Dossierbild Geschichte und Erinnerung

21.6.2010 | Von:
Thomas Großbölting

Die DDR im vereinten Deutschland

Virtualisierung von Erinnerung

Die Funktionalisierung von Geschichte zur Identitätsstiftung, als Waffe im politischen Geschäft oder in sonstigen Formen ist oft beschrieben und kritisch analysiert worden. Diese Geschichtspolitik alten Stils hat sich in dem Maße überlebt, wie in der nachmodernen Gesellschaft Tradition ihre legitimitätsstiftende Wirkung verliert. Wegen des starken Wandels der Gesellschaft, ihrer Kommunikations- und ihrer Medienstrukturen lässt sich darüber hinaus eine zweite Tendenz des Umgangs mit der Vergangenheit im Allgemeinen und mit der DDR-Geschichte im Speziellen feststellen. In Anlehnung an Forscher, die sich mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus beschäftigen, lässt sich diese als "Virtualisierung" des Gedenkens kennzeichnen. Damit ist einerseits angespielt auf den raschen Medienwandel, der historische Fragmente überall und weltweit verfügbar macht. Ihre Abrufbarkeit ist nicht mehr an Konkretionen und Kontexte gebunden. Damit eng verbunden ist eine hier nur kurz anzudeutende Veränderung in Vergemeinschaftungsprozessen in der Nachmoderne überhaupt, die durch Prozesse der Individualisierung und Medialisierung gekennzeichnet ist.(13) "Virtualisierung" der Erinnerung bedeutet andererseits dann auch, dass Erinnerung an Vergangenheit in Grundzügen anders funktionieren und vor allem ganz andere Wirkungen haben kann.

Ich will den Punkt am Beispiel des Supergedenkjahrs 2009 und an der dort betriebenen Erinnerung an die DDR illustrieren: Alle Befürchtungen, es könne hier eine deutlich nationale Profilierung erfolgen, zerstoben bald. "Über allen geschichtspolitischen Wipfeln ist Ruh", konstatierte Karsten Rudolph bereits Ende 2009, die gewöhnliche Funktionalisierung von Geschichte, der Versuch, für sich, seine Gruppe, seine Partei darüber Identität zu stiften, schien wenig attraktiv.(14) Die zentrale und gleichsam regierungsamtliche Gedenkveranstaltung, das "Fest der Freiheit", hatte in der politischen Klasse selbst wie auch darüber hinaus weniger Resonanz gefunden als erwartet. Kern des Events waren ein Stelldichein europäischer und internationaler Staatenlenker wie eine Videobotschaft des amerikanischen Präsidenten. Die "friedliche Revolution" wurde als Verpflichtung inszeniert, "Mauern auf der ganzen Welt zum Einsturz zu bringen", so der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit fast unisono mit dem kurz vor ihm sprechenden französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Die Kultur schloss sich dem Tenor an: DJ Paul van Dyk präsentierte seine Hymne zum Mauerfall "We are one", gesungen von Johnny McDaid, von "Gänsehautatmosphäre" berichtet die "Bild"-Zeitung. Bon Jovi rockte das Brandenburger Tor mit dem Titel "We weren't born to follow", Starmoderator Thomas Gottschalk interviewte Hans-Dietrich Genscher und Michail Gorbatschow. Viele Redner nutzten das Geschichtsereignis vor allem zur Beschwörung überzeitlicher Werte und zu aktuellen Betrachtungen: "Freiheit" war das beherrschende Leitmotiv.

"Freiheit" ist ein hoher Wert, und es gibt wohl kaum einen besser geeigneten historischen Vorgang, an den es zu erinnern gilt, um dieses in Erinnerung zu rufen. Warum blieb aber trotzdem bei vielen Beobachtern ein schaler Nachgeschmack? Man muss nicht dem gesamten Gebäude der Systemtheorie folgen, um einen Gedanken für die hier angestellten Überlegungen fruchtbar zu machen: Die in hohem Maße stilisierte und auf schematische Bilder konzentrierte Thematisierung von Vergangenheit kann man funktional auch als "Kommunikationsverhinderungskommunikation" (Niklas Luhmann) charakterisieren. Vergangenheit hat ihre Fähigkeit verloren, als Tradition Legitimität und vielleicht sogar einen Wertekonsens zu stiften. Stattdessen wird sie deshalb "nur noch in ihrer spezifischen Funktion als reduzierte Komplexität (...) herangezogen". Vergangenheit fungiert als Element der Unsicherheitsabsorption. Diskussionen werden abgekürzt, indem von vornherein auf einen Topos verwiesen wird. Historische Rückbezüge dienen dazu, generalisierte Erfahrung zu repräsentieren.(15) An die Stelle von Konkretisierung, Präzision, die damit verbundenen Ebenen der Auseinandersetzung und des Gedächtnisses mit ihren unterschiedlichen Perspektiven und Akzenten tritt ein recht unbestimmt bleibendes, vor allem symbolisch verdichtetes Erinnerungsmoment. Gedenkkommunikation in einer sowohl sozial immer stärker pluralisierten wie auch mit Blick auf den Mediengebrauch zunehmend zerklüfteten Gesellschaft, so führt Mark Arenhövel den Gedanken weiter, dient dann "der Entlastung von identifikatorischer Aneignung".(16)

