Dossierbild Geschichte und Erinnerung

21.6.2010 | Von:
Harald Welzer

Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis

Reflexive Erinnerungskultur

Wie kann in einer Erinnerungs- und Memorialkultur angemessen Ausdruck finden, dass die Judenverfolgung die Zustimmungsbereitschaft der meisten nichtjüdischen Deutschen zum Nationalsozialismus nicht behinderte, sondern förderte? Sicher nicht durch Formen, die es über fiktive Identifikationen mit Opfern und artifizielle Betroffenheit erlauben, auf Abstand von solchen Befunden zu gehen, denn dieser Abstand erspart es wiederum, Bezüge zwischen einer gelebten Gegenwart und einer rituell erstarrten Vergangenheitsbetrachtung herzustellen. Wenn der Holocaust nicht aus Mangel an Zivilcourage, sondern als in breiten Teilen der Bevölkerung zustimmungsfähiges Projekt zustande gekommen ist, liegt darin die Herausforderung, in der Gegenwart die Potentiale für antisoziales Verhalten, für die Aufweichung rechtsstaatlicher Prinzipien, für gegenmenschliche Praktiken wahrzunehmen. Dann aber wäre die Erinnerung nicht museal und identifikatorisch, sondern gegenwärtig, reflexiv und politisch.

Für eine reflexive Erinnerungskultur sind Pathosformeln ebenso kontraproduktiv wie Ansprüche auf transtemporale Gültigkeit der Inhalte. Erinnerung schreibt sich immer nach Erfordernissen der Gegenwart um, und das Gedenken folgt diesen Umschriften in gemessenem Abstand. Wäre das nicht so, hätten wir heute gar keine Holocausterinnerung, denn der unmittelbaren Nachkriegsgesellschaft ging es, wenn denn um irgendetwas Zurückliegendes, um das Gedenken der eigenen Verluste und Leiden, nicht um die Erinnerung an die Taten. Diese frühe Erinnerungskultur ist sukzessive durch jene abgelöst worden, welche die Opfer und ihre Leiden in den Mittelpunkt stellte. Auf diesem Fundament steht die gegenwärtige Erinnerungskultur, und jetzt kommt es darauf, sich den Potentialen, Handlungen und Orientierungen zu widmen, die Ausgrenzungsgesellschaften entstehen und Genozide möglich werden lassen. In diesem Sinn ist Erinnerungskultur eine zivilgesellschaftliche Angelegenheit, deren Bezugspunkt die Gegenwart und Zukunft und gerade nicht die Vergangenheit ist. Es kommt darauf an, von der Thematisierung des Grauens und der Opferschaft auf die Herstellung von Ausgrenzungs- und Tötungsbereitschaft zu wechseln und verstehbar zu machen, wie sich normative Verschiebungen in modernen Gesellschaften etablieren, die schließlich zu gegenmenschlichen Entwicklungen und Massengewaltprozessen führen können.

Gesellschaftliche Funktionszusammenhänge und Institutionen sind als Speicher von Potentialen zu verstehen, die Handlungsbereitschaften und Handlungen unterschiedlichster Art entbinden können. Weil hoch arbeitsteilige Funktionsvollzüge partikulare Handlungsrationalitäten ausbilden, welche die Voraussicht über die Folgen eigenen Handelns systematisch begrenzen, muss über Konzepte partikularer Verantwortungsstärkung nachgedacht werden. Hier liegt eine ganze neue Aufgabe für das weite Feld der politischen und historischen Bildung, die sich bisher auf die Entwicklung universaler Verantwortungs- und Moralvorstellungen konzentriert, die Individuen in konkreten Handlungssituationen aber - das zeigte etwa das Milgram-Experiment (1961) - radikal überfordern können. Designs künftiger Angebote der politischen Bildung und der zivilgesellschaftlichen Erinnerungskultur sollten daher an die lebensweltliche Gegenwart der Abnehmerinnen und Abnehmer der Vermittlungsangebote anknüpfen. Daraus folgt notwendig eine Abkehr vom Paradigma der Top-down-Pädagogik ("Ihr sollt wissen") zur kooperativen Erarbeitung von Inhalten oder Ausstellungseinheiten (bottom up). Strategien reichen von der klassischen "Flachware", also Bild- und Textmedien, die über Anwendungsfälle von Zivilcourage und zivilem Widerstand berichten (z.B. über Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Rosa Parks), zugleich aber - etwa mittels computergenerierter Ausbreitungsmuster von Widerstandsbewegungen - verdeutlichen, dass es hier nicht um Heroisierungen, sondern um soziale Handlungen mit Impulswirkung geht. Die Perspektive auf die Öffnung und Nutzung von Handlungsspielräumen kann am Beispiel von Personen erfolgen, muss aber Personalisierungen vermeiden. Dabei ist immer auch die zeitgenössische Perspektive wichtig, etwa: Wie werden Umwelt- und Klimaflüchtlinge in der EU behandelt, wie ahnden Rechtsstaaten Menschenrechtsverletzungen, was ist Folter?

