Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Paul Duguid

Die Suche vor grep

Eine Entwicklung von Geschlossenheit zu Offenheit?

Schlechte Interpunktion

In der Bedeutung dieser neuen materiellen Grundlage für die Suche spiegelt sich wohl auch die Eignung des Papiers für eine neue Dokumentenform, eben jenen Kodex, der Mitchells Spott auf sich zog. Was wir heute unter dem modernen Buch verstehen, mit seinem harten Umschlag und den sequentiellen, einzelnen Seiten, die aus größeren Bögen hergestellt werden, ersetzte allmählich die Schriftrolle, als Papier an die Stelle von Pergament trat. Da diese beiden zusammen gehören (Papier lässt sich leichter falten als Papyrus oder Pergament, die sich besser für Rollen eignen), ist es einfach, eine Geschichte zu erzählen, in der eine neue Technologie aufgrund ihrer besseren Eignung für den naturgegebenen menschlichen Drang des Informationsammelns eine alte ersetzt. Kilgour, der diese Auffassung vertritt, erklärt die großen Lücken in diesem Ablöseprozess, in denen nichts Interessantes geschieht, mit Hilfe von Goulds Begriff des punktuellen Gleichgewichts.(20)

Solche Geschichten der Unterdrückung, der Auslöschung und des Gleichgewichts müssen mit Vorsicht behandelt werden. Allzu oft werden die alten Technologien als primitiv und statisch dargestellt, um die neuen Technologien als anpassungsfähig zu loben.(21) Die Schriftrolle war in Wahrheit eine sehr anpassungsfähige Form, innerhalb derer manche der langlebigsten Merkmale des Suchapparats – die wir meist mit dem Kodex und dem Druck assoziieren – entstanden sind.(22) Was die Anpassungsfähigkeit der Schriftrolle an menschliche Bedürfnisse betrifft, war diese ungemein handlich. Sie ließ sich leicht transportieren, aber auch verbergen, weshalb Sokrates Phaedros mit der Frage neckte, was er denn unter seinem Mantel verberge (eine Frage, die auch Derrida quälte). Freilich hat auch der Kodex seine Vorteile. Er konnte viele der Merkmale der Schriftrolle importieren, aber auch neue, bisher unbekannte hinzufügen. Er ermöglicht es zum Beispiel, auf zwei Seiten eines Dokuments zu schreiben (was natürlich auch bei Tontafeln möglich war). Er wies der Seite (und der Doppelseiten-Faltung) eine wichtigere semantische Rolle zu und führte einen klar gezogenen Rand ein, der für Anmerkungen und Noten von Bedeutung ist.(23) Auch wenn der Kodex vielleicht nicht leicht zu transportieren war, so war er leichter zu lagern und zu stapeln, was ein weiterer Hinweis darauf ist, dass Fragen der Lagerung und der Organisation Vorrang gegenüber dem individuellen Zugang hatten. Überdies konnte, wie der römische Dichter Martial feststellte, ein kleiner Kodex, auch membrana genannt, mit nur einer Hand gehalten und gelesen werden (eine Möglichkeit, die Rousseau reizte).

Aber auch wenn die Vorteile gegen die Nachteile abgewogen werden, sollte man sich vor vereinfachenden Schlussfolgerungen bezüglich Überleben und Aussterben hüten. Angesichts ihrer etwas unterschiedlichen Eigenschaften und Potenziale ist es nicht überraschend, dass diese beiden Formen – die Schriftrolle und der Kodex – parallel existierten, wie an einem berühmten Gemälde von Pompeij zu sehen ist, wo eine Figur einen Kodex hält und die andere eine Schriftrolle. Die Periode dieser Überschneidung war keineswegs kurz. Der ursprüngliche Wachs- und Holzkodex (von dem die Bezeichnung stammt; Kodex = Holztafel) existierte als praktisches Notizbuch schon lange, bevor er zu einem herausragenden Gegenstand der Hochkultur und zu einer Bedrohung für die Schriftrolle wurde. Clanchy weist darauf hin, dass in England noch lange, nachdem sich der Kodex durchgesetzt hatte, Schriftrollen für rechtliche und politische Dokumente verwendet wurden, und dass die Schriftrolle zumindest bis ins späte 19. Jahrhundert als wichtigstes Aufzeichnungs-, Speicher und Organisationsdokument des Chancery Court in Verwendung war. Digitale, am Bildschirm wiedergegebene Dokumente zeigen außerdem, dass die Schriftrolle immer noch nicht ganz tot ist. Bei Googles Buchprojekt werden die Seiten der gescannten Bücher gescrollt, während in anderen, direkteren Übertragungsformen wie etwa Early English Books Online von Seite zu Seite gesprungen werden muss.

