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20.8.2018 | Von:
Jan Pauer

Der Prager Frühling 1968 und die Deutschen

Existenzangst des DDR-Regimes und Furcht vor "Sozialdemokratisierung"

Hinter der hysterischen SED-Propaganda gab es jedoch einen rationalen Kern an berechtigter Existenzangst. Einmal fürchtete das SED-Regime eine substantielle Schwächung seiner Position gegenüber der Bundesrepublik für den Fall, dass sich die einzelnen sozialistischen Staaten bilateral, ohne Rücksicht auf Ostberlin mit der Bundesrepublik verständigen. Zum anderen stellte die gefürchtete und für den Fall eines Erfolges des tschechoslowakischen Reformprozesses durchaus realistische Perspektive der Auflösung des "eisernen Dreiecks" und der Schaffung einer "weichen Achse" Belgrad, Bukarest, Prag unter einem mittelfristigen Anschluss von Budapest und sogar Sofia eine nachhaltige Änderung der sicherheitspolitischen Landkarte in Europa dar. Einer kooperativ eingestellten Gruppe von sozialistischen Staaten würde eine ideologisch starre und auf Abgrenzung zur Bundesrepublik hinarbeitende Achse Ostberlin-Warschau-Moskau gegenüberstehen. Diese Gefahr wurde in Propagandaartikeln "Von der Hitleraggression zur Bonner Ostpolitik" u.a. entlarvt.[20] Und schließlich herrschte in der SED-Führung die größte Angst vor einer schleichenden Auflösung des kommunistischen Herrschaftssystems auf dem Wege der Sozialdemokratisierung der Kommunistischen Partei. Dieser Prozess, der in der Tschechoslowakei im Gange war, schien nur die SED-Warnungen vor der Sozialdemokratie und ihrer Ostpolitik zu bestätigen. Das "Wesen" der sozialdemokratischen Politik sei es, "die DDR von innen aufzurollen", warnte Ulbrich im März 1968 seine Genossen im Zentralkomitee.[21] Erst werde die ideologische Festigkeit der KP erschüttert, dann Wirtschaftreformen unter dem Slogan einer Modernisierung eingeleitet und durch wirtschaftliche Kooperation mit der BRD die Blockeinheit erschüttert. Der Begriff, der es in der ideologischen Sprache Ostberlins am besten umschrieb, war die "friedliche Konterrevolution".

Ulbricht als Vorreiter bei Forderungen nach Militärpräsenz in der CSSR

In der Konferenz in Warschau, die eine politische Zäsur war, weil der Bruch zwischen der KSČ-Führung und der Fünfer-Gruppe der Antireformallianz öffentlich wurde, spielte Ulbricht die Rolle des ideologischen Vorreiters. Gemeinsam mit Gomulka beschwor er, die kollektive Pflicht aller sozialistischen Staaten, den Sozialismus in der Tschechoslowakei zu retten, die später als "Breschnew-Doktrin" überliefert wurde. Diese spiegelte die Auffassung vom Junktim zwischen der kollektiven Sicherheit und Systemidentität im Warschauer Pakt wider. In seinen Tiraden gegen die "Konterrevolution" griff Ulbricht sogar den ungarischen Parteichef Janos Kádár an, der die Meinung vertrat, sie habe in der ČSSR noch nicht gesiegt.

Zudem versuchte Ulbricht in altbekannten Mustern deutscher Großmachttradition, die "slowakische Karte" zu spielen. Er verlangte zwar nicht so offen wie der bulgarischer Parteichef Todor Živkov eine militärische Niederwerfung der Konterrevolution, aber er hat sich frühzeitig für die Stationierung sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei ausgesprochen. Die Militärübung "Šumava" (Böhmerwald) , die in ihrem Verlauf immer mehr der militärischen Vorbereitung der späteren Okkupation des Landes diente, inspirierte Ulbricht zu der Aussage, die nächste Militärübung sollte vom Gebiet der Slowakei aus geführt werden.[22]

Im Jahre 1990 überraschte Horst Sindermann die Öffentlichkeit und vor allem die westliche Militäraufklärung, die bis dahin ohne Ausnahme genaue Zahlen der NVA-Militäreinheiten, die angeblich in die ČSSR einmarschierten, veröffentlichte, mit der Aussage, die NVA habe die tschechoslowakische Grenze nicht überschritten. Er begründete es mit der kritischen Einsicht der SED-Führung, vor dem historischen Hintergrund keine unnötige Reminiszenzen wecken und Kriegshandlungen provozieren zu wollen.[23] Wenngleich es zutrifft, dass nur einige spezielle Einheiten der Nachrichtenoffiziere der NVA und Operativagenten des MfS nach dem 21. August 1968 auf dem Gebiet der ČSSR operierten, so muss die "Feingefühlthese" der Ulbrichtführung in Frage gestellt werden.

