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22.8.2018 | Von:
Jan Pauer

50 Jahre nach Prag 68

"Gemäßigte Dekommunisierungspolitik"

Die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit stand in der Slowakei nicht im Zentrum des politischen Diskurses nach 1989. Die Ablehnung der tschechischen "Lustrationen", d.h. politische Berufsverbote für bestimmte öffentliche und politische Ämter in der Slowakei war Ausdruck eines anderen Umgangs mit der kommunistischen Vergangenheit. Die Slowakei hat eine gemäßigte Dekommunisierungspolitik betrieben. Zu den Ergebnissen des milden Umgangs mit der kommunistischen Vergangenheit gehört es, dass der prominenteste Unterzeichner des Einladungsbriefes für die "brüderliche Hilfe" am 21. August 1968 und führende prosowjetische Putschist Vasil Bilak sich für seine Taten nie vor einem Gericht verantworten musste. Trotz einer Dokumentation von rund 23.000 Seiten und der kriminalistischen Überprüfung der Echtheit seiner Unterschrift am Originaldokument in Moskau hat sich der einzige damals noch lebende Putschist nie vor einem Gericht verantworten müssen. Das Strafverfahren wurde 2011 wegen eines vermeintlichen Mangels an Zeugen aus Tschechien eingestellt[24]. Am Unwillen einer unbequemen strafrechtlichen Auseinandersetzung änderte auch eine Einzelaktion eines slowakischen Abgeordneten nichts, der im August 2012 einen gemieteten Panzer vor der herrschaftlichen Villa von Bilak in Bratislava geparkt hat, um ihm den Blick in den Panzerlauf zu ermöglichen[25].

In der Slowakei gab es nach 1989 eine generell positivere Einstellung zum Erbe des Reformprozesses 1968. Der "dritte Weg" und der Sozialismus wurden auch im konservativ-liberalen Spektrum nicht zu einem Schimpfwort wie in Tschechien. Es gab weder einen Streit um die historische Bedeutung des "Prager Frühlings" noch spielte sein Erbe eine entscheidende Rolle bei der Parteienbildung und ihrer politisch-ideologischen Verortung nach 1989.

Alexander Dubček gehört als der weltweit bekannteste Slowake längst in den nationalen Pantheon. Parteiübergreifend wurde nach 1989 seine politische Autorität anerkannt. Dennoch blieb, solange er lebte, sein machtpolitischer Einfluss auch in der Slowakei eher bescheiden. Nach seinem tragischen Tod bei einem Autounfall im Jahr 1992 fanden die Spitzen der tschechischen Politik keine Zeit, um in würdiger Vertretung an seinem Begräbnis in Bratislava zu erscheinen. Die höchste tschechische Auszeichnung, den "Orden des Weißen Löwen" I. Klasse, die Václav Havel bei seinem Abschiedsbesuch Ende Januar 2003 in der Slowakei Alexander Dubček in memoriam verliehen hat, sollte die kleinliche Reaktion der tschechischen Politik nach Dubčeks Tod korrigieren.
21 Jahre nach 1968. Die "samtene Revolution" nimmt in der CSSR ihren Lauf. Vor einer Menge von 500.000 Menschen spricht in Prag am 26. November 1989 der Schriftsteller und spätere tschechische Präsident Vaclav Havel. Hinter ihm Vaclav Maly als Sprecher der Charta 77, der Reformpolitiker Alexander Dubcek und der letzte kommunistische Ministerpräsident der Tschechoslowakei, Ladislav Adamec (r.)21 Jahre nach 1968. Die "samtene Revolution" nimmt in der CSSR ihren Lauf. Vor einer Menge von 500.000 Menschen spricht in Prag am 26. November 1989 der Schriftsteller und spätere tschechische Präsident Vaclav Havel. Hinter ihm Vaclav Maly als Sprecher der Charta 77, der Reformpolitiker Alexander Dubcek und der letzte kommunistische Ministerpräsident der Tschechoslowakei, Ladislav Adamec (r.) (© picture-alliance, CTK)

In beiden Nationen Gedenken ohne tiefere Reflexion

Typisch für die Umwandlung des überzeugten Anhängers gemeinsamer tschechoslowakischer Staatlichkeit in ein slowakisches Nationalsymbol war auch die Reaktion der tschechischen Politik auf die jüngste Auslassung des tschechischen Präsidenten Miloš Zeman im Januar 2018 über Dubčeks Rolle im August 1968. Dieser habe in Moskau "die Hose voll gehabt"[26]. Bekannterweise benahm sich Dubček im Kreml mutig und gab erst dem Druck seiner eigenen Genossen nach. Der tschechische Kulturminister sah sich veranlasst, sich für die Beleidigung des slowakischen Volkes zu entschuldigen.

