30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Katja Mayer

Zur Soziometrik der Suchmaschinen

Ein historischer Überblick der Methodik

Mathematische Netzwerke oder Graphen

Die Soziometriker fertigten Soziogramme zu Beginn manuell und ad-hoc an, was vielfach als Mangel an Wissenschaftlichkeit der Methode kritisiert wurde. Die konsequente Kritik am intuitiven Soziogramm führte in den 1940er Jahren zum Vorrang der Notation der Daten in Matrizenform. Die daraus resultierende Standardisierung der Daten zur sozialen Interaktion sollte einen objektiveren Umgang mit den Daten ermöglichen.(20) Darstellungen von sozialen Beziehungen in Matrizenform brachten einen Mathematisierungsschub der Soziometrie mit sich.(21) Erstmals konnten mit mathematischer Hilfe Subgruppen identifiziert werden und der Status einer Person, ihr Prestige, in einem sozialen Netzwerk berechnet werden, alles auf Basis der gemessenen sozialen Beziehungen. Über diese Notationsform gelangten schließlich in den 1950er und frühen 1960er Jahren auch erste topologische bzw. graphentheoretische Ansätze in die Soziometrie. Der soziale Raum konnte folglich in Form seiner Verhältnisse topographisch erfasst werden.


Die ersten Verfahren zur elektronischen Kalkulation von soziometrischen Daten ebneten weiter den Weg zur graphentheoretischen Soziometrie. Die Soziomatrizen lieferten die notwendigen Voraussetzungen und die Soziogramme verloren vorerst an Bedeutung. Die Verfechter der Soziogramme bemängelten allerdings, dass man in der Matrizennotation nur schwerlich soziale Formen, wie Dreiecke, Stars und Ketten erkennen könnte, und verlangten nach mathematischen Verfahren, welche solche Ansichten auch in Matrizen und Resultatslisten übertragen konnten.(22)

Vorerst erlaubte die formale Bearbeitung von Netzwerkdaten jedoch endlich die Operationalisierung von gerichteten und gewerteten Verbindungen und vor allem die Analyse der Gruppenstruktur vom Standpunkt jedes einzelnen Gruppenmitglieds aus.(23) Dieser Ansatz war besonders für die sich gerade formierende Theorie der Gruppendynamik interessant, um Gruppenzusammenhalt, sozialen Druck, Kooperation und Herrschaftsverhältnisse zu modellieren. Doch die Applikation von solchen Algorithmen war schwierig und langsam, Computer waren so gut wie nicht verfügbar, und wenn doch, bedeutete die Erstellung der Lochkarten einen ungeheuren Aufwand. So konnten sowohl die Erstellung eines Soziogramms als auch die Berechnungen eines kleinen Netzwerkes sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.(24) Wollte man spezielle strukturelle Muster erkennen und bereits bestehende Konzepte testen, wie "isolates", "cliques" (25), "density" und Zentralität (26), war ebenfalls viel Aufwand notwendig.

Zentralität und Diffusion vermessen

Das Konzept der Zentralität zählt sicherlich zu den bekanntesten der Netzwerkanalyse und wurde – aufbauend auf der topologischen Psychologie Kurt Lewins – von der Gruppe um Bavelas in psychologischen Laborexperimenten am MIT im Hinblick auf die Konsequenzen von Kommunikationsstrukturen entwickelt.(27) Das Experiment muss man sich wie folgt vorstellen: Fünf Studenten saßen an einem runden Tisch und waren durch Wände von einander getrennt. Sie sollten gemeinsam eine Aufgabe lösen, konnten aber nur per schriftlichen Mitteilungen miteinander kommunizieren. Die Information bestand aus sechs Symbolen. Die Teilnehmer erhielten jeweils eine Karte mit fünf Symbolen – bei jedem fehlte ein anderes – und sollten durch Kooperation das fehlende sechste Symbol recherchieren. Bei Ertönen eines Signals durften farbig kodierte Mitteilungen ausgetauscht werden. Nach dem Versuch füllten die Teilnehmer einen Fragebogen zu ihrer Einschätzung der Performance aber auch ihrer Befindlichkeit aus. Oftmals wurden von den Experimentleitern auch gezielt Störungen in den Ablauf eingebaut und Kommunikationskanäle unterbrochen. Mit dieser stark vereinfachten Kommunikationssituation wollte man Diffusion und Autorität aus dem zweckgeleiteten Gruppenverhalten ermessen.

Aus der Studie wurde der Schluss gezogen, dass in effizienten Kommunikationsnetzwerken immer eine Person zur zentralen Anlaufstelle wird, die das Wissen sammeln muss und dadurch auch eine gewisse Machtposition hält. In dezentralen Netzwerken hingegen würde Information ineffizient fließen. Diese und ähnliche Studien waren mit neuartigen Diagrammen ausgestattet, welche die idealtypischen Kommunikationsmuster zeigen sollten: Kreis, Kette, Y und Rad (X). Die Muster konnten in Folge auch auf Maßzahlen abgebildet werden.


