Bus brennt

22.8.2018 | Von:
Jan Pauer

50 Jahre nach Prag 68

Abflauende Emotionen und wachsendes Interesse an Zeitzeugnissen

Da der Prager Frühling eines der am besten dokumentierten und erforschten Ereignisse der tschechischen, slowakischen und europäischen Geschichte ist, gibt es kaum Raum für Verschwörungstheorien und Spekulationen. Die tschechischen Medien folgen bei der Vergegenwärtigung damaliger Ereignisse weitgehend dem Konsens der Historiker. Der politisch-moralische Streit ist mit dem Abgang der damaligen Akteure und dem Auslaufen der aktiven Vergangenheitspolitik schwächer geworden und die Emotionen flachen ab. Die mediale und öffentliche Rezeption des Prager Frühlings konzentriert sich auf die Aufarbeitung der Opfer der militärischen Intervention, auf regionale Aspekte oder auf die Erinnerungen der damals jungen Generation. Es wird zur Präsentation privater Fotos und Dokumenten aufgerufen, die Demonstranten auf den Straßen und Barrikaden von 1968 werden gebeten, über ihre damaligen Erlebnisse zu berichten. Öffentliche Ausstellungen und Dokumentationen in den Medien gehören zur nationalen Erinnerung an den 21. August 1968. Ebenso wird in den Medien die internationale Rezeption der Ereignisse von damals verfolgt.

Mit Empörung reagierte die tschechische und slowakische Öffentlichkeit auf mediale Versuche im heutigen Russland, die militärische Okkupation der Tschechoslowakei als Beitrag zur Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und des politischen Gleichgewichts in Europa zu präsentieren. Einige noch lebende Persönlichkeiten der tapferen Schar jener acht sowjetischer Demonstranten gegen die Intervention auf dem Roten Platz in Moskau wurden von zwei tschechischen Staatspräsidenten ausgezeichnet. Westliche Politiker oder Diplomaten wie der damalige österreichische Botschafter in Prag und spätere Präsident Rudolf Kirchschläger wurden für ihre Solidarität mit der okkupierten Tschechoslowakei im August 1968 gewürdigt.

Widerstand in der DDR bislang wenig gewürdigt

Eine Gerechtigkeitslücke bezüglich der früheren DDR fällt auf: Obwohl es in der DDR zahlreiche Proteste und politisch motivierte Verurteilungen im Zusammenhang mit der Intervention in die Tschechoslowakei gegeben hat, wurde diese Tatsache bisher in Tschechien nicht gewürdigt. Die verhasste und verspottete Figur Walter Ulbrichts und die Erinnerung an den Dresdner Propagandasender "Vltava" (Moldau) überschatten bis heute das damalige DDR-Bild. Die mutigen Aktionen der meist jungen Ostdeutschen im Jahr 1968 sind leider weitgehend unbekannt geblieben.

Im letzten Jahrzehnt vollzog sich in Tschechien eine dramatische Erosion der großen Parteien – der Sozialdemokratie und der Bürgerlich-demokratischen Partei ODS, die bis zur Jahrtausendwende maßgeblich die postkommunistische Transformation und Politik bestimmt haben. Das Aufkommen des Populismus veränderte nachhaltig sowohl die politische als auch die memoriale Kultur Tschechiens. An der Spitze der Macht steht ein slowakischer Milliardär, der gerade in zweiter Instanz mit seiner Klage gegen das slowakische "Institut des nationalen Gedächtnisses" gescheitert ist, seinen Namen vom Verzeichnis der Mitarbeiter des kommunistischen Staatssicherheitsdienstes StB zu streichen. Er regiert, ernannt vom prorussischen Präsidenten Zeman, ohne das Vertrauen des Parlaments mit Hilfe von Nationalisten und der nicht reformierten Kommunisten. Ein stärkeres Dementi der bisherigen Politik der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit ist kaum vorstellbar. Der Niveau-Abfall des öffentlichen politischen Diskurses befördert naturgemäß keine historische Reflexion, sondern etabliert eine Gedenkroutine national bedeutsamer Jahrestage.
Der Einmarsch von 1968 ist längst von einem Tag der Demütigung zu einem Tag der Nationalen Identität geworden. Auch Rock-, Punk- und Bluesbands, die in den Jahren 1967 und 68 in der CSSR entstanden, thematisieren auch heute noch das Geschehen von einst.Der Einmarsch von 1968 ist längst von einem Tag der Demütigung zu einem Tag der Nationalen Identität geworden. Auch Rock-, Punk- und Bluesbands, die in den Jahren 1967 und 68 in der CSSR entstanden, thematisieren auch heute noch das Geschehen von einst. (© mlkmemorial / Milan Linhart)

