Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Paul Duguid

Die Suche vor grep

Eine Entwicklung von Geschlossenheit zu Offenheit?

Suche, Speicherung, Organisation

Um grep und Google richtig zu verstehen, müssen wir über die bloße Suche hinausgehen und uns mit Speicherung und Organisation befassen. Googles Aufgabe ist, aus seiner eigenen Sicht die "Information der Welt zu organisieren", um sie "allgemein zugänglich und nützlich zu machen."(8) Die wirkliche Macht Googles liegt heute weniger in seinen innovativen PageRank-Algorithmen als in seinem riesigen Bestand an offener Information (die von der nicht so offenen Information, die Google aus den Suchen in diesem Bestand gewinnt, verfeinert und mit tags versehen werden), dem also, was Battelle als Googles "Datenbank der Intentionen" bezeichnete.(9) Das Verhältnis zwischen Speicherung und Suche ist wichtig, denn wenn wir den Blick auf die ferne Vergangenheit richten, dann finden wir vorwiegend Zeugnisse der Speicherung, aus denen wir den historischen Charakter der Suche nur ableiten können.(10) Ein sehr früher, aber merkwürdig vertrauter Eindruck der Speicherung ist am Anfang des antiken Gilgamesch-Epos zu finden, wo von Zedernholzkisten mit Bronze-Verschlüssen die Rede ist, die Tafeln aus Stein und Lapislazuli enthalten – wobei Stein das erste Medium ist, auf dem menschliche Ideen aufgezeichnet wurden, und verschiedene Arten von Kisten damals ein Aufbewahrungs- und Ordnungssystem darstellten und dies auch noch heute tun. Die relativ wertvollen Werkstoffe Zedernholz, Bronze und Lapislazuli deuten auf eine bestimmte Ordnungshierarchie hin und machen deutlich, dass die Abenteuer von Gilgamesch eine Geschichte waren, die es verdiente, erhalten zu werden.(11)

Im Nahen Osten der Antike, in dem Gilgamesch angesiedelt ist, wurde Stein schon bald durch Ton ersetzt. Dieser ist im nassen Zustand formbarer, im trockenen Zustand jedoch fast so haltbar wie Stein. Seiner Haltbarkeit ist es zu verdanken, dass wir Kenntnis von alten Sammlungen in dieser Region haben, wie etwa von der "Bibliothek" des königlichen Palasts in Ebla (ca. 2300 v. Chr.), deren robuste Tontafeln bis heute erhalten geblieben sind.(12) Sie vermitteln uns eine Vorstellung davon, was gespeichert und vermutlich gesucht wurde. Buchhaltungs- und Verwaltungsdaten und religiöse Gesänge herrschen in diesen und anderen frühen Bibliotheken vor, aber auch zweisprachige Wortlisten und andere Vorläufer konventioneller Nachschlagewerke sind zu finden. Frühe Sammlungen waren relativ klein (der Raum in Ebla maß nur ca. 3,5 x 4 Meter). Allerdings wurde in dieser Region und in den nächsten zwei Jahrtausenden das Anlegen von Sammlungen um vieles ehrgeiziger, während die Inhalte zunehmend von weniger praktischer Natur waren und immer mehr im Bereich der freien, anstatt der unfreien Künste angesiedelt waren. Große Sammlungen, so wie die Bibliothek von Ninive, die vor allem von dem gelehrten assyrischen Herrscher Aššurbanipal angelegt wurde, sowie die ikonischen Bibliotheken von Alexandria, die unter Ptolemäus I und II errichtet wurden, schufen mit zunehmendem Selbstbewusstsein Platz für Philosophie, Astronomie, und literarische Werke wie Gilgamesch. Sie nahmen auch an absoluter Größe zu: die Sammlungen von Alexandria umfassten mehr als 500.000 Objekte.

Die relativ kleine Vielfalt von Dokumenten in Ebla scheint nach Typus abgelegt worden zu sein und wurde vermutlich von den Gelehrten benutzt, die diese und ähnliche Werke geschaffen haben. Demnach wären aufgrund der direkten Kenntnis der Dokumente kaum "Suchhilfen" erforderlich gewesen. Doch in dem Maße, wie die Sammlungen an Umfang zunahmen und auch von anderen benutzt wurden, stellte sich auch die Notwendigkeit von anspruchsvolleren Ordnungs- und Suchsystemen ein. Die Sammlung von Hattuša (2. Jahrtausend v. Chr.) benutzte ein Kolophon-System, um jedes Dokument zu identifizieren. Dieses lässt auf eine Art Zentralkatalog schließen, der benutzt wurde, um bestimmte Dokumente zu finden und zu durchsuchen. Einen ähnlichen Zweck erfüllen die Buchrücken in modernen Bibliotheken. In Alexandria stellte der erste Leiter Zenodotos die Bestände nach Typus auf und führte den alphabetisch geordneten Katalog ein. Kallimachos, möglicherweise ein weiterer Leiter der Bibliothek, führte später einen komplexeren Katalog ein (der selbst 120 Bände umfasste), in welchem die Werke nach Autor und Kategorie sortiert waren, wobei die Autoren auf die "herausragenden" beschränkt wurden und die Kategorien in Unterkategorien unterteilt waren. Damit stellte er einen Rahmen von hierarchischen Ordnungen für die Sammlung her, wie er auch heute noch zur Verwaltung großer, komplexer Bibliotheken eingesetzt wird.(13)