Nationale Volksarmee in Interventions-Planung eingebunden

Einmal war die NVA voll in die militärische Vorbereitung einbezogen und war marschbereit und marschwillig. Nur ein NVA-Offizier, der Hauptmann Manfred Schmidt, weigerte sich, an der Okkupation des Nachbarlandes teilzunehmen. Er wurde degradiert, aus der Armee entlassen und aus der SED ausgeschlossen.[24] Zum anderen deuten mehrere Hinweise darauf hin, dass die Idee, die NVA nicht in der ersten Okkupationswelle einmarschieren zu lassen, andere Autoren hat. Entschieden wurde sie in Moskau. Und schließlich zeigt der Eifer, mit dem sich das SED-Regime an der "Invasion durch den Äther" beteiligte, dass eine politische Selbstbegrenzung aus Gründen vergangenheitspolitisch motivierter Rücksichtnahme unwahrscheinlich ist. Der aus Dresden operierende Propaganda-Sender "Vltava" (Moldau) betrieb eine Lügenpropaganda der schlimmsten Art, so dass gerade ältere Menschen sich an die Naziokkupation erinnert fühlten.

Nach der Okkupation des Landes erwies sich Ulbricht als dogmatischer Hardliner. Im Kreml war er es, dem das politische Diktat, zu dem sich die gekidnappten tschechoslowakischen Reformer mit ihrer Unterschrift verpflichteten, nicht weit genug ging. Er bemängelte, dass Dubček und die führenden Reformer auch nach der Intervention in ihren Ämtern bleiben durften. Als einziges Land neben der Sowjetunion versuchte die DDR parallel zur Mission des sowjetischen Sonderbeauftragten der Kuznecov, der mit der Aufsicht über die Erfüllung des "Moskauer Protokolls" beauftragt war, eine eigene Einmischung zu institutionalisieren. Dieser Versuch scheiterte und der Sonderbeauftragte wurde von der KPČ-Führung aufgefordert, nach Ostberlin zurückzukehren.

Aus der Sicht des SED-Regimes war die Niederschlagung und anschließende Unterdrückung des tschechoslowakischen Reformversuchs ein großer Beitrag zur inneren wie außenpolitischen Stabilisierung der DDR. Obwohl die Entscheidung, für die militärische Niederschlagung des friedlichen Reformversuchs in letzter Instanz in Moskau lag, hat die SED-Führung maßgeblich an seiner Herbeiführung mitgewirkt. Angesichts der legitimatorischen Defizite, vor denen die sowjetische Eskalationspolitik gegenüber dem gemäßigten Reformkurs bei der Beweisführung einer "Konterrevolution" in der ČSSR stand, war die ideologische Offensive Ostberlins ein wichtiger und nicht zu unterschätzender Bestandteil in der Gesamtstrategie der gewaltsamen Niederwerfung des "Prager Frühlings".

DDR-Propagandisten steigerten Paranoia im Kreml

In der Kritik des Reformkurses wurden zugleich politische Ziele der angestrebten Restauration formuliert. In allen Konfliktphasen gehörte die Ulbricht-Führung zu den aktivsten und eifrigsten Gegnern des Reformversuchs. Sie trug maßgeblich zur Radikalisierung der Kritik und zur Nötigung der ungarischen Parteiführung auf einen unversöhnlichen Konfrontationskurs mit Prag bei. Es gibt eine Reihe von Hinweisen darauf, dass die SED-Spitze aufgrund ihrer guten Spionage bei der NATO in entscheidenden Momenten des Meinungsbildungsprozesses innerhalb des sowjetischen Politbüros die herrschende Paranoia in Kreml durch frische Dokumente einer vermeintlich aktuellen Bedrohung durch die NATO-Staaten bediente. Durch ihre Agenten in der Bundesrepublik und bei der NATO hatte die DDR innerhalb der Interventionskoalition bei der Einschätzung "imperialistischer" Bedrohungspotentiale aus dem Westen eine exklusive Stellung.

Die Bevölkerung der DDR war offensichtlich anderer Meinung. Für viele Ostdeutsche war die Tschechoslowakei in erster Linie ein wichtiges Reiseland. Prag und Karlsbad waren bevorzugte Begegnungsorte für ein ost-westliches Familientreffen. Zu Hunderttausenden strömten jährlich die Deutschen aus beiden Staaten ins Land. 1968 verband sich dieses Anliegen noch mit einem regen Interesse an den Veränderungen im Nachbarland.