Ein zentraler Akteur hat viele soziale Beziehungen, doch für seine Machtposition ist sein sozialer Status, seine Autorität ausschlaggebend.(28) Die Kontrolle über knappe Güter zeigt sich erst in der Richtung der Beziehungen. Positioniert sich der Akteur mit hohem Prestige zudem noch zwischen untereinander nicht verbundenen Gruppen und fungiert so als Brücke, hält er eine Schlüsselposition im Netzwerk inne. Aus der Berechnung der Zentralität und des sozialen Status entwickelten sich vielfältige formale Methoden des Ranking eines Knotens in einem Netzwerk.

Man denke beispielsweise auch an das berühmte (und oft kritisierte) "small world" Experiment von Stanley Milgram.(29) Auf der Suche nach Diffusionsmustern wurden Versuchspersonen gebeten, ein Paket ausschließlich über persönliche Bekannte weiterzugeben, so dass es möglichst rasch an der Zieladresse ankomme. Milgram zählte die Zwischenstationen und prägte die Idee der "six degrees of separation", indem er das Ergebnis dieser und ähnlicher nachfolgender Studien auf die Bevölkerung der USA extrapolierte.

Die Interessen der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforscher verlagerten sich allmählich durch die vermehrte Zusammenarbeit mit Statistikern und Kommunikationsforschern und der Anwendung von Computern auf die Verbreitungsmodalitäten von Information in der Gesellschaft. Soziale Gruppen, oder, weiter gefasst, soziale Netzwerke wurden nun auf ihre Durchlässigkeit hin untersucht, auf ihre sozialen Gravitationen und ihre unterschiedlichen Logiken. Im Jahre 1957 beschrieben Coleman, Katz und Wenzel in einem klassischen Paper die sozialen Prozesse in Form von Kommunikationen, welche letztlich zur Einführung eines neuen Medikamentes führten.(30) In Interviews fragten sie Ärzte nach deren professionellen und privaten Kontakten rund um die Einführung des Medikaments. Sie sollten die Namen von jeweils drei Ärzten nennen, mit denen sie freundschaftlich und beratend verbunden sind. Hierbei standen weniger der Inhalt der Kommunikation im Mittelpunkt des Interesses als die Frage, wie und mit wem kommuniziert wurde, bis schließlich das neue Medikament angenommen wurde. Sie konnten zeigen, dass sich Ärzte sehr stark von ihrem direkten informellen und professionellen Umfeld beeinflussen lassen. Je höher der Vernetzungsgrad, desto höher der Grad der Akzeptanz des neuen Medikaments.

In weiterführenden Untersuchungen zu Cliquen, Eliten und sozialen Bewegungen wurde versucht, ein Instrumentarium zu entwickeln, wie man meinungsbildende Knoten erkennen könne.(31) Solche Studien kümmerten sich nicht mehr um die ursprüngliche Forderung, Soziometrie immer gemeinsam mit den Klienten, mit deren Einverständnis und zu deren Nutzen durchzuführen. Denn die fortschreitende Mathematisierung und die damit einhergehende Normierung statteten nicht nur empirische Beobachtungen und Befragungen mit präziseren Instrumenten aus, sondern erlaubten nun auch komplexe Themengebiete mittels Filterung von Dokumenten nach Namen oder Begriffen strukturell abzubilden. Die sozialen Beziehungen der Untersuchungssubjekte, ihre social ties und sozialen Entscheidungen konnten im Rückgriff auf bestimmte Beziehungstypen aus Texten und Datensammlungen heraus bestimmt werden. Die Analyse sozialer Strukturen wurde mehr und mehr zum data mining und bot fortan auch jenseits sozialwissenschaftlicher Forschung interessante Möglichkeiten. Neben sozialpsychologischen Interventionen oder anthropologischen Untersuchungen von dörflichen oder kleinstädtischen Gemeinschaften, Heiratsregeln, sozialen Interaktionen an Arbeitsplätzen oder sozialen Konflikten, fanden sich bald unzählige Studien zu Kommunikationsverhalten, Meinungsbildung, Produktivität, Innovation und Optimierung gesellschaftlicher Zusammenhänge. Diese bedienten sich ebenfalls graphentheoretischer Methoden aus dem Umfeld der Soziometrie und Sozialpsychologie.


Dossier

Open Data

Open Data steht für die Idee, Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen. Welches Potential verbirgt sich hinter den Daten, die Behörden und Ministerien, Parlamente, Gerichte und andere Teile der öffentlichen Verwaltung produzieren? Das Dossier klärt über die Möglichkeiten offener Daten für eine nachhaltige demokratische Entwicklung auf und zeigt, wie Datenjournalisten mit diesen Datensätzen umgehen.

Mehr lesen

Dialog

Die Netzdebatte

Netzdebatte ist das Debattenportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Weblog greift Themen auf, die die Gesellschaft bewegen. Netzdebatte erklärt Hintergründe, bildet Positionen ab und bietet einen Ort zum Diskutieren.

Mehr lesen

spielbar.de

spielbar.de informiert über Computerspiele und erstellt pädagogische Beurteilungen. Pädagogen, Eltern und Gamer sind eingeladen, ihre eigenen Beurteilungen, Meinungen und Kommentare zu veröffentlichen.

Mehr lesen auf spielbar.de