Bus brennt

31.8.2018 | Von:
Ingo Juchler

Proteste mit Folgen 1968 in Berlin - Ein Erinnerungsmosaik

Vor der sowjetischen Botschaft - "Schweigedemonstration" mit Folgen

Der Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in die ČSSR führte in Ost-Berlin auch zum Versuch, eine Demonstration vor der sowjetischen Botschaft durchzuführen. Die Sicherheitskräfte unterbanden die "Schweigedemonstration" jedoch schon in ihren Ansätzen. Der Demonstrationsversuch hatte eine längere Vorgeschichte: Am 21. August, dem Tag der Intervention, diskutierte der spätere Rockmusiker Toni Krahl ("City") mit zwei Freunden, wie man darauf reagieren könne. Der militärische Einmarsch geschehe nicht in ihrem Namen, so die jugendlichen Freunde, und sie beschlossen, dies auch kundzutun. Deshalb gingen die drei Freunde in die tschechoslowakische Botschaft in die Schönhauser Allee am Prenzlauer Berg. Dort wurden sie von einem Botschaftssekretär freundlich empfangen, dem sie ihre Ablehnung der Intervention bekundeten und ihre Solidarität erklärten. Doch die Freunde wollten mehr unternehmen.

In den folgenden Tagen schrieben sie Zettel, auf denen zu einer Schweigedemonstration vor der sowjetischen Botschaft am 24. August um 16 Uhr eingeladen wurde. Die Zettel verbreiteten sie im Bekanntenkreis, in einschlägigen Cafés und Kneipen. Die sowjetische Botschaft war Anfang der 1950er-Jahre im Stil des sozialistischen Klassizismus errichtet worden. Am Nachmittag des 24. August versammelten sich auf dem Mittelstreifen Unter den Linden vor der sowjetischen Botschaft schweigend Gruppen von Personen, die oftmals eine kleine tschechoslowakische Fahne am Revers trugen. Die etwa 50 bis 60 Leute wurden von mindestens ebenso vielen Personen begleitet, die trotz ihrer zivilen Kleidung unschwer als Sicherheitskräfte zu identifizieren waren. Die beiden Gruppen beäugten sich misstrauisch, bis plötzlich Mannschaftswagen der Polizei vorfuhren und die schweigenden Demonstranten, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, festnahmen.

Toni Krahl konnte zunächst entkommen, wurde dann allerdings für den 13. September in die Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Kissingenstraße in Pankow einbestellt und dort verhaftet. Im November 1968 wurde er wegen "staatsfeindlicher Hetze" als Rädelsführer zur Höchststrafe von drei Jahren verurteilt, am 22. Dezember jedoch zur Bewährung entlassen, an eine Studienerlaubnis war aber nicht mehr zu denken. In Anerkennung seiner Aktivitäten gegen den Einmarsch der Warschauer Paktstaaten wurde Toni Krahl 2008 vom tschechischen Ministerpräsidenten Mirek Topolánek mit dem Karel-Kramar-Orden ausgezeichnet.

Alle Texte sind dem Buch entnommen: Ingo Juchler; "1968 in Berlin - Schauplätze der Revolte - Ein historischer Stadtführer", erschienen im "be.bra-verlag" Berlin, 2017. Die Veröffentlichung auf bpb.de erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Zu weiteren Texten & Dokumenten aus dem Dossier Prag 1968


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