Bus brennt

31.8.2018 | Von:
Ingo Juchler

Proteste mit Folgen 1968 in Berlin - Ein Erinnerungsmosaik

Die Inhaftierung des Schriftstellers Thomas Brasch

Buchcover: 1968 in BerlinNebenstehende Texte sind dem Buch "1968 in Berlin" von Prof. Ingo Juchler entnommen, erschienen 2017 im be.bra-berlag Berlin.
Als die Truppen der Warschauer Paktstaaten in die ČSSR einmarschierten, machte Thomas Brasch mit seiner Freundin Sanda Weigl gerade Urlaub an der Ostsee. Brasch studierte an der Filmhochschule in Babelsberg und wohnte in der Boxhagener Straße in Friedrichshain. Am Vormittag des 21. August 1968 versuchte er vergeblich, in Ahrenshoop eine Ausgabe des Neuen Deutschland zu kaufen. Erst durch eine Radiomeldung erfuhr er von der Intervention und beschloss sofort, mit seiner Freundin nach Berlin zu trampen. Am nächsten Tag trafen sich die beiden zunächst in der Buchhandlung Das gute Buch am Alexanderplatz mit Erika Berthold und schrieben dann in Sanda Weigls Wohnung – zusammen mit Vladimir Weigl, Rosita Hunzinger und Juliana Grigorowa – mit Filzstift Parolen wie "Hände weg vom roten Prag!", "Stalin lebt!" und "Ein Dubček für die DDR!".

Eigentlich wollte sich Thomas Brasch am Abend mit Florian Havemann am Kino International in der Karl-Marx-Allee treffen. Doch Havemann war bereits auf dem Weg dorthin verhaftet worden. Brasch kehrte in die Wohnung von Weigl zurück, wo die Gruppe noch etwa 400 Flugblätter schrieb, die sie in der Nacht in der Friedrichstraße und in Prenzlauer Berg in Briefkästen warfen und an S- und U-Bahnhöfen auslegten. Im Verlauf der nächsten Tage wurden die Flugblattschreiber verhaftet. Im Fall von Thomas Brasch erfolgte die Verhaftung unter besonderen Umständen: Er wurde in der Wohnung seiner Eltern festgenommen – nachdem ihn sein Vater angezeigt hatte. Horst Brasch war SED-Funktionär und stellvertretender Minister für Kultur der DDR.

Thomas Brasch wurde in das Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) in der Magdalenenstraße gebracht und verhört. In dem weitläufigen Areal um die Frankfurter Allee, Magdalenen-, Normannen- und Ruschestraße befand sich die Zentrale des DDR-Unterdrückungsapparats. Brasch erklärte dort, dass er die Politik der tschechoslowakischen KP für richtig erachte – sie würde die "Voraussetzungen für einen demokratischen Sozialismus" schaffen: "Mit dieser Handlung verfolgte ich das Ziel, andere Bürger anzuregen, sich über die genannten Maßnahmen Gedanken zu machen und sie zu veranlassen, in Diskussionen gegen die Maßnahmen der sozialistischen Staaten Stellung zu nehmen." Zugleich betonte Brasch, dass er den Sozialismus als Staatsform prinzipiell unterstütze. Am 23. Oktober wurde Brasch wegen staatsfeindlicher Hetze zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Unter Bewährungsauflagen wurde er schließlich im November 1968 aus der Haft entlassen. Thomas Brasch starb 2010 und ist auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt.

Studienverbot nach Flugblattverteilung - Die Erlebnisse Bettina Wegners

Von der Intervention der Warschauer Paktstaaten in die CŠSR erfuhr die Liedermacherin Bettina Wegner über das Westfernsehen. Am Tag darauf kaufte die Studentin der Staatlichen Schauspielschule (heute Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch") sämtliche erhältlichen Tageszeitungen, um sich über die Geschehnisse in Prag zu informieren. Die 19-Jährige war zutiefst empört. Am nächsten Tag kam Thomas Brasch, der Vater ihres knapp halbjährigen Kindes, in die Wohnung ihrer Eltern und erklärte ihr, dass er wohl bald wegen seiner Aktivitäten gegen die Intervention verhaftet würde. Sie sollte aber wegen des Babys keinesfalls etwas unternehmen. Doch für Bettina Wegner war klar, dass angesichts der "Ungeheuerlichkeit" der Intervention von "Bruderländern" in die ČSSR protestiert werden musste. Sie selbst hatte vor dem Hintergrund der dortigen Reformen auch auf politische Veränderungen in der DDR gehofft. Bislang war für Wegner klar gewesen, dass die DDR das bessere Deutschland sei – "ich hatte die Illusion, dass wir keine Nazis haben". Sie war "von ganzem Herzen gegen den Krieg in Vietnam" und hoffte auf "Internationale Brigaden, die wie im Spanischen Bürgerkrieg nun zur Unterstützung der Revolution in Vietnam aufgestellt würden".

