Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Paul Duguid

Die Suche vor grep

Eine Entwicklung von Geschlossenheit zu Offenheit?

Veränderlichkeit, Verlässlichkeit, Verifizierung

Um die Veränderungen der Suche zu verstehen, ist zu bedenken, dass sich in den letzten Jahrhunderten der Handschriften-Ära auch der soziale Kontext des Buchs veränderte. Sowohl die Produktion als auch die Nutzung ließen die kontrollierten Grenzen des Klosters hinter sich und verbreiteten sich in den weniger geordneten Umgebungen der Städte und Universitäten. Innerhalb des wachsenden Berufsfelds des Buchhandels bildeten sich neue Produktionszentren außerhalb der geschlossenen Skriptorien, während außerhalb der Klosterbibliotheken eine neue Leserschaft entstand. Es war eher in diesem Umfeld, und nicht in der alten klösterlichen Umgebung, dass sich die oben beschriebenen neuen Suchwerkzeuge entwickelten. Doch um über einfache Suchwerkzeuge hinauszugehen und den Suchenden zu helfen, das Gefundene zu beurteilen, mussten sich diese neuen Einrichtungen neuerlich mit der – diesmal von ihnen selbst verursachten – Spannung auseinandersetzen, die auftritt, wenn die zunehmende Mobilität der Texte und der Textproduktion die Stabilität, oder, in Latours Begriffen, die Unveränderlichkeit des Texts bedrohen. Im Zuge der Verbreitung der Buchproduktion und -nutzung kam diese Bedrohung nicht so sehr von den einzelnen, verfallenden Dokumenten, sondern von den Variationen "desselben" Texts, die im Zuge der Verbreitung von Kopien eingeführt wurden. Diese Möglichkeiten der Änderungen und Verfälschung waren zahlreich. Einerseits gab es legitime Änderungen. St. Bonaventura traf eine berühmt gewordene Unterscheidung zwischen vier Arten des Kopierens. Deren niedrigste war lediglich eine wörtliche Wiederholung des Originals, doch höhere Ebenen der Schreibpraxis erlaubten die Hinzufügung von Kommentaren anderer Autoren, oder des Schreibenden selbst, der schließlich als neuer Autor anerkannt wurde.(29) Auf der anderen Seite gab es nicht legitime Änderungen, die manchmal auf Inkompetenz zurück gingen, manchmal aber auch Ausdruck verschiedenster Arten der Fälschung und der Falsifizierung waren. Wie Clanchy zeigt, waren sogar Klöster gezwungen, Fälschungen vorzunehmen, wobei manchmal "falsche Fälschungen" und manchmal "echte Fälschungen" hergestellt wurden, eine Unterscheidung, die dieses Thema noch weiter verkompliziert.(30)

Nach Cavallo und Stock entwickelte sich der Kodex in der westlichen christlichen Kultur in jenem Zeitraum zu einer Form der Autorität, als sich die Produktionszentren verbreiteten und das Lesepublikum anwuchs. Die Veränderlichkeit, die neue Orte und Herstellungsverfahren mit sich brachten, stellten jedoch die potenzielle Autorität des Buches wieder in Frage. Veränderlichkeit – in diesem Fall weniger innerhalb der Kopien als zwischen ihnen – stellt insbesondere für neue Leser eine Herausforderung dar. Denn wenn ein Leser ein Buch zur Hand nimmt, um nach neuen Ideen zu suchen, die Materie aber nicht gut kennt, dann wird er kaum in der Lage sein, die Verlässlichkeit der Information zu beurteilen.(31) So kann leicht ein Markt für falsches Wissen entstehen.(32) Im Rückblick sieht es so aus, als ob die widersprüchlichen Anforderungen an die Auffindbarkeit von Werken einerseits und die Verlässlichkeit des Gefundenen andererseits zu einer Entwicklung weg von der "freien" Information, wie man heute sagen würde, hin zu Formen der Informationsbeschränkung führten. In der Welt des Buches wurden mehrere Arten dieser Beschränkung entwickelt.