Welche Weiterungen haben diese Überlegungen? Forschungen wie auch Initiativen zur Geschichtspolitik und zur Erinnerungskultur werden viel mehr als bisher in den Blick nehmen müssen, welche unterschiedlichen Funktionen die jeweils thematisierte Vergangenheit übernimmt. Im Fall von Politik und Geschichte existiert eine kategoriale Differenz zwischen der jeweils praktizierten Geschichtspolitik und der Vergangenheit. Die jeweilige Geschichtspolitik ist nahezu unabhängig von Vergangenheit. Historiker oder die Ergebnisse ihrer Arbeit kommen allenfalls als Stichwortgeber zu Gunsten der je eigenen Position oder sogar als Störenfriede in diesen Prozessen vor. Das Bild vom Historiker als "Anwalt der Vergangenheit" trifft den Sachverhalt nicht, da seine Kompetenz - "wahr" oder "unwahr" mit Blick auf die Vergangenheit zu entscheiden - nicht gefragt ist. Die Vergangenheit ist ein diskursives Element im Funktionieren des politischen Systems. Der (geschichts)politische Streit um die realsozialistische Vergangenheit kann ebenso wenig wie ein anderes geschichtspolitisches Thema durch intensivierte historische Forschung oder dadurch beigelegt werden, dass die Wissenschaft nun tatsächlich die "wichtigen" oder "richtigen" Fragen aufgreift. Die geschichtspolitische Auseinandersetzung ist zuvörderst eine Funktion des Verhältnisses, in dem sich die Deutschen zur Berliner Republik befinden. Ihr Ansinnen oder ihr "Code" ist nicht die Suche nach "wahr" oder "falsch", sondern die Nutzung des Vergangenheitsbezugs für das Heute.

Zugleich wandeln sich die Grundlagen, die Darstellungsformen und damit auch die Inhalte von Geschichtspolitik: Mit der Veränderung des Geschichtsbewusstseins in Richtung Fragmentierung, Individualisierung und Subjektivierung verbindet sich ein massiver Medienwandel, der diese Tendenz bestärkt und den Zusammenhang von Geschichte und Politik mittel- und langfristig grundlegend verändert.(17) In einer medial entgrenzten Gesellschaft, in der die soziale Einbettung des Einzelnen ebenso schwindet wie die globale Kommunikation zunimmt, läuft Geschichtspolitik Gefahr, zur formelhaften "Erinnerungsreligion" zu gerinnen, die von Zeit und Ort abstrahiert und sich letztlich festmacht an abstrakten Erinnerungsikonen. "Zurück bleibt ein entleertes, inhaltsloses Konstrukt, auf das sich vielleicht alle als gemeinsamen Bezugspunkt beziehen und verständigen können, das dabei alles Herausfordernde verloren hat und zum Kitsch wird." Das Gedächtnis Europas brauche aber, so hält dem Helmut König entgegen, nicht die Integration der Erinnerung in eine Gedächtnisreligion, in der sie rituell gezähmt werden, sondern umgekehrt "die Bewahrung und Öffnung von Räumen für konkrete Erzählungen und Erfahrungen".(18)

Geschichte ist konkret und komplex - und auch so zu vermitteln

Was man dem entgegenhalten kann, wird sich nicht in globalen Rezepten thematisieren lassen, sondern in der praktischen Arbeit in Schulen, Hochschulen, Gedenkstätten und Museen bewähren müssen. In diesem Sinne sind die abschließenden Überlegungen dazu, ob und wenn ja, welche "Standards" der Geschichtspolitik etabliert werden sollten, vorläufig und fragmentarisch.