Wie Handlungsspielräume auch unter extremen Bedingungen genutzt werden können, kann an historischen Beispielen gezeigt werden - etwa an Helfer- und Retterverhalten während der NS-Zeit, das Privatpersonen (wie Oskar Schindler) genauso gezeigt haben wie Wehrmachtsangehörige (wie Heinz Drossel). Solche Personen haben Handlungsspielräume anders genutzt als die übergroße Mehrheit ihrer Zeitgenossen, und darin liegt ein erhebliches Lernpotential. Solches Material kann um kleinere Experimente und Planspiele ergänzt werden. Experimente zum Bystander-Verhalten etwa haben gezeigt, dass das Maß der "Verantwortungsdiffusion" als zentraler Faktor für erfolgende oder ausbleibende Hilfe gelten kann: Je mehr Personen anwesend sind, wenn sich jemand in einer Notsituation befindet, desto weniger neigen Einzelne zum Helfen (bystander effect). Das Wissen über hemmende Faktoren in Hilfesituationen moderiert das Verhalten, prosoziales Verhalten kann also durch Lernen beeinflusst werden. Andere klassische Experimente der Psychologie und Sozialpsychologie, etwa die Konformitätsexperimente von Asch (1951) oder Experimente zum Hilfeverhalten (Aronson 1994), können mit Hilfe von game designs für Alleinbesucher als Lernspiele operationalisiert werden oder für Gruppen zu Rollenspielen aufbereitet werden. Die Möglichkeit, Erfahrungen mit eigenen Handlungs- und Verhaltensbereitschaften zu machen, dürfte für nachhaltigere pädagogische Effekte sorgen als die bloße kognitive Konfrontation mit dem, was anderen Menschen zu anderen historischen Zeiten widerfahren ist. Zudem könnten gerade unter Nutzung elektronischer Medien Projekte initiiert werden, in denen Schülerinnen und Schüler Präsentationen, Rollenspiele oder Computersimulationen zu Fragen wie Zivilcourage, Ausgrenzung und prosozialem Verhalten erarbeiten, anstatt sich in alle Zukunft im "Spurensuchen" und in Verbrechensrekonstruktionen zu ergehen.

Dabei verdient ein weiterer Aspekt Beachtung. Die tradierten Strategien der politischen und historischen Bildung stehen nicht nur in Konkurrenz zu massenmedialen Geschichtsvermittlungen; auch in der Vermittlungslandschaft haben sich enorme Veränderungen hin zum Infotainment ergeben. Häuser wie das "Phaeno" in Wolfsburg, das "Universum" in Bremen oder das "Klimahaus" in Bremerhaven bieten anspruchsvolle Vermittlungsangebote mit Event-Charakter auf dem neuesten Stand der Präsentationstechnik. Dass es solche Ausstellungshäuser, die nicht zufällig nicht mehr "Museum" oder "-stätte" heißen, bislang ausschließlich im naturwissenschaftlich-technischen Bereich gibt, sollte als Herausforderung begriffen werden, analoge Häuser im geschichts- und gesellschaftswissenschaftlichen Feld zu etablieren. Anregungen dafür sind etwa in den Ausstellungen von levande historia in Stockholm, des Hygiene-Museums Dresden oder in den erwähnten Häusern selbst zu bekommen. Der Transfer von Wissen zu sozialem Handeln in zeitgenössischen Formaten würde dazu führen, dass Besucherinnen und Besucher die Institutionen der politischen Bildung nicht mehr mit Inferioritäts- und Beschämungsgefühlen verlassen, sondern mit dem Bewusstsein, etwas Interessantes gemacht und erlebt zu haben.