Auch zum 50. Jahrestag von Prag 1968 am 21. August 2018 verzichtete Zeman auf eine Rede, während sein slowakischer Amtskollege Andrej Kiska zumindest eine aufgezeichnete TV-Ansprache ausstrahlen ließ. Demonstrativ wurde sie auch vom tschechischen Fernsehen gesendet. Solche Possen sind weit entfernt von einer seriösen Reflexion über bedeutsame historische Ereignisse. In der Slowakei dominiert der nationale Blick auf die kommunistische Vergangenheit und den Reformprozess von 1968. Aber ähnlich wie in Tschechien wird ein Gedenken ohne tiefere Reflexion zelebriert.

Die tschechische und slowakische Historiographie haben sich auf die Dokumentation und historische Rekonstruktion der damaligen Ereignisse konzentriert. Es gibt – neben der weitgehend ideologisch geführten Ablehnung des Reformversuchs im radikal antikommunistischen Diskurs - keine öffentlichen Streitdebatten oder konträre Sichtweisen auf den Prager Frühling, die über den nationalen Tellerrand hinausgingen.

Diskussionen darüber, wie der Prager Frühling international im Kontext der 1960er Jahre zu verorten ist, wie er weltweit angesichts der Globalisierung der Bilder in der damaligen Zeit rezipiert wurde, Fragen nach seiner europäischen Bedeutung im Kontext des einsetzenden menschlichen, kulturellen und intellektuellen Ost-West-Transfers oder Fragen nach dem Zusammenhang von Zeit- und Denkhorizonten mit den jeweils vorherrschenden moralischen und normativen Einstelllungen, dem Aufkommen eines weltweiten politischen Idealismus tauchen nur am Rand der wissenschaftlichen Diskurse auf. Aber jenseits der stereotypen Deutungen von der Nichtreformierbarkeit des Kommunismus und dem notwendigen Scheitern des Reformversuchs von 1968 werden Umrisse einer historischen Zäsur sichtbar:

Das zivilgesellschaftliche Erbe des Prager Frühlings legte die Grundlagen für die osteuropäischen Bürgerrechtsbewegungen der 1970er und 1980er Jahre und ermöglichte die Erkenntnis, dass die Wiedergewinnung demokratischer Freiheiten nicht nur den kürzesten Weg zur friedlichen Überwindung der kommunistischen Diktatur, sondern auch zur Überwindung der europäischen Spaltung bedeutet. In diese Richtung weiter zu forschen, lohnt.
Und heute? Am Abend des 21. August 2018 versammelten sich etwa 100.000 Menschen auf dem Wenzelsplatz in Prag, verfolgten Zeitzeugengespräche, sahen Filmaufnahmen aus dem August 1968 und erinnerten mit  einem Konzert namhafter Showstars an populäre Songs während der Aufbruchsstimmung im Land vor 50 Jahren. Am Rande demonstrierte auch eine Facebook-Aktionsgruppe unter dem Banner "Die Okkupation ist jetzt", die Politikern aus der gegenwärtigen Regierung Tschechiens und aus Russland vorwirft, durch zunehmend populistische Machtpolitik die Demokratie in Tschechien erneut zu gefährden.Und heute? Am Abend des 21. August 2018 versammelten sich etwa 100.000 Menschen auf dem Wenzelsplatz in Prag, verfolgten Zeitzeugengespräche, sahen Filmaufnahmen aus dem August 1968 und erinnerten mit einem Konzert namhafter Showstars an populäre Songs während der Aufbruchsstimmung im Land vor 50 Jahren. Am Rande demonstrierte auch eine Facebook-Aktionsgruppe unter dem Banner "Die Okkupation ist jetzt", die Politikern aus der gegenwärtigen Regierung Tschechiens und aus Russland vorwirft, durch zunehmend populistische Machtpolitik die Demokratie in Tschechien erneut zu gefährden. (© bpb, Holger Kulick)

Zu weiteren Texten & Dokumenten aus dem bpb-Dossier Prag 1968

Fußnoten

24.
Bilaka už súd nevypočuje SME 24.1.2011
25.
Pravda 31.8.2012
26.
Lidové noviny 9.1.2018

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