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20.8.2018 | Von:
Joachim Jauer

Menschen, die 1968 prägte

Der Dissident mit dem Hirtenstab - Eine Begegnung mit dem Prager Weihbischof Václav Malý

Sehr schnell erfuhr ich damals, dass Václav Malý sein Priesteramt nicht ausüben durfte, also weder öffentlich Eucharistie feiern, predigen oder Gemeindearbeit leisten konnte. Weihbischof Malý begründet das heute so: "Anfang 1977 entstand die Charta und ich habe diese Erklärung unterzeichnet. Das war für mich eine Lebensentscheidung. Ich hatte Menschen in der Kirche ermutigt, tapfer zu sein und in der Wahrheit zu leben. Aber zu der gesellschaftlichen Lage habe ich geschwiegen. Diesen Widerspruch habe ich gespürt und das war für mich eine Befreiung. Das habe ich dann auch in der Kirche öffentlich gesagt. Ich kritisierte das System und ich ermutigte die Gläubigen, nicht leise zu schimpfen und laut zu schweigen". Schon während des Theologiestudiums hatte Malý die dubiose Organisation "Pacem in terris" scharf kritisiert, der Priester angehörten, die mit dem Regime in der CSSR kollaborierten. Ihm wurde deshalb zunächst von der Kirchenleitung die Priesterweihe verweigert. Im Juni 1976 wurde er dann doch regulär im Prager Veitsdom geweiht. Später wurde er auch Gründungsmitglied des "Komitees zur Verteidigung der ungerecht Verfolgten". Die Folge war, dass der Staat ihm die Lizenz entzog, in der Öffentlichkeit als Priester zu arbeiten.

Wieder kritisierte auch die Kirche Malýs Engagement, weil sie weitere Konfrontation mit dem kommunistischen Regime vermeiden wollte. Es gab lange Zeit Probleme auch mit dem damaligen Kardinal Tomasek, weil der junge Priester sich nach dessen Ansicht zu stark in der Opposition engagiert hat. "Das war für mich schmerzlich", erinnert sich der Weihbischof. "Ich wurde dafür verachtet, dass ich mich nur für Politik interessiere, aber ich war immer Priester und ich wollte das Priestertum nicht verlassen. Das war sehr schwierig, das dem Kardinal und anderen zu erklären. Also ich war für sie ein verlorener Sohn. Und ich hatte mehr Verständnis in den Reihen der "Chartisten 77", die nicht gläubig waren". Erst zwei Jahre vor der Wende hat der greise Kardinal den "verlorenen Sohn" in die Arme geschlossen. So ging Malý einen sehr einsamen Weg als geheimer Priester. "Selbstverständlich war das Berufsverbot sehr schwer für mich", sagt Malý, "Ich habe begonnen, manuell zu arbeiten". Ein freundlicher Ausdruck dafür, dass der Staat ihm Strafarbeit auferlegte. Doch zunächst kam Václav Malý ins Gefängnis. Er blieb sieben Monate in Haft.

"Die Monate im Gefängnis, die waren unangenehm aber geistlich eine sehr wichtige Zeit", erinnert sich Malý. "Man hat mich in eine Zelle mit Mördern gesteckt. schlimme Leute. Einer hat die Mutter von zwei Kindern umgebracht, der zweite hat seine Mutter, der dritte hat einen Taxichauffeur ermordet. Und ich musste mit ihnen zusammenleben. Die Zelle mit der Toilette war zwei Meter mal vier Meter, also sehr klein. Ich musste mich dort vor den anderen nackt ausziehen. Und ich habe erfahren, wie wichtig es ist, mit Menschen zu kommunizieren, die nicht so sympathisch sind. Ich habe gelernt zu beten".

Arbeiter-Priester

In den Jahren danach arbeitete Malý als Heizer in verschiedenen Prager Hotels. Öffentlich lebte er das normale Leben eines Arbeiters, geheim hat er als Priester gewirkt. Er hat in Wohnungen Eucharistie gefeiert, Bibelstunden gegeben, Taufen und Hochzeiten vorbereitet. Das war ein Netzwerk von Katholiken in und um Prag, zur Sicherheit nur kleine Gruppen, fünf, sechs oder zehn Menschen. Später wurde der "Arbeiter-Priester" als Toiletten-Reiniger für die U-Bahnbauer eingesetzt. "Das waren Leute, die nichts von der Kirche gekannt haben. Ich wurde immer wieder gefragt: Du bist Priester, was ist das? Sie haben viel getrunken, sie haben gestohlen. Meine Arbeit und die Gespräche mit den Arbeitern, das war eine gute Schule".

Der Revolutionär mit dem Vater Unser

Herbst 1989: Wie bei einem Dominoeffekt kam das Ende von Moskaus Satelliten. In Berlin erzwangen Zehntausende am 9. November die Öffnung der Mauer. Am Tag nach dem Mauerfall wurde in Bulgarien der kommunistische Diktator Shiwkow gestürzt. In Polen hatte die Solidarnosc bereits freie Wahlen durchgesetzt und eine erste demokratische Regierung erkämpft. Ungarn war auf dem Weg zur Demokratie. Nur eine Woche nach der Öffnung von Mauer und Grenze zur Bundesrepublik begann im tschechischen Prag und im slowakischen Bratislava die "Samtene Revolution". Niemand aus der Charta-Opposition hatte Malý jemals predigen gehört, doch nun sollte der " Priester, der "reden kann" Moderator der Demonstrationen auf dem Wenzelsplatz werden. Er rief die Menschen zu Gewaltlosigkeit auf und kündigte Reden der prominenten Führer der Opposition an, den Schriftsteller Václav Havel und den Ex-Kommunisten Alexander Dubcek. Den Höhepunkt der "Samtenen Revolution" setzte aber Malý selbst. Zwei Polizisten in Uniform traten vor einer Million Menschen auf und baten um Verzeihung für die vielen Prügel gegen Demonstranten. Václav Malý forderte die Menge auf, den Polizisten zu vergeben, denn jeder sei in der Diktatur schuldig geworden, durch Schweigen, Wegschauen oder durch Mittun.
21 Jahre nach 1968. Die "samtene Revolution" nimmt in der CSSR ihren Lauf. Vor einer Menge von 500.000 Menschen spricht in Prag am 26. November 1989 der Schriftsteller und spätere tschechische Präsident Vaclav Havel. Hinter ihm Vaclav Maly als Sprecher der Charta 77, der Reformpolitiker Alexander Dubcek und der letzte kommunistische Ministerpräsident der Tschechoslowakei, Ladislav Adamec (r.)21 Jahre nach 1968. Die "samtene Revolution" nimmt in der CSSR ihren Lauf. Vor einer Menge von 500.000 Menschen spricht in Prag am 26. November 1989 der Schriftsteller und spätere tschechische Präsident Vaclav Havel. Hinter ihm Vaclav Maly als Sprecher der Charta 77, der Reformpolitiker Alexander Dubcek und der letzte kommunistische Ministerpräsident der Tschechoslowakei, Ladislav Adamec (r.) (© picture-alliance, CTK)



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