Zukunftsgedächtnis

Dies alles lässt sich als Plädoyer dafür lesen, die Erinnerungskultur in Richtung Zukunft neu zu justieren. Dieses Plädoyer lässt sich mit einem weitgehend unbeachteten Aspekt der Gedächtnistheorie untermauern: Erinnerung dient der Orientierung in einer Gegenwart zu Zwecken künftigen Handelns. Deshalb spielen "Vorerinnerungen", wie Edmund Husserl (16) bemerkt hat, also Vorgriffe auf etwas erst in der Zukunft Existierendes, als Orientierungsmittel für die Ausrichtung von Entscheidungen und Handlungen eine mindestens so wichtige Rolle wie der Rückgriff auf real oder vorgestellt erlebte Vergangenheiten. Husserls Unterscheidung zwischen Retentionen als Rückgriffen auf Vergangenheitsbestände und Protentionen als auf Späteres gerichtete Intentionen, die schon die enorme Bedeutung von imaginierten Zukünften für Handlungsentwürfe und -ausführungen dargelegt hat, ist von Alfred Schütz in seinem Konzept der "antizipierten Retrospektionen" weiter entwickelt worden. Das humanspezifische Vermögen, die persönliche Existenz in einem Raum-Zeit-Kontinuum zu situieren und auf eine Vergangenheit zurückblicken zu können, hat den Zweck, Orientierungen für zukünftiges Handeln zu ermöglichen. Umgekehrt aber können Menschen auf eine Zukunft zurückblicken, die noch gar nicht Wirklichkeit geworden ist. Die grammatische Form dafür ist das Futurum II - es wird gewesen sein -, seine mentale Form die "antizipierte Retrospektion", der Vorausblick auf etwas im Vorgriff auf den Zustand seines Verwirklichtseins.(17)

Antizipierte Retrospektionen spielen für menschliches Handeln eine zentrale Rolle - jeder Entwurf, jeder Plan, jede Projektion, jedes Modell enthält einen Vorgriff auf einen Zustand, der in der Zukunft vergangen sein wird. Und genau aus diesem Vorentwurf eines künftigen Zustands speisen sich Motive und Energien - aus dem Wunsch, einen anderen Zustand zu erreichen als den gegebenen. Die prospektive Form des Gedächtnisses hat der menschlichen Lebensform den evolutionären Vorteil verschafft, Vorteile und Hindernisse bei der Gestaltung der Welt abschätzen und virtuell durchspielen zu können. Der Bezugspunkt des Gedächtnisses ist die gehoffte Zukunft.

Für das, was man unter Erinnerung und Gedächtnis versteht, öffnet sich damit ein erheblich weiterer Raum als bisher. Ungleichzeitigkeiten in Handlungsorientierungen und -optionen werden sowohl auf der gesellschaftlichen wie auf der individuellen Ebene zugänglich, die Schwerkraft von Selbstbildern und Habitusbildungen oder die Tiefenwirkung historischer Erfahrungen auf die Konzipierung von Zukunftsentwürfen oder allgemeiner: zukunftsbezogenen Handlungspotentialen werden besser verständlich. Wenn Zukunft systematisch zur Erinnerung gehört, könnte man eine "Theorie des Zukunftsgedächtnisses" (H.-J. Heinrichs) entwickeln. Damit würde die Privilegierung der Vergangenheit gegenüber der Gegenwart und der Zukunft in der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung ebenso Geschichte sein wie die Höherbewertung des Erinnerns gegenüber dem Vergessen. Da jede Gedächtnistätigkeit ein selektiver Vorgang ist, ist Vergessen konstitutiv für Erinnerung überhaupt. Und da der funktionale Überlebenswert des Gedächtnisses von seinem Zukunftsbezug abhängt, ist es die Zukunft, die konstitutiv für das Gedächtnis ist, nicht die Vergangenheit. Die Zukunft macht Vergangenheit erst verstehbar und motiviert Geschichtsbewusstsein.

Quelle: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 25-26/2010)
(16) Edmund Husserl, Die Bernauer Manuskripte über das Zeitbewusstsein (1917/18), hrsg. von Rudolf Bernet/Dieter Lohmar, Dordrecht-Boston-London 2001, S. 12ff.

(17) Vgl. Alfred Schütz, Tiresias oder unser Wissen von zukünftigen Ereignissen (1959), in: ders. (Hrsg.), Gesammelte Aufsätze II. Studien zur soziologischen Theorie, Den Haag 1972, S. 261.


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