Ein breit angelegter Überblick

Auch wenn deutlich zu sehen ist, wie das gedruckte Buch über die handgeschriebene Schriftrolle triumphiert, ist es doch problematisch, einen evolutionären Zugang zur Entwicklung des Buchs als Werkzeug der Informationssammlung zu entwickeln. Um dies zu sehen, reicht der folgende, geographisch und historisch breit angelegte Überblick.(24) Sobald der Blick über Europa hinaus gerichtet wird, erscheint die gängige Geschichte des Triumphs des Westens zunehmend verwirrend. Wenn nur das Papier betrachtet wird und Hinweise beiseite gelassen werden, wonach es schon 300 Jahre vor seiner offiziellen Erfindung in China im Jahr 105 n. Chr. existierte, dann benötigt diese für viele zentrale Informationssammlungs-Technologie überraschend lange, um sich in andere Gesellschaften zu verbreiten, von denen die evolutionäre Sicht annimmt, sie seien ebenso informationsbesessen wie China gewesen. Es dauerte 500 – 600 Jahre, bis das Papier Indien und den Nahen Osten erreichte, und weitere 500 Jahre, bis die kurze Entfernung von dort nach Westeuropa überwunden war. China hatte im 8. Jahrhundert auch schon die Xylographie und im 11. Jahrhundert die beweglichen Lettern eingeführt. Doch obwohl sich mit Kodex und Papier in Europa und Byzanz eine solide Manuskriptkultur herausbildete, dauerte es immer noch bis zum 14. Jahrhundert, bis die Xylographie entwickelt wurde, und bis zum 15. Jahrhundert, bis die anscheinend so umwälzende Einführung der beweglichen Typen erfolgte. Außerdem erwies sich China trotz seiner Wertschätzung der Information als resistent gegen den reinen, leicht zu durchsuchenden Kodex und blieb stattdessen bis weit in das 17. Jahrhundert bei der "Sutra-Falzung".(25)

Obwohl sowohl Korea als auch Japan einen starken Einfluss auf China ausübten und ihrerseits von China beeinflusst wurden, folgten sie einer anderen Chronologie. Korea hatte bereits im 3. Jahrhundert das Papier, im 8. den Buchdruck, und 50 Jahre vor Gutenberg bewegliche, alphabetische Lettern, doch der volle Umfang des westlichen gedruckten Kodex und die Zeitung, die Febvre und Martin als zentrales Informationswerkzeug sehen, wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts von Japan "eingeführt". In der Zwischenzeit sah es fast so aus, als würde Japan die Evolution umkehren. Japan führte im frühen 7. Jahrhundert das Papier aus Korea ein und war im 8. Jahrhundert in der Lage, die viel gepriesenen Gebetssprüche der Kaiserin Shõtoku in einer Auflage von etwa einer Million zu drucken, doch Buchdruck zum Zweck des Lesens (die Sprüche verkörperten keinen kommunikativen, sondern einen rituellen Akt) wurde nicht bis ins 11. Jahrhundert entwickelt (deutlich vor Europa). Doch selbst dann fand er kaum Anklang, und die Typographie wurde erst wieder mit den Jesuiten im 17. Jahrhundert eingeführt.