In der Slowakei anders gewichtete Erinnerungskultur

In der Slowakei gibt es eine andere Erinnerungskultur sowohl in Bezug auf das Jahr 1968 als auch auf die vier Jahrzehnte des Kommunismus. Entsprechend anders ist auch die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit gestaltet worden. Der Reformprozess 1968 verlief in der Slowakei anders als im tschechischen Landesteil. Nach Dubčeks Weggang nach Prag gelangte der moskautreue Dogmatiker Vasil Bilak an die Spitze der slowakischen KP und sorgte dafür, dass die Reformkräfte nicht so viel Einfluss wie im tschechischen Landesteil in der Partei erlangen konnten. Während des Reformprozesses kam es zur Entzweiung der slowakischen Intellektuellen. Eine nationalkommunistisch orientierte Gruppe um Gustav Husák und Laco Novomeský kritisierte scharf radikaldemokratische Stimmen in der Öffentlichkeit und spielte die Föderalisierung des Landes gegen die Demokratisierung aus. Wie später die "Charta 77" war auch das "Manifest der 2000 Worte" im Jahr 1968 eine rein tschechische Angelegenheit. Die politische Polarisierung zwischen Dogmatikern und radikaldemokratischen Kräften war in der Slowakei weniger ausgeprägt.

Die Föderalisierung des Landes war untrennbar mit Gustav Husák verbunden. Sie überlebte als einzige Reform des Jahres 1968 die politische Restauration nach 1969 und sicherte Husák in seinem Kampf gegen die Reformer in der Slowakei eine gewisse Legitimität.

In Tschechien wird Husák primär als der Totengräber des Reformprozesses gesehen. Der Spitzname "Föderalissimus Husák" macht ihn zum Symbol der Unterdrückung, prosowjetischer Kollaboration, der politischen Säuberungen und Prozesse, der Missachtung von Menschenrechten, des neostalinistischen Dogmatismus und der wirtschaftlichen Stagnation in den zwei Jahrzehnten 1969 – 1989. In der Slowakei wird er als ein Realpolitiker gewürdigt, der die historische Chance von 1968 für die Durchsetzung der Föderalisierung der Tschechoslowakei und damit der verfassungsmäßigen Anerkennung und Gleichstellung der slowakischen Nation im gemeinsamen Staat der Tschechen und Slowaken ergriffen hatte[21]. Sie wird als Grundlage der slowakischen Eigenstaatlichkeit nach 1992 gewürdigt.

Die Auswirkungen des kommunistischen Systems in der agrarisch geprägter Slowakei waren andere als im tschechischen Landesteil. Die Slowaken haben unter dem kommunistischen Regime den größten Urbanisierungs- und Industrialisierungssprung in ihrer Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg vollzogen. Trotz der Negativeffekte einer Modernisierung von oben gab es auch unter kommunistischen Bedingungen ein Heranwachsen des kulturellen und professionellen Potentials der Slowakei. Entsprechend positiv wurde in einer Umfrage im Jahr 1992 die Zeit des kommunistischen Regimes 1948-1989 in der Slowakei als die beste Periode der nationalen Geschichte bewertet[22]. Aufgrund der geringeren Polarisierung im Jahr 1968 fielen die politischen Säuberungen und die Repression nach 1968 in der Slowakei schwächer aus als im tschechischen Landesteil. Vor 1989 gab es bis auf die religiöse katholische Bewegung und einige ökologische Gruppen keine breitere aktive bürgerrechtliche Opposition gegen das kommunistische Regime.

Der plötzliche Zusammenbruch des Kommunismus traf die Slowaken relativ unvorbereitet. Das Land wäre 1989 eher reif für eine Perestrojka gewesen als für einen plötzlichen Kommunismussturz[23]. Die kommunistischen Eliten gaben ihre Macht nicht auf, sondern beteiligten sich in reformierter Gestalt an der Ablösung des alten Systems. Die neuen Eliten rekrutierten sich mehrheitlich aus den offiziellen Strukturen. Die 1989 spontan entstandene Bürgerbewegung stützte ihre moralische Autorität auf eine kleine Schar slowakischer Dissidenten. Ihr katholischer Teil, der im Land über die meisten Anhänger verfügte, setzte nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes deutliche Signale der Vergebung und nationaler Versöhnung nach dem spanischen Muster. Mit der Bitte um eine Amnestie für ihre Verfolger von der Staatssicherheit (StB) oder ihrer ostentativen Teilnahme am Begräbnis Gustav Husáks haben die bekannten Dissidenten Mikloško und Čarnogurský klare Zeichen gesetzt.

Fußnoten

21.
Sikora, Stanislav: Zanechal nám federáciu, a to nie je málo, in: Pravda 7.11.2006.
22.
Institut pro výzkum veřejného mínění IVM-09-1992.
23.
Bútora, Martin, Bútorová, Zora: Neznesitelná lahkost rozchodu, in: Kipke, Rüdiger, Vodička, Karel (Hg.) Rozloučení z Československem, Praha 1993, S.125; Szomolányi, Soňa: Kl´ukatá cesta Slovenska k demokracii, Bratislava 1999, S.40-43

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