Eine Lösung stammt aus der islamischen Tradition. Hier wurden Bücher, insbesondere religiöse Bücher, nicht als autonom wahrgenommen. Bücher bezogen ihre Autorität vielmehr von den jeweiligen Lehrern, die ihrerseits durch die "goldene Kette", die sie mit Mohammed verband, verbürgt waren.(33) Anderswo entwickelten Bücher eine inhärentere Autorität, die nicht durch den Text alleine, sondern durch die übergeordneten Institutionen gewährleistet wurde. Auch in diesem Fall bietet Alexandria ein frühes Beispiel. Zenodotos verstand es als Teil seiner Rolle als Bibliothekar, beispielhafte Texte zu produzieren.(34) Später war die Kirche bestrebt, ihre Texte zu standardisieren und alle Apokryphen zu eliminieren. Im Zuge dieses Bemühens verbreitete die Kirche auch die karolingische Minuskel als Standardschrift.(35) Auch die Universitäten übernahmen die Verantwortung für die textliche Integrität ihrer wichtigsten Werke, zuerst in Byzanz und später in Westeuropa. Im China des 10. Jahrhunderts, wo die Leichtigkeit und mangelnde Haltbarkeit von Druck und Papier direkt mit der Unveränderlichkeit von Stein und dessen Verlässlichkeit verglichen wurde, übernahm die Nationale Akademie die Aufgabe der Qualitätskontrolle.(36) Ein ähnlicher Zweischritt lässt sich beim Aufkommen des Drucks im Westen beobachten. Wie Johns ausführt, war die Verlässlichkeit des Texts auch innerhalb von Ausgaben keine Frage des Drucks allein. Hier wie auch anderswo agierte die Institutionalisierung des Verlagswesens als Zentripetalkraft, um eine Verlässlichkeit zu gewährleisten, welche den durch die vermehrte Mobilität der neuen Technologien hervorgerufenen zentrifugalen Tendenzen begegnen sollte.(37) Zensur und später Urheberrecht stellten bedeutende Einschränkungen dar, wurden aber damals – und manchmal aus gutem Grund – als Formen der Sicherung verlässlicher Kopien entschuldigt.(38)

Eingrenzen und Entgrenzen

Solche Institutionalisierungen trugen dazu bei, den Text innerhalb des Buches konzeptuell zu umschreiben, wobei das Buch sich innerhalb einer Institution wie einer Bibliothek oder einem ähnlichen Autorisierungssystem befand. Wie wir im Falle des Gilgamesch gesehen haben, wirken materielle und institutionelle Einschränkungen, von Zedernholzkisten bis zur Bibliothek von Ninive, jeweils zusammen auf die Schlüsseltexte einer Gesellschaft ein. Dieses Konzept der Umschreibung ist in zwei wichtigen akademischen Begriffen enthalten. Einer dieser Begriffe ist Enzyklopädie, der eingekreiste Wissenskorpus, der für die Bildung ausschlaggebend ist. Der andere Begriff ist die Suche (search) selbst, die – wie die Enzyklopädie – etymologisch von den in den klassischen Sprachen verwendeten Wörtern für "Kreis" abstammt, und dessen Herkunft auf einen kreisförmig umschlossenen Wissenskorpus hinweist, der untersucht werden muss. Das heißt, die Suche steht nicht nur für die Nadel, sondern auch für den Heuhaufen. Die Vorstellung eines von einem Kreis umschlossenen und durchsuchbaren Korpus impliziert (und entwertet) natürlich einen zweiten Korpus, der als falsch, unecht, ephemer etc. ausgeschlossen wird.(39) Wie Chartier bemerkt, ist diese Vorstellung manchen der großen Einrichtungen der Gelehrsamkeit physisch eingeschrieben, etwa in Form der runden Lesesäle großer Nationalbibliotheken (von der Bibliothèque Nationale in Paris und dem alten Lesesaal des British Museum in London zur Library of Congress in Washington und Asplunds großartiger Nationalbibliothek in Stockholm). Diese verweisen auf die Kreise des etablierten Wissens, in denen die Suchenden sicher und verlässlich arbeiten können.(40) Doch wie die salons des refusés, die von den Künstlern gebildet wurden, die von den offiziellen Kunstausstellungen in Paris abgelehnt wurden, führten solche Versuche, Information mit Schranken zu versehen, unweigerlich zu weiteren Versuchen, diese Schranken zu durchbrechen. Auch wenn es vielleicht Zufall ist, so ist es doch bezeichnend, dass Wikipedia den Wortteil pedia beibehalten hat, aber den Wortteil Encyclo-, der auf den kreisförmigen Einschluss hindeutet, ablehnte. Zumindest symbolisch drückt dies einen Wunsch aus, nicht im Stile der Vergangenheit eingekreist zu werden, sondern sich immer weiter zu öffnen.(41) Wie ich zu sagen versucht habe, ist dieser Versuch alles andere als neu. Der Weg zur Offenheit ist vielleicht sogar eher zyklisch als linear. Versuche, im Namen der Freiheit auszubrechen, führen zu anderen Versuchen, Einschränkungen im Namen der Qualität einzuführen, was in der Folge zu neuerlichen Ausbruchsversuchen führt. Ein weiterer unbekümmerter Ausflug, diesmal zu den Veränderungen, die sich in England am Ende des 17. Jahrhunderts ereigneten, sollte es ermöglichen, eine Reihe von davor äußerst wichtigen Versuchen darzustellen, in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft eingeführte Suchgrenzen zu brechen.