Schockierte DDR-Öffentlichkeit

Für die meisten DDR-Bürger weckte der "Prager Frühling" Hoffnungen auf Verbesserung der Lage im eigenen Land und im ganzen Ostblock. Obwohl es 1968 in der DDR anders als in Polen keine Studentenunruhen oder Proteste gab, wurde unmittelbar nach der Intervention sichtbar, dass sie eine Welle spontaner Empörung im Volk ausgelöst hat. In mehreren Städten wurden Protestflugblätter verteilt. Allein in Berlin wurden laut Stasi-Berichten an 389 Stellen 3.528 Flugblätter verbreitet und an 212 Stellen 272 Graffitis gesprüht. Sie gingen in der Mehrheit auf das Konto von jungen Menschen zwischen 17 und 25 Jahre, von denen 63% von den zahlreichen Stasispitzeln ermittelt werden konnten.

Es gab besonders in den Betrieben spontane Unmutsäußerungen der Arbeiter über die militärische Okkupation des Nachbarlandes. Unter den spontan Protestierenden gab es viele Kinder hoher Parteifunktionäre wie Thomas Brasch, der Sohn des stellvertretenden Kulturministers, Erika Berthold, die Tochter des Direktors des Institutes für Marxismus-Leninismus, und die beiden Söhne von Prof. Robert Havemann liefen beim Versuch, Protestflugblätter zu verteilen, der Staatssicherheit in die Falle. Einzel- oder Gruppenproteste wurden im ganzen Land registriert. Für viele wurde der Protest gegen die gewaltsame Unterdrückung des Prager Frühlings ein zentrales Sozialisationserlebnis und bei manchen begründete er eine Dissidentenkarriere.[25]

Die marxistischen Dissidenten in der DDR, allen voran Robert Havemann und Wolf Biermann, begrüßten den "Prager Frühling" als den erbrachten Beweis, dass der "reale" Sozialismus zum "wirklichen" werden kann. Endlich spiegelte ein "zu staatlicher Macht gelangter Sozialismus", dass er die fortschreitenden und fortschrittlichen Entwicklungstrends der Geschichte entfalten und vorwärts bringen könne. Der 21.August 1968 wiederum war für Robert Havemann "der schwärzeste Tag in der Geschichte des Sozialismus seit Stalin". Die "Prager Commune" sei nicht daran gescheitert, dass der Sozialismus seiner Zeit so sehr voraus war, sondern weil der reale Sozialismus der Geschichte so sehr hinterher sei. "Der Prager Frühling des Jahres 1968 – welch ein Sieg, welch schreckliche Niederlage."[26] Als Vorbild diente die friedliche Selbstreform von 1968 für Rudolf Bahros Buch "Die Alternative" – der wohl letzten theoretischen marxistischen Analyse, Kritik und programmatischer Schrift, die im ehemaligen Ostblock verfasst wurde und die sich explizit auf das reformkommunistische Konzept von 1968 bezieht.[27] Als Inspiration blieb der Prager Frühling für die unsichtbare Generation jener ostdeutschen Achtundsechziger, die erst 1989 zum Ausdruck kam.

Ergänzende Literatur:

Hofmann, Birgit: Der "Prager Frühling" und der Westen. Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968, Göttingen 2015 Prag 1968 - Dossier der bpb

Zu Teil 2 der Ausarbeitung "Der Prager Frühling und die Deutschen": "Vergangenheitspolitische Lasten" und "Öffentlichkeit"

Eine ausführlichere Fassung dieses Textes von Dr. Jan Pauer ist veröffentlicht in: "1968: Der "Prager Frühling" und die Deutschen, in: Brandes, Detlef, Kováč, Dušan, Pešek, Jiří (Hg.): Wendepunkte in den Beziehungen zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken 1848 – 1989, Veröffentlichung der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission, Bd. 14, Essen 2007, S. 263 – 285

Zu weiteren Texten & Dokumenten aus dem Dossier Prag 1968

Fußnoten

20.
Vgl. die SED-Dokumentation Zur Lage in der ČSSR. Bd. II, o.O., S.19-28.
21.
Prieß, Lutz, Kural, Václav, Wilke, Manfred: Die SED und der "Prager Frühling" 1968. Politik gegen einen "Sozialismus mit menschlichen Antlitz. Berlin 1996, S.172.
22.
Pauer, Jan: Prag 1968, S.120f.
23.
Der Spiegel 7.5.1990.
24.
Wenske, Rüdiger: Die NVA und der Prager Frühling 1968. Die Rolle Ulbrichts und der DDR-Streitkräfte bei der Niederschlagung der tschechoslowakischen Reformbewegung. Berlin 1995, S.137.
25.
Wolle, Stefan: Die DDR-Bevölkerung und der Prager Frühling, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 36, August 1992, S.32-45.
26.
Havemann, Robert: Berliner Schriften, München 1978, S.84f.
27.
Bahro, Rudolf: Die Alternative. Zur Kritik des real exisistierenden Sozialismus. Köln, Frankfurt a.M. 1977.

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