Immutable Mobiles

Dass solche Sammlungen auf Basis verschiedener verstreuter Quellen aufgebaut, zusammengestellt und aufgezeichnet werden konnten (durch Erwerb oder aggressivere Formen der Aneignung), weist auf die Mobilität, Anpassungsfähigkeit und in gewissem Maße die modulare Autarkie der Werke in diesen Sammlungen hin.(14) Im äußersten Fall lässt sich diese Mobilität mit der Immobilität etwa von Höhlenmalereien, Wandreliefen u. ä. vergleichen.(15) Eine derartige Sammlung aufzubauen und zu organisieren, wäre auch mit den Steintafeln des Gilgamesch schwierig gewesen, war jedoch mit den Papyrus- und Pergamentdokumenten von Alexandria viel einfacher. Latour hat für diese Dokumente den nützlichen Begriff der immutable mobiles geprägt, und im Übergang von Stein auf Papyrus zeichnet sich eine Spannung zwischen den beiden Teilen dieses Begriffs ab.(16) Die zunehmende Mobilität und Faltbarkeit, die den Aufbau, die Organisation und das Durchsuchen dieser großen Sammlungen ermöglichte, stellten eine Herausforderung für jene Immobilität dar, welche es möglich machte, dass Dokumente im Verlauf der Zeit unveränderlich blieben.

Stein und Ton widerstanden der "alles verschlingenden Zeit", aber auch der Organisation. Im Gegensatz dazu konnten Papyrus und Pergament relativ leicht organisiert, neu geordnet und zusammen genäht werden, waren aber auch empfindlicher und konnten leichter beschädigt werden, absichtlich oder unabsichtlich. Der Inhalt der sumerischen "Tafelhäuser", der zum Großteil aus dem Äquivalent der heutigen Ephemera bestand, hat 5.000 Jahre bemerkenswert intakt überstanden, der Inhalt der Bibliothek von Alexandria ist so gut wie verschwunden.(17)

Trotz der zunehmenden Empfindlichkeit scheint der Mobilität der Vorzug gegeben worden zu sein, außer bei monumentalen Inschriften. Die Texte wanderten von Stein auf Ton und weiter auf geschmeidigere Materialien. Welche Materialien eingesetzt wurden, war zum Teil eine Frage der geographischen Lage. Alexandria nutzte die am Nil wachsenden Pflanzen, um Papyrus herzustellen. In Griechenland und Rom, wo Papyrus nicht verfügbar war, wurden bibliothekarische Dokumente vorwiegend auf Pergament (der Name geht auf die große Bibliothek von Pergamon zurück), kurzlebigere Schriften auf Ton oder Wachs aufgezeichnet. Im Norden Indiens wurde Birkenrinde verwendet, im Süden Palmblätter, in China Holztafeln, Bambus und Seide. Doch der Ort war nicht das alleinig Ausschlag gebende. In Indien etwa machte der Status der Rinder die Verwendung von Pergament unmöglich.

Die chinesische Erfindung des Papiers, das so gut wie überall hergestellt werden kann und keine verbreiteten Tabus verletzt, setzte sich letztlich bei fast allen Dokumenten als Trägermaterial durch. Selbst heute wird Papier noch gerne als Trägermaterial verwendet (manchmal sogar als Versicherung gegen den Verfall digitaler Speichermedien), obwohl es vielleicht das instabilste aller genannten Materialien außer Wachs ist, was darauf schließen lässt, dass die Mobilität in Latours Begriffspaar gegenüber der Unveränderlichkeit wohl triumphiert.(18) Wenn das Druckhandwerk, wie manche behaupten, mit der chinesischen Tradition des Kopierens konfuzianischer Klassiker mit Papierabdrucken von Steingravierungen begann, dann erfasst dieser Prozess auch den symbolischen Übergang der Kommunikation von primär unveränderlichen zu primär mobilen Medien. Das Papier, das leichter als die meisten Alternativen markiert und verändert, geklebt, genäht und geheftet werden konnte, eröffnete neue Möglichkeiten der Speicherung, Ordnung und Indizierung. Die Einführung des Papiers sollte jedoch nicht einfach als linearer Fortschritt in Richtung von Brands Freiheit und Autonomie verstanden werden. Die wichtigsten Eigenschaften des Papiers lassen darauf schließen, dass seine Attraktivität hauptsächlich mit seiner Eignung für institutionelle Sammlungen zusammen hing, welche im Gegenzug Schutz gegen seine fehlende Widerstandsfähigkeit boten.(19) Papier hat zweifellos zu wirksameren Suchtechniken beigetragen, allerdings innerhalb und nicht abgeschottet von institutionell verankerten Organisationshierarchien.


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