Die indischen Palmblätter-Bücher oder Pothi haben möglicherweise die Sutra-Falz in China inspiriert. Auch Indien hatte ab dem 6. Jahrhundert Papier. Allerdings setzte sich sein Einsatz erst 700 Jahre später allgemein durch, und obwohl die Briten in Indien Druck verwendeten, nutzten die Inder diese Technik bis in das späte 19. Jahrhundert kaum für sich selbst. Wie Bailye in Empire and Information zeigt, verfügten die indischen Gesellschaften über hoch entwickelte Kommunikationssysteme. Daher muss die Erklärung in der "Informationsordnung als Ganzem liegen, und nicht in einer bestimmten Dimension davon."(26) Die islamischen Kulturen kannten den Kodex fast von Anfang an, und das Papier ab dem 9. Jahrhundert. Vom islamischen Nahen Osten aus verbreitete sich das Papier langsam nach Europa und Byzanz (in letzterem wurde das Papier nach seinem Ursprungsort "Baghdad" genannt). Während es in den islamischen Gemeinschaften oft jüdische und christliche Druckereien gab, verbreitete sich der Druck in den islamischen Kulturen selbst erst im späten 19. Jahrhundert. Die jüdischen Gemeinschaften ihrerseits dürften den Kodex erst im neunten Jahrhundert angenommen haben, während sie bis zu diesem Zeitpunkt zumindest in den Augen der Christen über ihre Nähe zur Schriftrolle identifiziert wurden.(27)

Dieser geschichtliche Abriss mag unzureichend sein, aber er macht es schwierig, einem einfachen Technikdeterminismus das Wort zu sprechen, oder von einem fundamentalen Informationsimperativ der menschlichen Natur auszugehen. Es wird allgemein anerkannt, dass sich der Kodex im Westen weniger wegen seiner kommunikativen oder suchfreundlichen Eigenschaften verbreitete, sondern als Kennzeichen einer Religionszugehörigkeit. Er verbreitete sich mit dem Christentum, da die Christen ihn einsetzten, um sich von älteren Religionen, die die Schriftrolle verwendeten, abzusetzen. Ähnlich wie iPhone oder iPod war der Kodex gleichermaßen ein kulturelles Kennzeichen und eine effiziente Technologie der Informationsbereitstellung. Es wäre natürlich verfehlt, nicht anzuerkennen, dass der Kodex in Praktiken eingebunden wurde, die uns zunehmend informationszentriert und technisch determiniert erscheinen. Doch es ist wichtig, diese Praktiken nicht von einer breiten Palette anderer zu isolieren, die sich nicht so einfach reduzieren lassen. Im Westen war der Kodex ein religiöses Instrument, und lange Zeit wurde seine Entwicklung als Such-, Organisations- und Speichertechnologie von den Veränderungen beeinflusst, die der Gebrauch dieser Texte in der betreffenden Religion erfuhr. Die Entwicklungen in der christlichen Lehre veränderten das Erscheinungsbild und den Gebrauch des Kodex während der langen und oft unterschätzten Zeitspanne zwischen seiner ersten Verbreitung und seiner Entwicklung zum wichtigsten Printmedium im Westen. Besonders in der außergewöhnlichen Zeit zwischen dem 11. und dem 14. Jahrhundert ersannen christliche Gelehrte neue textuelle und intertextuelle Ressourcen, um den Zugang, die Suche und die Referenzierung zu erleichtern. Diese Fortschritte könnte man sich beinahe als Wegbereiter des Drucks vorstellen. Aufgrund der Verbreitung der Minuskel in Westeuropa und Byzanz, aber auch der Silbentrennung, der Absatzbildung und der Zeichensetzung wurde der Text in leichter zugängliche Teile zergliedert. Ebenso entwickelte sich der paratextuelle Apparat, welcher zunehmend anspruchsvolle Fußnoten, Kurztitel, Randglossen, Inhaltsverzeichnisse, alphabetische Indexe und die Seitenzahl umfasste. Das gedruckte Buch erbte all diese Neuerungen, einige von ihnen, wie Seitenzahl und Randglossen, mit Schwierigkeiten.(28) In der frühen Periode des Drucks scheint sich die Suchmöglichkeit sogar nach hinten zu entwickeln, was darauf hinweist, dass sie kein so bedeutender Imperativ war, wie Autoren wie Kilgour und Eisenstein meinen.


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