Eine Historisierung der DDR, die auch die Erfahrungsseite vieler DDR-Bürger berücksichtigt, wird nicht wie von Kritikern befürchtet auf eine Weichzeichnung ihres Diktaturcharakters hinauslaufen, sondern sowohl wissenschaftlich als auch für die öffentliche Aufarbeitung ein adäquateres Bild der DDR zu zeichnen erlauben. Anzustreben wäre, dass wir einerseits daran festhalten, Unterschiede zwischen Demokratien und Diktaturen deutlich zu benennen und infolge dessen die DDR und ihr politisches System als Diktatur, als Unrechtsstaat mit Menschenrechtsverletzungen deutlich charakterisieren: Die DDR war der langlebige Versuch, in Ostdeutschland ein nur ideologisch legitimiertes und in sich nicht funktionierendes Staats- und Gesellschaftsmodell aufrecht zu erhalten. Damit gingen Jahrzehnte der Unfreiheit einher. Es etablierte sich ein Zwangs- und Repressionsapparat, mit dessen Wirken permanente Menschenrechtsverletzungen einhergingen. Das brachte vielfältiges individuelles Unrecht und Leiden der Unangepassten, der Nonkonformen oder der sonst wie in die Mühlen des Unterdrückungsapparats Geratenen mit sich. Geschichtspolitisch müssen wir ihre Schicksale in Erinnerung behalten. Nicht zuletzt sind auch die Jahrzehnte nationaler Trennung und Teilung und die damit verbundenen Einschränkungen der Ost- wie der Westdeutschen unter die beklagenswerten Folgen der SED-Diktatur zu zählen. Diese - und viele weitere zu ergänzende - Fakten qualifizieren die DDR in der Summe als Diktatur und damit als ein System, das sich grundlegend von demokratischen Systemen unterscheidet.

Damit darf aber keine pauschalierende Abwertung von so zahlreichen Biografien von ehemaligen DDR-Bürgerinnen und Bürgern verbunden sein. Stattdessen, so Bodo von Borries, sei das Ziel die "Würdigung des Lebens der Menschen dort und um eine offene, gemeinsam zu gestaltende Zukunft. Dafür ist gegenseitiges Zuhören - auch wechselseitige Kritik auf Augenhöhe - erforderlich, aber nicht tatsächliche oder eingebildete einseitige Zurücksetzung bzw. Demütigung. (...) Eine historische Bildung, die für die SED-Diktatur nur die Systemgeschichte und nicht auch ihren lebensweltlichen Alltag gelten lässt, muss mit kontraproduktiven Effekten rechnen."(19) Sie fördert "viel weniger die kritische Sinnbildung einer geschichtsbewussten Zivilgesellschaft als vielmehr die Aufspaltung des Gedächtnisses in ein rituelles und ein kommunikatives".(20)

Dagegen sollte man Mut zur Differenzierung, zur Konkretion und auch zur Komplexität setzen. Wenn wir tatsächlich aus Geschichte in irgendeiner Form lernen wollen, dann bedarf es einiger Mühe, sich der komplexen Vergangenheit zu nähern. Spannender - intellektuell wie auch lebensweltlich herausfordernder - als die auf Abziehbilder reduzierte Präsentation von Geschichtsikonen ist diese Form der Beschäftigung mit Vergangenheit allemal.

Quelle: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 25-26/2010)
(13) Vgl. dazu den historiographisch noch nicht fruchtbar gemachten Entwurf von Manuel Castells, Die Macht der Identität. Teil 2 der Trilogie: Das Informationszeitalter, Opladen 2003, S. 7-74. (14) Vgl. Karsten Rudolph, 1949-1989-1929. Gedenken im Zeichen der Krise, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, (2009) 5, S. 28ff. (15) Vgl. Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung, Bd. 1: Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen 1970, S. 167f. (16) Zu diesem Gedanken wie auch zum folgenden Mark Arenhövel, Das Gedächtnis der Systeme, in: Horst-Alfred Heinrich/Michael Kohlstruck (Hrsg.), Geschichtspolitik und sozialwissenschaftliche Theorie, Stuttgart 2008, S. 59-74. (17) Vgl. dazu Claus Leggewie, Von der Visualisierung zur Virtualisierung des Erinnerns, in: Eric Meyer (Hrsg.), Erinnerungskultur 2.0, Frankfurt-New York 2009, S. 9-28. (18) Helmut König, Politik und Gedächtnis, Weilerswist 2008, S. 641. (19) Bodo von Borries, Zwischen "Katastrophenmeldungen" und "Alltagsernüchterungen"? Empirische Studien und pragmatische Überlegungen zur Verarbeitung der DDR-(BRD-)Geschichte, in: Deutschland Archiv, (2009) 4, S. 665-677. (20) Martin Sabrow, Wie, der Schüler kennt den Dicken mit der Zigarre nicht?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4.2.2009.


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