Aber jetzt schrieb die Sozialistin in der Wohnung ihrer Eltern in der Elsa-Brändström-Straße 18 in Pankow handschriftlich Flugblätter, auf denen "Hände weg von Prag!", "Stalin lebt" oder "Hoch Dubček" zu lesen war. In einer Kneipe unweit der Wohnung erzählte sie von ihrem Vorhaben, die Flugblätter zu verteilen. Zusammen mit einem Bekannten warf sie diese in der Vineta-, Mühlen- und Florastraße in Briefkästen und über die Mauer eines Industriebetriebs. Tags darauf wurde sie bei ihren Eltern verhaftet, zunächst in die Untersuchungshaftanstalt der Stasi in die Pankower Kissingenstraße gebracht und anschließend für eine Woche in der zentralen Untersuchungshaftanstalt in Hohenschönhausen inhaftiert. In der Schauspielschule erhielt Bettina Wegner Hausverbot. Stattdessen musste sie sich eineinhalb Jahre in einer Rummelsburger Relaisfabrik "in der Produktion bewähren". "Richtig traurig und enttäuscht" war Bettina Wegner darüber, dass "sich von den Demonstranten in West-Berlin niemand für den Osten interessiert hat".
Ein neuer Hitler? In Prag fotografierte Karikatur des SED-Vorsitzenden Walter Ulbrichts in der DDR, der vehement für den militärischen Einmarsch in die CSSR plädiert hatte.Ein neuer Hitler? In Prag fotografierte Karikatur des SED-Vorsitzenden Walter Ulbrichts in der DDR, der vehement für den militärischen Einmarsch in die CSSR plädiert hatte. (© Unbekannter Zeichner und Fotograf)

"Es lebe das rote Prag!" Begegnung mit der APO in der Ost-Berliner Wohnung der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger

Ihre Wohnung galt als wichtiger Treffpunkt für Oppositionelle in Ost-Berlin: Die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger führte in Rahnsdorf ein offenes Haus, in dem literarische Debatten und systemkritische Diskussionen stattfinden konnten. Hier trafen sich Heiner Müller, Manfred Krug, Wolf Biermann und Robert Havemann genauso wie ein Kreis junger politischer Rebellen um Thomas Brasch, Hans Uszkoreit, Florian und Frank Havemann, Rosita Hunzinger, Erika Berthold und andere. Viele Ideen der systemkritischen DDR-Opposition wurden in Hunzingers literarisch-politischem Salon entwickelt.

Angesichts der Bedeutung, die Hunzingers Haus als markanter Treffpunkt für regimekritische Menschen zukam, ist es nicht verwunderlich, dass es gerade hier am 27. Januar 1968 zu einer ost-westlichen Begegnung der besonderen Art kam: Die West-Berliner Kommunarden Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und Rainer Langhans sowie Rudi Dutschke diskutierten mit (angehenden) Ost-Berliner Kommunarden und deren Freunden über Möglichkeiten systemverändernder politischer Praxis. Allerdings erschienen die Vorschläge der West-Berliner Antiautoritären den Ost-Berliner Oppositionellen bisweilen sehr schulmeisterlich und wirklichkeitsfremd: So wurden die Ost-Berliner etwa angeregt, auf den Marx-Engels-Platz so große Parolen zu schreiben, dass sie vom Flugzeug aus zu lesen wären. Die West-Berliner Polit-Aktivisten zeigten offensichtlich wenig Einfühlungsvermögen in die Möglichkeiten oppositioneller Aktionen unter den Bedingungen des repressiven DDR-Staatsapparats.

Die Tochter Ingeborg Hunzingers, Rosita, verfasste nach der Intervention der Warschauer Paktstaaten in die ČSSR zusammen mit Thomas Brasch, Erika Berthold und Sanda Weigl handgeschriebene Flugblätter mit Texten wie "Es lebe das rote Prag!" und "Warschauer Pakt raus aus Prag!" Nachdem Hans Uszkoreit seine Haftstrafe wegen seiner Aktionen gegen die Intervention verbüßt hatte, floh er mit Rosita Hunziger in die Bundesrepublik. Die Planungen dafür erfolgten in Ingeborg Hunzingers Haus, von dort brachen sie auch zur Flucht auf.

Ingeborg Hunzingers wohl bekannteste Plastik steht in der Berliner Rosenstraße: Der Block der Frauen erinnert an den Protest von Frauen im Februar/März 1943 für die Freilassung ihrer jüdischen Männer. Die etwa 2.000 Männer wurden tatsächlich freigelassen – ob aufgrund des Protests ihrer Frauen und Angehörigen oder wegen anderer Gründe ist historisch umstritten. Ingeborg Hunzinger verstarb im Jahr 2009. Ihr Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof Wannsee.


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