke, Representing East Germany Since Unification: From Colonization to Nostalgia, London 2005. (8) Vgl. Andrew H. Beattie, Learning from the Germans? History and Memory in German and European Discourses of Integration, in: PORTAL. Journal of Multidisciplinary International Studies, 4 (2007) 2, S. 18. Vgl. auch ders., Playing Politics with History. The Bundestag Inquiries into East Germany, New York 2008. (9) Vgl. Laurence McFalls, Illegitimate Unions? German and European Unifications Viewed in Comparative Perspective, in: John Breuilly/Ronald Speirs (eds.), Germany's Two Unifications, Basingstoke 2005; John S. Brady/Sarah Elise Wiliarty, How Culture matters, in: German Politics & Society, 20 (2002), S. 4. (10) Vgl. Jennifer A. Yoder, From East Germans to Germans? The New Postcommunist Elites, Durham, NC 1999; Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", Bd. 1: Anträge, Debatten, Bericht; Bd. 2: Machtstrukturen und Entscheidungsmechanismen im SED-Staat und die Frage der Verantwortung, beide Baden-Baden 1995. (11) Vgl. Jens Hüttmann, DDR-Geschichte und ihre Forscher. Akteure und Konjunkturen der bundesdeutschen DDR-Forschung, Berlin 2008. (12) Vgl. Hubertus Knabe, Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur, Berlin-München 2007.


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