Habermas behandelt in seiner Darstellung der Entwicklung einer "Öffentlichkeit" die Veränderungen der Politik. (42) In der wachsenden Bourgeoisie setzte sich die Auffassung durch, dass die besten politischen Entscheidungen dann getroffen werden könnten, wenn Bürger ihre persönlichen Partikularinteressen hinter sich lassen und in einen offenen Diskussionsraum eintreten würden. Die Suche nach politischen Lösungen richtete sich nun nicht mehr an den Monarchen, um von diesem Antworten zu erhalten, sondern setzt stattdessen auf freies Fragen, rationale Debatten und den offenen Austausch von Informationen. Diese Art der Suche konnte nicht mehr zu einer vorbestimmten Antwort führen, sondern vielmehr, wie es bei der amerikanischen Revolution der Fall war, zu Einsichten, die man sich vorher nicht vorstellte oder nicht vorstellen konnte – zu Antworten, die in gewisser Weise eine Eigenschaft des Suchverfahrens selbst sind. Damit ging es bei dieser Suche – anders als beim sokratischen Dialog – nicht mehr darum, eine Antwort zu enthüllen, die der Gesprächspartner schon kennt aber nicht wahrnimmt, es ging aber auch nicht mehr darum, auf etwas zurückzukommen, das bereits niedergeschrieben und entdeckt wurde, so wie dies bei scholastischen und religiösen Formen des Fragens der Fall war. Es ging darum, etwas zu finden, von dem man bisher nichts wusste, und was dem Wissen vielleicht gar nicht zugänglich war.(43) Zur selben Zeit entstand mit den Aktienmärkten ein vergleichbarer Vorgang im Bereich des Handels. Die Suche nach Aktienpreisen und damit dem Wert von Firmen stellte eben diesen Wert im Zuge des Handelns selbst her. Bis dahin war der Preis unbekannt, er zeigte sich erst im Zuge der ökonomischen Tätigkeit des Marktes. In ähnlicher Weise vertraten die Verfechter des Freihandels im Gegensatz zu den Merkantilisten die Auffassung, dass der Wert einer Nation als Ganzes nur durch offenen Handel bestimmt werden könne, nicht durch das Ansammeln (und Zählen) von Goldreserven. Und schließlich kann man auch in der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts die Ablehnung früherer Autoritäten und die Entwicklung eines ähnlichen Suchverfahrens mit offenem Ausgang beobachten. Galileo, Descartes, Boyle, Hooke, Huygens und die anderen empirischen Wissenschaftler der Frühmoderne, befragten die Natur mit sonderbaren Geräten und Suchen mit offenem Ausgang, zum Entsetzen anderer Zeitgenossen vom Papst bis Thomas Hobbes. Die Wissenschaft war nicht mehr ein Ort der scholastischen Figuren und ihrer alten Bücher, sondern ein offener Frageprozess, der sich nicht von Institutionen und behauptetem Expertenwissen beeindrucken ließ. Wie schon Chaucers Wife of Bath in einer bekannt gewordenen Äußerung festhielt, ist die Erfahrung, und nicht die Autorität, die Währung des wissenschaftlichen Bemühens.


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